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Axiome des systematischen Erkenntnisgewinns in der Medizin

  • Axel W. Bauer
Conference paper

Zusammenfassung

„Ich habe mich auf die Erläuterung der Hauptlinien der Entwicklung konzentriert. … Wichtige Namen wurden darum vor allem als Symbole für Gruppen von Männern, die alle in derselben Richtung arbeiteten, behandelt. Einige Namen wurden weggelassen, obwohl sie ebenso wichtig sind wie viele der erwähnten; doch repräsentieren sie weniger klar die Hauptströmungen des medizinischen Fortschritts“ (1). Mit dieser Vorbemerkung eröffnete der damals in Madison/Wisconsin lehrende Medizinhistoriker Erwin H. Ackerknecht (1906–1988) im Jahre 1955 seine Monographie A Short History of Medicine, die 1959 erstmals in deutscher Sprache erschien und seither als gängiges Lehrbuch für Medizinstudenten Verwendung findet. Nicht nur für Ackerknecht war es damals vollkommen unstrittig, daß es einen objektiv beschreibbaren medizinischen Fortschritt gebe, der vor allem im Verlauf des 20. Jahrhunderts — wenigstens in den Industrienationen Europas und den USA — zu früher ungeahnten diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten geführt habe. Als Beleg für die Annahme eines solchen naturalistischen Automatismus diente jenes lineare Konzept der Medizingeschichte, das die erwähnten „Hauptströmungen des medizinischen Fortschritts“ in eklekti-zistischer Manier aneinanderreihte, um so das von der anachronen Gegenwartsperspektive gewünschte Resultat zu erhalten. Historische Ereignisse, Prozesse und Strukturen, die nicht in das intendierte Szenario paßten, wurden auf diese Weise entweder retuschiert oder als „Umwege“, „Abwege“ oder „Irrwege“ charakterisiert. Als Fixpunkt dieser positivistischen Geschichtsschreibung diente das Leitbild der naturwissenschaftlichen Medizin, die als das seit der Mitte des 19. Jahrhunderts alleingültige Forschungsparadigma beschrieben wurde.

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© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 1998

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  • Axel W. Bauer

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