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Kapitalismus als ontologische Subversion

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Part of the Ethische Ökonomie. Beiträge zur Wirtschaftsethik und Wirtschaftskultur book series (ETH.ÖKO., volume 2)

Zusammenfassung

Da phänomenologisch immer das Wie entscheidend ist, wodurch eine Erscheinung sich phänomenalisiert, können die Entstehungsbedingungen des Kapitalismus als einer ontologischen Revolution ersten Ranges nicht in äußeren Umständen liegen. Damit Arbeit als lebendige Produktivkraft allein auf dem Markt gekauft werden kann, muß sie von allem getrennt werden, was sie bis zur kapitalistischen Revolution an Erde und Werkzeuge als „Mit-Ereignis“ des Lebens band. So wie Heidegger in der Korrelation von Denken und Sein das Grundereignis der Eröffnung des Seins sieht, so ist lebensphänomenologisch — nach einem Ausdruck Husserls — das „Im-Griffbehalten“ allen Seins jenes noch fundamentalere Ereignis, aus dem sich das „Mit-Ereignis“ von Leib und Erde erklärt. Wir haben analysiert, daß die Werkzeuge einen proto-kulturellen und wirtschaftlichen Übergang der subjektiven Anstrengung in Arbeit hinein darstellen, um die Resistenz der Erde (Boden, Rohstoffe) sich einzuverleiben. In dieser phänomenologischen Sicht ist die Erde, das uns umgebende Universum, eine originäre Lebenwelt, das heißt das Sein der Dinge für das Leben und im Leben, in dem kein Bruch zwischen der subjektiv-lebendigen Arbeit, den Produktionsmitteln, der Erzeugung und dem Verbrauch stattfindet. Es ließe sich auch sagen, daß vorindustriell die Ur-Kultur der sinnlicheren Weltwahrnehmung und der aktivpraktischen Weltaneignung ein kulturelles Ereignis bildete: nämlich das „Mit-Ereignis“ von Leben und Welt in stets lebensteleologisch-lebendigen Akten, die in sich nur das Prinzip „Leben“selbstmodal abwandeln und insofern auch nicht primär „geschichtliche Ereignisse“ sind, was unsere Analyse von der historistischen wie der lebensphilosophischen Perspektive mit ihrer meist hermeneutischen Untersuchungsmethode grundsätzlich unterscheidet.

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Notes

  1. 23.
    In der Terminologie der Wirtschaftssprache ausgedrückt heißt dies, daß zentralistische Planung zwar den physischen Ausstoß und Verbrauch einer Wirtschaft zu berechnen vermag, aber nicht die subjektiven Kosten, die nicht global vorhersehbare Präferenzen einschließen. Vgl. zu dieser Debatte schon in der 30er Jahren: F. A. von Hayek (Hrsg.): Collectivist Economic Planing. Critical Studies on the Possibilities of Socialism (1933), Clifton (Kelley) 1975; P. Koslowski: Gesellschaftliche Koordination (1991), S. 45 ff.Google Scholar
  2. 24.
    Vgl. M. Pietsch: Die Industrielle Revolution, Freiburg-Basel-Wien (Herder) 1964; A. O. Hirschmann: Leidenschaften und Interessen. Politische Begründungen des Kapitalismus vor seinem Sieg, Frankfurt a. M. (Suhrkamp) 1980; F. A. von Hayek: Der Wettbewerb als Entdeckungsverfahren, Kiel (Institut für Weltwirtschaft) 1968.Google Scholar
  3. 25.
    Deshalb unterscheidet sich diese Analyse auch von F. Kambartel’s Kritik des Markt-und Preissystems als einer rein „ökonomischen Situation“, in der dem Arbeiter, der seine Arbeit mag, dasselbe Gehalt bezahlt wird, wie dem, der sie nur erduldet; vgl. Theorie und Begründung, Frankfurt a. M. (Suhrkamp) 1976: „Bemerkungen zum normativen Fundament der Ökonomie“. Denn Kambartel will diese Situation durch eine konsensuelle Absprache oder partizipative Abstimmung ersetzen, was aber in diesem Fall abstrakte Diskurselemente zum Maßstab der Subjektivität machen würde. Wenn seinerseits P. Koslowski: Gesellschaftliche Koordination (1992), S. 53 f., die freie Berufswahl und eine „nicht-monetäre Extra-Rente in Form höherer beruflicher Befriedigung“ ins Feld führt, dann ist einerseits die „freie Berufswahl“ weitgehend ein bloßes Desiderat geworden und andererseits die „Extra-Rente“ der Befriedigung keine Antwort auf die transzendentale Frage, wie Subjektivität sich grundsätzlich zu einem Äquivalentensystem verhält, das zufällig auch Befriedigung verschafft, aber von seinem Ansatz daran nicht interessiert ist. Deshalb sind ja gerade im Bereich der „Personalführung“ neue kulturtheoretische Ergänzungen zur Betriebs-und Volkswirtschaftslehre notwendig geworden, weil vom Urprung her der Kapitalismus nur die reine Arbeitskraft ohne jedwede „Befindlichkeit“ derselben sah.Google Scholar
  4. 26.
    Du communisme au capitalisme (1990), S. 141 ff.; vgl. Die Barbarei. Eine phänomenologische Kulturkritik, Freiburg/München (Alber) 1994, S. 169 ff. Außerdem S. Pejovich (Hrsg.): Philosophical and Economic Foundations of Capitalism, Lexington (Heath) 1983; M. Novack (Hrsg.): The Denigration of Capitalism. Six Points of View, Washington (American Entreprise Institute) 1979.Google Scholar
  5. 27.
    Vgl. Human Action. A Treatise on Economics, New Haven (Yale University) Press 1949, 297. Dazu P. Koslowski: Gesellschaftliche Koordination (1991), S. 55 f. Zu den unterschiedlichen Kapitalformen (Mehrwert, Surplus, Profit, Zins, Rente, Investion etc.): O. von Nell-Breuning/J. H. Müller: Vom Geld und Kapital, Freiburg-Basel-Wien (Herder) 1962, S. 96 ff.; P. Koslowski: Ethik des Kapitalismus, Tübingen (Mohr) 41991, S. 15 ff.; K. Schiller: Betrachtungen zur Geld-und Konjunkturpolitik, Tübingen (Mohr) 1984.Google Scholar
  6. 28.
    Artifiziell insofern, weil als Körperschaften zum Teil „ethische“ Entscheidungen übernommen werden sollen, „Ethos“ jedoch grundlegend an die transzendentalsinnliche „Betroffenheit“ der Subjektivität allein gebunden ist. Überfordert andererseits, da diese Entscheidungen „kulturelle“ Vorgaben implizieren, die an sich aus der Gesamtkultur herrühren müssen, so daß hier eine prekäre „Stellvertreterfunktion“ übernommen wird, die an sich nicht mehr überschaubar ist, wenn man an die Einführung irreversibler Technikprozesse denkt. Vgl. zur Diskussion A. Kleinfeld-Wernicke: „Person oder Institution — Zur Frage nach dem Subjekt moralisch verantwortlichen Handelns des Unternehmens“, Jahrbuch für Philosophie des Forschungsinstituts für Philosophie Hannover, 5 (1994), S. 163–180.Google Scholar
  7. 29.
    Vgl. unter anderem M. Heidegger: Die Technik und die Kehre, Pfullingen (Neske) 41978; F. G. Jünger: Die Perfektion der Technik, Frankfurt a. M. (Klostermann) 71993; F. Dessauer: Streit um die Technik, Frankfurt a. M. (Knecht) 1956; M. Benedikt/R. Kasper „Naturtechnik und Urteilskraft“, in: W. Lütterfelds (Hrsg.): Transzendentale oder evolutionäre Erkenntnistheorie?, Darmstadt (Wissenschaft. Buchgesellschaft) 1987, S. 189–209; H. Kahn/A. J. Wiener: Ihr werdet es erleben. Voraussagen der Wissenschaft bis zum Jahre 2000, Reinbek (Rowohlt) 1971; D. Bell: Die Zukunft der westlichen Welt. Kultur und Technologie im Widerstreit, Frankfurt a. M. (Fischer) 1979.Google Scholar

Copyright information

© Physica-Verlag Heidelberg 1996

Authors and Affiliations

  1. 1.Institut für Philosophie derUniversität WienWienGermany

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