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Über sexuelle Verirrungen

  • Otto Kaus
  • Fritz Künkel

Zusammenfassung

Bei der Behandlung der Frage der sexuellen Verirrungen (Sexualperversionen) erwächst uns eine eigentümliche Schwierigkeit bereits beim Versuch, den Kreis von Erscheinungen aus dem Sexualleben abzugrenzen, die man als „pervers“, „krankhaft“ oder „abnormal“ anzusprechen befugt ist. Es ist nicht ohne weiteres festzustellen, welche Formen der Sexualbetätigung im konventionellen Sprachgebrauch des Alltags und der Fachwissenschaft als abnorm gelten. Je nach der Tradition, den religiösen und moralischen Abhängigkeiten eines Volkskreises oder einer Bevölkerungsschicht wird sich die Grenze, die das Normale und Erlaubte vom Abnormalen und Verpönten scheidet, sehr stark verschieben. Alfonso de Liguori z. B. zeigt in seiner Moraltheologie in bezug auf die Formen des Sexualverkehrs eine große Toleranz. In den Anweisungen zur Abnahme der Beichte für die Priester wird jede Form des Sexualverkehrs (zwischen Ehegatten) als erlaubt und Gott wohlgefällig hingestellt, welche nicht auf Verhinderung der Konzeption gerichtet ist. Die mannigfachsten erotischen Manipulationen werden sogar als empfehlenswert bezeichnet, insofern sie das Zustandekommen des Sexualverkehrs fördern, der ohne ihre Hilfe nicht gelingen würde. Durch diese Definition wird für den Verkehr zwischen Andersgeschlechtlichen und kirchlich Verheirateten kaum eine Form der Sexualbeziehung ausgeschlossen, auch jene nicht, die selbst einem liberalen Sexualempfinden als eindeutig abnorm gelten könnten. Dieser Toleranz, der man die Abstammung des Katholizismus vom sinnenfreudigen romanischen Süden anmerkt, steht die strengere puritanische Auffassung gegenüber, die jedes Abweichen von der charakteristischen Form des Sexualverkehrs unter allen Bedingungen verpönt, oder gar die Auffassung gewisser religiöser Sekten, welche den normalen Verkehr selbst zwischen Ehegatten nur als Schwäche, Verirrung und Verunreinigung gelten lassen wollen. Wer im Banne dieser Sekten lebt, wird demnach auch beim normalen Sexualverkehr von einem sündhaften, „perversen“ Gefühl verfolgt.

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Copyright information

© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 1926

Authors and Affiliations

  • Otto Kaus
    • 1
  • Fritz Künkel
    • 1
  1. 1.BerlinDeutschland

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