Advertisement

Wirtschaft als Proto-Kultur

Chapter
  • 13 Downloads
Part of the Ethische Ökonomie. Beiträge zur Wirtschaftsethik und Wirtschaftskultur book series (ETH.ÖKO., volume 2)

Zusammenfassung

Obwohl die phänomenologisch-lebendige Realität der Individuen also der Wirtschaft als abstrakter Wesenheit fremd ist, bildet die Kraft der Individuen nichtsdestoweniger — wie für die Kultur — die effektiv pro-duzierende Voraussetzung für alle ökonomischen Verhältnisse. In dem Maße, wie der Wirtschaftsbereich die Bedingung der Aufrechterhaltung und der Weiterentwicklung des Lebens beinhaltet, wird dieses Leben daher in seinem alltäglichen Bedürfnisvollzug aufs äußerste bedroht, sobald die subjektiven Kräfte der Anstrengung und Arbeit schwanken, unterbrochen werden oder sogar absterben. Wie im kulturellen Bereich entsteht mithin auch im wirtschaftlichen Bereich alles durch die Individuen, so daß von hier aus schon eine innere Verbindung zwischen Kultur und Wirtschaft besteht. Während durch die Kultur, welche die Lebenssteigerung an sich ist, die subjektiven Kräfte und Vermögen eine im weitesten Sinne ästhetische Verfeinerung erfahren, findet im ökonomischen Bereich eine erste Bündelung dieser subjektiven Potentialitäten auf ein erstes Sichsteigern hin statt, das die Bestätigung ihrer selbst als vermögender Kraft ist. Da dies nicht ohne Akte der Nachahmung akkumulierten Produktionswissens, ohne Entdeckung neuer Verfahren zum Beispiel, aber auch nicht ohne eine gewisse geübte Geschmeidigkeit und Geschicklichkeit der Leibesbewegungen geht, oder des Gedächtnisses und Denkens, ist bereits auf dieser Stufe des materiellen Produzierens eine sozusagen „anonyme“ Präsenz des Kulturellen gegeben, auch wenn diese zumeist nicht als solche deklariert ist, weil wir den Kulturbegriff weitgehend aufgrund einer langen „Metaphysik der Repräsentation“ erst im Bereich der künstlerisch-genialen Werke anwenden.

Preview

Unable to display preview. Download preview PDF.

Unable to display preview. Download preview PDF.

Notes

  1. 13.
    Vgl. M. Henry: Radikale Lebensphänomenologie. Ausgewählte Studien zur Phänomenologie, Freiburg/München (Alber) 1992, S. 293–326: „Das Leben und die Republik“, hier bes. S. 316 ff. Insofern ist jede ökonomisch-staatliche Begünstigung von „Kultur“ als „Sinnstabilisierung“, wie beispielsweise C. Herrmann-Pillath sie fordert (anstatt die tatsächlichen „Schöpfer“ als Künstler etc. hauptsächlich entscheiden zu lassen), im Ansatz problematisch. Vgl. „Wissenschaft und Kultur als Kräfte gesellschaftlicher Ordnung während der Transformation“, in: C. Hermann-Pillath (Hrsg.): Marktwirtschaft als Aufgabe. Wirtschaft und Gesellschaft im Übergang vom Plan zum Markt, Stuttgart (G. Fischer) 1994, 383–397, hier S. 293 ff.Google Scholar
  2. 14.
    Vgl. Leben des Geistes, Freiburg-Basel-Wien (Herder) 1977, hier bes. das Kap. „Das Können“ (S. 41–52) mit Darstellungen und Analyse von Faustkeil, Form, Feuer, Struktur, Hingabe sowie Können/Machen. Vgl. auch in paläontologisch-kulturwissenschaftlicher Sicht R. Grabmann/H. Müller-Beck: Urgeschichte der Menschheit, Stuttgart u. a. (Kohlhammer) 31952, Kap. III, 1–3: Anfänge der Technologie und der Kultur, Urkulturen in Europa, Gerätearten etc. (S. 169 ff); J. Röpke: Primitive Wirtschaft, Kulturwandel und die Diffusion von Neuerungen, Tübingen (Mohr) 1970.Google Scholar
  3. 15.
    Vgl. G.-K. Kaltenbrunner (Hrsg.): Überleben und Ethik. Die Notwendigkeit, bescheiden zu werden, Freiburg-Basel-Wien (Herder) 1976 (Lit.); L. Wegehenkel (Hrsg.): Marktwirtschaft und Umwelt, Tübingen (Mohr) 1981.Google Scholar
  4. 16.
    Es läßt sich in dieser Epochéeinstellung als die „Gabe des Lebens“ bezeichnen; zur Problematik dieses Begriffs in der gegenwärtigen philosophischen wie kulturellen Diskussion vgl. R. Kühn: „Phänomenologie als Onto-do-logie? Zur Philosophie der Gabe“, Philosophischer Literaturanzeiger, 4773 (1994), S. 290–310. In wirtschaftskultureller Hinsicht läßt sich daher sagen: „Wir konsumieren eher, um kreative Produzenten zu sein, als daß wir produzieren, um zu konsumieren. Eine Wirtschaftsordnung muß beim Postulat der Produktionsfreiheit und nicht primär bei der Konsumfreiheit oder Konsumentensouveranität beginnen.“ P. Koslowski: Gesellschaftliche Koordination (1991), S. 37, begründet seine Aussage mit der entelechialen Freiheit, wir sehen aber, daß das Leben grundsätzlich mehr gibt (produziert) als es nimmt (konsumiert), weshalb ontologisch auch dieses Leben selbst noch „vor“ jeder Freiheit kommt.Google Scholar
  5. 17.
    Vgl. G. Siegmund: Der Glaube des Urmenschen, Bern-München (Francke) 1962, S. 23 ff.; Ad. E. Jensen: Die getötete Gottheit. Weltbild einer frühen Kultur, Stuttgart (Kohlhammer) 1966, S. 11 ff., 125 ff.; K. Palanyi: Primitive, Archaic and Modern Economics, Boston (Beacon Press) 1971. Zur oben erwähnten „Kulturpathologie“ vgl. hingegen E. Spranger: Kulturpathologie. Reden bei der feierlichen Eröffnung des SS 1947 (Tübingen Reihe Universität Tübingen Nr. 37) 1947. Über „Konjunktur“ O. Schlecht: Konjunkturpolitik in der Krise, Tübingen (Mohr) 1983.Google Scholar
  6. 18.
    Vgl. W. Holleis: Unternehmerkultur und moderne Psyche, Frankfurt a. M. (Campus) 1987; P. Ulrich: „Systemsteuerung und Kulturentwicklung. Auf der Suche nach einem ganzheitlichen Paradigma in der Managementlehre“, Die Unternehmung, 38/4 (1984), S. 303–322. Letzterer sieht diese Kultur im einzelnen 1. als Identitätsstiftung (Wir-Gefühl), 2. als symbolische Legitimation nach außen und Motivation nach innen, 3. als Konsensstiftung (Firmentradition, Verständigungspotential), 4. als Orientierung (Verringerung fremd erscheinender Regelung) und 5. als Eröffnung von Lernpotentialitäten. In diskurstheoretischer Überschätzung verabsolutiert er jedoch hierbei die Koordinierbarkeit von Begehrungen und Handlungen; vgl. auch P. Ulrich: Transformation der ökonomischen Vernunft. Fortschrittsperspektiven der modernen Industriegesellschaft, Bern/Stuttgart (Haupt) 1986. Außerdem A. O. Hirschmann: Abwanderung und Widerspruch. Reaktionen auf Leistungsabfall bei Unternehmungen, Organisationen und Staaten, Tübingen (Mohr) 1974.Google Scholar
  7. 19.
    M. Henry: Du communisme au capitalisme (1990), S. 125. Zur Erhaltung der Werte im Produkt vgl. auch K. Marx: Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, Frankfurt a. M./Wien (Europäische Verlagsanstalt) o. J., S. 270 ff.Google Scholar
  8. 20.
    Für die Etymologie und Begriffsgeschichte von „Kult“ vgl. den entsprechenden Artikel von W. Schmidt-Biggemann, in: Historisches Wörterbuch der Philosophie 4, Darmstadt (Wissenschaftl. Buchgesellschaft) 1976, Sp. 1300–1309; des weiteren R. Döbert: Systemtheorie und die Entwicklung religiöser Deutungssysteme, Frankfurt a. M. (Suhrkamp) 1973, S. 87 ff., über den Zusammenhang von Religionsgeschichte und Gesellschaftsformen.Google Scholar
  9. 21.
    Th. Luckmann gründet auf solche Erstorientierungen im Kosmos die Möglichkeit einer „Proto-Soziologie“; vgl. Lebenswelt und Gesellschaft. Grundstrukturen und geschichtliche Wandlungen, Paderborn (Schöningh) 1989. Außerdem R. KÜHN: Studien zum Lebens-und Phänomenbegriff, Cuxhaven-Dartford (Junghans) 1994, Kap. VIII.3: „Zur Phänomenologie der Technik und der Natur als Grund“ (S. 393–414).Google Scholar
  10. 22.
    Vgl. auch G. Lukács: Zur Ontologie des gesellschaftlichen Seins. Die ontologischen Grundprinzipien von Marx, Darmstadt/Neuwied (Luchterhand) 1972, Teil II, 11: „Die Arbeit als teleologische Setzung“; A. Schmidt: Der Begriff der Natur in der Lehre von Marx, Frankfurt a. M. (Europäische Verlagsanstalt) 21971, S. 74 ff. In der beschriebenen phänomenologischen Hinsicht gilt dann auch, daß sich „Präferenzen“ nicht erst bilden, „wo Wertqualitäten wahrgenommen und erlebt werden, [die] dann in einem zweiten Schritt ethisch durch das Verallgemeinerungsprinzip und ökonomisch durch das Preissystem koordiniert werden können.“ P. Koslowski: Gesellschaftliche Koordination (1991), S. 84. Diese These verstehender Kulturphilosophie nach Diltheys Kreislaufschema von Erleben und Ausdruck muß noch lebensphänomenologisch tiefer fundiert werden, insofern Leibsein selbst schon kulturelle Sinnlichkeit bedeutet und eine solche passiv-habituelle Vorgabe den „Stil“ der Wert-„Stellungnahme“ jeweils prägt.Google Scholar

Copyright information

© Physica-Verlag Heidelberg 1996

Authors and Affiliations

  1. 1.Institut für Philosophie derUniversität WienWienGermany

Personalised recommendations