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Bakteriologie und Biologie des Gonokokkus

  • Walter Levinthal

Zusammenfassung

Als in der Frühzeit der bakteriologischen Ära, im Jahre 1879, unter dem Eindruck der Entdeckungen Robert Kochs, der Forschungen Paul Ehrlichs, der Assistent an der Breslauer Universitätsklinik Albert Neisser die eitrigen Urethralsekretionen akut Gonorrhöekranker mikroskopischer Untersuchung unterzog, entdeckte er einen bis dahin unbekannten, in großer Menge und fast immer rein den Eiter durchwachsenden Mikrokokkus, den er mit guten Gründen als „der Gonorrhöe eigentümlich“, als Erreger der Krankheit ansprach. Von den drei berühmten, damals noch strikte geltenden Postulaten Henle-Kochs konnte er schon bei dieser Publikation die ersten beiden erfüllen. In allen seinen 35 Fällen männlicher Urethritis gonorrhoica von einer Krankheitsdauer zwischen 3 Tagen und 13 Wochen, in 9 Fällen weiblichen Urethraltrippers, im Scheidenfluor von 2 sicher gonorrhoisch infizierten Mädchen, bei 7 Blennorrhöen Neugeborener, die 1 Tag bis 6 Wochen bestanden, und bei 2 Conjunctivalgonorrhöen Erwachsener fand er als einzigen charakteristischen Bakterienbefund den gleichen Kokkus, während andererseits zahlreiche Genitalsekrete Nicht-Tripperkranke, darunter 13 Fälle von Fluor vaginalis sich als negativ erwiesen. Die dritte Forderung freilich, Reinzüchtung und experimentelle Erzeugung der Krankheit mit der Reinkultur, blieb vorerst noch unerfüllt. In seiner zweiten „referierenden Mitteilung“ 1882 konnte Neisser seine erste Publikation erweitern, ohne freilich einige irrtümliche Deutungen auszumerzen und entscheidende Versuche über Züchtung und experimentelle Infektion beizubringen. Als Färbemittel wird hier im Gegensatz zu dem anfangs verwandten Methylviolett das Methylenblau Ehrlichs, freilich mit einer heute grotesk anmutenden Technik, angegeben und in seinen einzigartigen Vorzügen gerühmt, jener Farbstoff also, der heute noch bei der mikroskopischen Diagnose der Praktiker das Feld beherrscht. Erschöpfend und in gutem Einklang mit unseren heutigen Anschauungen wird die Morphologie und Lagerung der „Gonokokken“ geschildert, das charakteristische Verhältnis zwischen Keim und Eiterzelle freilich noch verkannt; Neisser hält noch an seiner ursprünglichen Ansicht fest, daß die Keime den Leukocyten wie den Epithelzellen nur aufgelagert seien und gelegentlich „in den Kern hineinwüchsen“, während der Schweizer Ophthalmologe Haab schon 1881, wie später Bumm, das bedeutungsvolle Moment der intracellulären Lagerung erkannte. Und Bumm ist es denn auch, dem nach den unsicheren Versuchen Neissers als erstem die einwandfreie Züchtung auf festen Nährböden und schon früher mit flüssigen Reinkulturen die künstliche Infektion der Frau gelang, und der so den Kreis der ätiologischen Forschung schloß der spezifische Erreger des Trippers st Neissers Micrococcus gonorrhoeae, der Gonokokkus.

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Copyright information

© Julius Springer in Berlin 1926

Authors and Affiliations

  • Walter Levinthal
    • 1
  1. 1.BerlinDeutschland

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