Elemente des langfristigen Planungsprozesses: Eine konzeptionelle Übersicht

Chapter
Part of the Ethics of Science and Technology Assessment book series (ETHICSSCI, volume 41)

Zusammenfassung

Jeder Planungsprozess befasst sich mit der Zukunft. Letztlich dient der Planungsprozess dazu, über einen mehr oder weniger genau definierten Zeithorizont bestimmte Zwecke und Ziele zu erreichen oder erreichbar zu halten. Der Zweck der Planung, sowie die damit verbundenen Ziele, werden über die im Planungsprozess zu regulierenden Handlungen und Maßnahmen angestrebt und verwirklicht.

3.1 Vorbemerkungen

3.1.1 Zum konzeptionellen Hintergrund

Jeder Planungsprozess befasst sich mit der Zukunft. Letztlich dient der Planungsprozess dazu, über einen mehr oder weniger genau definierten Zeithorizont bestimmte Zwecke und Ziele zu erreichen oder erreichbar zu halten. Der Zweck der Planung, sowie die damit verbundenen Ziele, werden über die im Planungsprozess zu regulierenden Handlungen und Maßnahmen angestrebt und verwirklicht.

Ob, wann und wie die im Planungsprozess festgelegten Handlungen zu vollziehen sind, hängt von vielerlei situationsspezifischen Bedingungen ab. Eine allgemeingültige deskriptive Analyse des Planungsprozesses läuft daher schnell Gefahr, entweder auf zu abstraktem Niveau Trivialitäten wiederzugeben oder in der Auswahl der konkreten Beispiele beliebig zu werden. Dennoch scheint es geboten, am Beginn einer Analyse langfristigen Planens einen konzeptionellen Rahmen zu spannen, der es erleichtert, die verschiedenen Aspekte des Planungsprozesses einzuordnen und die relevanten Interdependenzen zu strukturieren. Dies ist das Ziel dieses Kapitels.

Planungsprozesse, zumal im öffentlichen und politischen Raum, betreffen viele Dimensionen. Nicht zuletzt aus diesem Grund ist die vorliegende Analyse interdisziplinär bzw. transdisziplinär angelegt. Ohne diesen Ansatz methodisch einzuengen bietet sich eine aus der Ökonomie entlehnte Herangehensweise für eine konzeptionelle Übersicht an. Dabei ist die hier zu entwickelnde ökonomische Herangehensweise explizit als „positiv“ zu verstehen, d. h. sie impliziert keinerlei normative oder ideologische Festlegungen, obwohl sich gerade an der Frage der Planung und der Rolle des Staates eine alte und noch immer aktuelle Debatte festmacht. Historisch war diese Debatte seit jeher von zwei konträren Standpunkten geprägt. Auf der einen Seite steht die Vorstellung, Marktmechanismen führten zu einer effizienten Allokation von Ressourcen. In einfachen Worten besagt diese Argumentationslinie, dass ein Eingriff des Staates (unter bestimmten Annahmen) nicht nötig oder sogar der Effizienz abträglich ist, weil der Markt über den Preismechanismus Angebot und Nachfrage in Einklang bringt. Staatliche Interventionen bzw. staatlich gelenkte („geplante“) Angebots-, Nachfrage-, oder Preispolitik verzerrt diesen Mechanismus und führt so zu gestörten Mengen und Preisen, von denen aus Effizienzverbesserungen im Pareto-Sinn möglich sind. Auf der anderen Seite wird die Vorstellung vertreten, erst staatliche Planung könne die gesamtwirtschaftliche Wohlfahrt maximieren. Diesem Argument liegt die Annahme von unvollständigen Märkten mit Rigiditäten, Marktmacht, oder Informationsasymmetrien zugrunde, die zu ineffizienten Allokationen und Preisen führt. Geeignete wirtschaftspolitische Interventionen können hier zu Verbesserungen führen. Eine extreme Ausprägung dieses Gedankens findet sich im sozialistisch geprägten Streben nach einer von staatlicher Seite zentral geplanten Ökonomie, die Produktionsmengen, Investitionen und die Verteilung der Ressourcen in Mehrjahresplänen zentral festlegt.

Auch wenn man keinen dieser beiden extremen Standpunkte vertritt, so erscheint es doch unabweisbar, dass wirtschaftliches Handeln auf der Ebene eines Individuums bzw. eines einzelnen Unternehmens sehr viel Planung erfordert. Dabei geht es um Planung in den verschiedensten Dimensionen, von der individuellen Budgetplanung, Investitionsplanung oder Urlaubsplanung, bis hin zu geplanten Veränderungen in Ausbildung oder Beruf bis hin zu geplanten Innovationen, Marktstrategien und Produktveränderungen. Die im Folgenden entwickelte konzeptionelle Übersicht des Planungsprozesses basiert – um die Darstellung möglichst einfach zu halten – auf der Analogie eines planenden Individuums und behandelt daher explizit nicht die oben genannte Debatte zwischen verschiedenen ideologischen Standpunkten. Der Ausgangspunkt auf Basis eines methodologischen Individualismus dient der Vereinfachung und der besseren Illustration. In den nachfolgenden Abschnitten rücken dann zunehmend die korporativen Akteure (etwa Unternehmen oder „der Staat“) in den Focus. Dabei sind dann auch zahlreiche Abgrenzungserfordernisse zu reflektieren, etwa die zwischen dem planenden Subjekt, den Ausführenden des Plans, und den vom Plan jeweils Betroffenen. Dies ist hier zunächst ausgeklammert. Die erste Übersicht beginnt mit einem planenden Individuum, das gleichzeitig Planender, Ausführender und Betroffener seines Plans ist.

In diesem Kapitel soll versucht werden, die Elemente des dynamischen Planungsprozesses anhand eines einfachen Grundmodells zu charakterisieren. Diese Charakterisierung dient vornehmlich der konzeptionellen Strukturierung der für einen Planungsprozess relevanten Aspekte. Den geeigneten Ausgangspunkt für die Charakterisierung des langfristigen Planungsprozesses bildet die Theorie der dynamischen Optimierung, wie sie in der Ökonomie Anwendung findet. Diese Herangehensweise impliziert – wie schon betont – keine Vorfestlegung auf ein bestimmtes Modellparadigma oder eine Ideologie. Vielmehr soll anhand einer bewusst abstrakt gehaltenen Darstellung die Struktur von Planungsprozessen herausgearbeitet werden und eine Einordnung der im späteren Verlauf und in anderen Beiträgen im Detail besprochenen Aspekte erleichtern.

3.2 Das Grundmodell dynamischer Optimierung

Im Mittelpunkt des zu entwerfenden Planungsmodells steht ein imaginäres Individuum. Dieses Individuum, der „Planer“, plant also seine Entscheidungen. Aber wozu, wie, welche und warum? Diese Fragen spannen den Rahmen für die Elemente des Planungsmodells. Im Folgenden soll zunächst das Gesamtmodell in abstrakter Weise erläutert werden, um danach konkrete Aspekte zu diskutieren und die praktische Relevanz des abstrakten Modellrahmens aufzuzeigen. Um ein Minimum an Anschaulichkeit zu gewährleisten wird das Modell anhand des Beispiels eines jungen Individuums entwickelt, das sich Gedanken darüber macht, wie es sein weiteres Leben, und hier insbesondere die wirtschaftlichen Aspekte seines Lebens im Sinne von Konsum und Arbeit (bzw. Freizeit), gestalten soll.

3.2.1 Zentrale Bestandteile des Modells

Das dynamische Optimierungsmodell hat drei zentrale Bestandteile: Die Zielfunktion, die Rahmenbedingungen, und das Informationsumfeld.

3.2.1.1 Zielfunktion

Die Zielfunktion definiert, wie der Name bereits sagt, die Ziele, die im Planungsprozess über den Planungshorizont hinweg erreicht werden sollen. Die Zielfunktion spiegelt, im ökonomischen Jargon, die Präferenzen des Planers wieder. Der einfachste Fall ist ein quantitatives Ziel, so etwa der mit einer bestimmten Erfahrung oder Realisierung assoziierte „Nutzenwert“. In der Ökonomie wird oft angenommen, dass dieser Nutzenwert durch reelle Zahlen quantifizierbar ist. Gleichfalls sind aber natürlich auch qualitative Ziele denkbar. Diese Ziele können ebenfalls positiv oder negativ belegt sein – man will sie erreichen oder vermeiden. Die Optimierung impliziert dementsprechend eine Maximierung oder Minimierung des entsprechenden Ziel- oder Nutzenwertes. Natürlich ist es denkbar, dass mehrere Ziele auf einmal in Einklang gebracht werden müssen und daher miteinander konkurrieren (oder einander verstärken). Ein wesentliches Teilziel, das aber in der Regel nicht beachtet wird, weil es gerade nicht Gegenstand der Planung ist, sondern sich durch Planung gewissermaßen en passent ergibt, ist oft (wenn auch nicht immer, vgl. Kap. 6), die Verfügbarkeit eines Plans selbst. Die Verfügbarkeit eines Plans ist oft schon notwendige Bedingungen dafür, dass überhaupt zwischen verschiedenen Handlungsoptionen entschieden und dann „zielstrebig“ ein Zweck mit absehbarer Wahrscheinlichkeit erreicht werden kann. Dies – und die Frage, wieviel an Zeit, Mühe und Aufwand in die Planung zu investieren ist (die sog. Transaktionskosten“) – ist bei allen nachfolgenden Überlegungen mit zu bedenken.

Die Zielfunktion beinhaltet nicht nur die Präferenzen, sondern auch den Planungshorizont: Über welchen Zeitraum soll sich der Planungsprozess (oder das Optimierungskalkül) überhaupt erstrecken? Damit verbunden ist auch das Konzept von Zeit. Hier unterscheidet man oft zwischen stetigen Prozessen, die permanent ablaufen, und diskreten Prozessen, bei denen nur an fix vorgegebenen unterschiedlichen Zeitpunkten Entscheidungen getroffen und Ziele evaluiert werden. Für die Charakterisierung des optimalen Plans ist diese Unterscheidung jedoch nicht ausschlaggebend, sondern hat lediglich technische Implikationen. Auch ist es für die weitere Diskussion (und für die Charakterisierung eines dynamischen Optimierungsproblems) generell unbedeutend, wie lang der Zeithorizont ist, über den sich der Plan erstreckt. Insbesondere macht es keinen fundamentalen Unterschied, ob der Planungshorizont endlich oder unendlich lang ist.

Im gewählten Beispiel könnte es also das Ziel eines jungen Individuums sein, sein über sein Leben erfahrenes Wohlbefinden (seinen im Laufe seines Lebens erfahrenen aufsummierten Nutzen) zu maximieren. Dieser Nutzen wird beispielsweise beeinflusst durch den Konsum von Gütern, sowie durch den Nutzen der erlebten Freizeit. Beides, Güterkonsum und Freizeit, erhöhen den Nutzen (das Wohlbefinden) des Individuums. Alternativ könnte man annehmen, das Individuum maximiert seinen Nutzen aus Güterkonsum und Arbeitszeit, wobei der Güterkonsum positiven Nutzen stiftet, während Arbeitszeit, über die mit der Arbeitszeit verbundene Einbuße an Freizeit, einen negativen Nutzen stiftet.

Die Zielfunktion ist dem Planer bekannt, anderenfalls wäre eine Planungshandlung unmöglich. Naturgemäß kann sich die Zielfunktion jedoch abhängig vom Kontext stark unterscheiden. Selbst bei einem Planungsprozess wie dem im Beispiel beschriebenen kann bei unterschiedlichen Individuen der durch Güterkonsum und Freizeit erzeugte Nutzen ganz unterschiedlich sein. Das eine Individuum mag durch Güterkonsum stärker beglückt werden als durch Freizeit, während dies für ein anderes Individuum genau umgekehrt sein könnte. Auch könnte sich in der Analogie des Staates als Planer die Zielfunktion stark unterscheiden, je nachdem welche Partei oder welches politische Spektrum die relevanten Entscheidungen im Planungsprozess trifft. Im Folgenden soll zur vereinfachenden Darstellung und unter Absehung von den oft gerade dadurch komplizierten Lebensverhältnissen angenommen werden, dass die Zielfunktion gegeben ist und durch die Handlungen des Planenden nicht verändert wird. (Siehe zu den dadurch sich ergebenden Entscheidungsproblemen unten, Kap. 7).

Während die Zielfunktion den mit bestimmten Handlungen oder Allokationen einhergehenden Nutzen abbildet, gehen möglicherweise noch weitere Faktoren in die Zielfunktion ein. Da es sich beim Planungsprozess um einen dynamischen Prozess handelt, spielt beispielsweise auch die Aufteilung des Nutzens über den Planungshorizont eine wichtige Rolle. Diese Aufteilung wird durch Präferenzen über die Zeit an sich beeinflusst. Ein Beispiel für dies ist Ungeduld. Selbst mit den gleichen Präferenzen für den Konsum von Gütern und Freizeit ergeben sich für zwei Individuen möglicherweise völlig andere Handlungsoptionen aus dem Planungsprozess, wenn ein Individuum sehr ungeduldig ist, während das andere Individuum sehr geduldig ist. Ungeduld wird in der Ökonomie oftmals in Form eines Diskontfaktors, der weiter in der Zukunft liegende Größen entsprechend reduziert, ausgedrückt, wobei größere Ungeduld sich durch höhere Diskontierung künftiger Größen manifestiert (vgl. hierzu unten, Kap. 7).

Ein zweiter Aspekt in diesem Zusammenhang ist die Akzeptanz von Unsicherheit und Risiko. Da in der Zukunft liegende Dinge, etwa die Verfügbarkeit von Arbeitsplätzen und Verdienstmöglichkeiten, mit Unsicherheit behaftet sind, spielt es unter Umständen eine wichtige Rolle für den Planungsprozess, wie bereit der Planer ist, Risiken einzugehen.

Ein dritter Aspekt ist die Rolle der Zeit selbst. So kann der mit den aus der Durchführung des Plans einhergehenden Handlungen entstehende Nutzenwert davon abhängen, wann die entsprechende Realisation eintritt. Im Beispiel des jungen Individuums könnte etwa der Nutzen aus dem Konsum von Gütern und Freizeit vom Alter abhängen. Man denke etwa an den Nutzen von Freizeit in jungen Jahren im Vergleich zum Nutzen von Freizeit im Alter. Meist wird, hauptsächlich der Einfachheit halber, angenommen, dass das dynamische Optimierungsproblem zeitautonom ist, dass also die Zeit selbst keine Rolle für den Nutzenwert ist. Diese Annahme ist jedoch nicht zwingend, ebenso wie die Annahme der sogenannten Zeitadditivität, nach der Nutzenrealisationen an verschiedenen Zeitpunkten vergleichbar und miteinander substituierbar sind. Diese Annahmen dienen der Vereinfachung. Allerdings schließen sie vielfach sehr relevante Aspekte aus, etwa wie der Zeitablauf und die im Zeitablauf getroffenen Handlungen, die künftigen Handlungsoptionen und Planungen beeinflussen (s. u., Kap. 7).

Im Folgenden werden diese Aspekte noch näher beleuchtet werden. Aus dieser Diskussion ergibt sich jedoch unmittelbar der zweite Bestandteil eines dynamischen Optimierungsmodells.

3.2.1.2 Rahmenbedingungen

Die Rahmenbedingungen beschreiben, intuitiv gesprochen, das Umfeld, in dem Planung stattfindet. Dieses Umfeld hat verschiedene Aspekte, die für das Verständnis des Planungsprozesses wichtig sind.

Der erste Aspekt sind mögliche Restriktionen für den Planungsprozess. Diese Restriktionen können statischer oder dynamischer Natur sein und sind essenziell für den Planungsprozess. Statische Restriktionen umfassen zum einen die engeren Restriktionen für den Planungs- und Optimierungsprozess. Diese Restriktionen werden oft als „Budgetbeschränkung“ bezeichnet und beschreiben äußere Zwänge, die vom Planenden in seiner Planung berücksichtigt und respektiert werden müssen. Dynamische Restriktionen machen das Planungsproblem erst dynamisch, indem sie die zeitliche Dimension ins Spiel bringen und festlegen, wie sich Handlungen in Folgen für die künftigen Handlungsoptionen niederschlagen. Somit bestimmen diese dynamischen Restriktionen die Bewegung in den für den Plan relevanten Zuständen und Zustandsvariablen über die Zeit. Diese können vom Planer nicht unmittelbar beeinflusst werden und müssen in allen künftigen Zeitpunkten in denen Aktionen durchgeführt werden oder werden können, als gegeben angenommen werden.

Anhand des Beispiels des jungen Individuums lassen sich statische und dynamische Restriktionen illustrieren. Ein Beispiel für eine statische Restriktion ist etwa das Zeitbudget, das dem Individuum zur Verfügung steht. Jeder Tag hat eine fixe Anzahl an Stunden, über die das Individuum verfügen kann. Angenommen, acht Stunden werden für physische Notwendigkeiten wie Schlaf, Essen und Körperpflege veranschlagt, so stehen 16 h zur freien Verfügung. Die Entscheidung über Arbeit und Freizeit betrifft also die Aufteilung dieser 16 h auf die beiden Tätigkeiten. Das Gesamtbudget (16 h) ist jedoch fix und muss bei jedem Plan berücksichtigt werden. Pläne, die zu einem bestimmten Alter vorsehen, 25 h Freizeit pro Tag zu genießen, sind unmöglich. Eine weitere Restriktion ist die statische Ressourcenbeschränkung, die eine Verbindung zwischen Güterkonsum und Freizeit über das zur Verfügung stehende Budget herstellt: Um Ressourcen zum Kauf von Gütern, die Nutzen stiften, zur Verfügung zu haben, muss das Individuum diese Ressourcen erst beschaffen. Eine Möglichkeit dazu stellt die Aufgabe von Freizeit dar, die, in Form von Arbeitszeit, zwar eine Nutzeneinbuße mit sich bringt, aber gleichzeitig über den damit verbundenen Verdienst den Konsum von (mehr) Gütern ermöglicht. Die Budgetrestriktion induziert also einen Zielkonflikt zwischen dem Erreichen eines hohen Gesamtnutzens durch möglichst hohen Güterkonsum und möglichst hohen Freizeitkonsum: Beide Ziele sind aufgrund der Budgetrestriktion nicht gemeinsam erreichbar und miteinander vereinbar und erfordern somit eine Abwägung. Eine weitere zentrale Rahmenbedingung ist der Wechselkurs, zu dem zwischen Güter- und Freizeitkonsum substituiert werden kann. Im gegebenen Beispiel ist dieser Wechselkurs äquivalent zum Lohnsatz, mit dem etwa eine Stunde Arbeit (Freizeitverzicht) entlohnt wird, und der damit verbundenen Kaufkraft im Sinne der Menge an dafür erhältlichen Gütern.

Weitere Rahmenbedingungen sind technologischer Art, etwa, wie Güter durch Arbeitszeit geschaffen werden, inwiefern Güter und Zeit handelbar sind, und zu welchen Preisen; und wie die entsprechenden Güter- und Arbeitsmärkte ausgestaltet sind.

Die dynamische Budgetrestriktion kann im Beispiel über die Möglichkeit illustriert werden, Ersparnisse zu bilden. So ist es denkbar, dass das junge Individuum in einem Lebensabschnitt viel arbeitet, also wenig Freizeit konsumiert, verbunden mit den damit einhergehenden Nutzeneinbußen. Im Gegenzug konsumiert es aber nicht mehr Güter, sondern bildet Ersparnisse, die dazu dienen können, in der Zukunft einen höheren Lebensstandard in Form von Güter- und Freizeitkonsum zu realisieren. Hierbei sind ebenfalls weitere Rahmenbedingungen relevant, etwa das Vorhandensein und Funktionieren von Kapitalmärkten, die diese intertemporale Substitution zwischen Arbeit und Güterkonsum erst ermöglichen. Dieser Aspekt betrifft auch die Möglichkeit, negative Ersparnisse zu bilden, also mehr Güter und Zeit zu konsumieren als gegebene Ressourcen dies in einer Periode erlauben würden, gegen das Versprechen, dieses Defizit in der Zukunft abzubauen. Diese Möglichkeit wirft auch die Frage nach der Konsistenz eines Plans auf, die unten vertieft wird.

Abschließend sei festgehalten, dass der Plan so ausgestaltet sein muss, dass Umweltbedingungen und Restriktionen, die zum Planungszeitpunkt als gegeben gelten müssen, respektiert werden. Das schließt natürlich nicht aus, dass der Plan selbst durchaus auch die für die künftige Durchführung des Plans gültigen Restriktionen gegebenenfalls beeinflussen kann. Derartige Beeinflussungen sind in der Tat ein zentraler Bestandteil eines jeden langfristigen Planungsprozesses (s. u., Kap. 4). So ist klar, dass die im Beispiel angesprochene Bildung von Ersparnissen darauf abzielt, die (statische) Budgetrestriktion in der Zukunft zu lockern, indem in der Zukunft mehr Ressourcen zur Verfügung stehen als (statisch) erwirtschaftet werden können. Die umgekehrte Bedeutung kommt etwaigen Schulden zu, die zur Vorfinanzierung bestimmter Ausgaben gemacht und später wieder abgetragen werden müssen. Andere Beispiele sind die Lockerung des Zeitbudgets, etwa durch gezielte Maßnahmen zur Verkürzung der für physische Notwendigkeiten erforderlichen Zeit. Im Allgemeinen sind Rahmenbedingungen und die damit verbundenen Restriktionen oftmals technologischer Art, manifestiert durch die zur Erzielung von Arbeitseinkommen genutzte Technologie, aber ebenso durch die für die intertemporale Substitution von Einkommen notwendige Spartechnologie. Diese Technologien können sich natürlich im Zeitablauf ändern, entweder durch Vorgänge, die nicht im Ermessen des Planers sind, oder durch gezielte Investitionen zur Veränderung der entsprechenden Technologien. Im Allgemeinen verursachen Tätigkeiten, die die Rahmenbedingungen zu einem Zeitpunkt beeinflussen, Kosten. Dies verdeutlicht die Komplexität des Planungsprozesses, der im Prinzip sämtliche dieser Tätigkeiten und ihrer Implikationen bewerten muss. Festgehalten werden muss an dieser Stelle dennoch, dass jedes Planungsproblem unveränderlichen Restriktionen ausgesetzt ist. Ein Beispiel dafür ist die Restriktion des Lebenszeitbudgets des Individuums im Beispiel: Egal wie viel Zeit das Individuum über sein Leben verteilt arbeitet und Konsumiert (und das ist das Ergebnis des Plans, wie unten näher beschrieben wird) kann es nicht sein, dass das Individuum länger arbeitet als es lebt, oder insgesamt mehr konsumiert als es im Leben an Einkommen erwirtschaftet.

3.2.1.3 Informationsumfeld

Der dritte Modellbestandteil ist entsprechend das Informationsumfeld. Aufgrund der dynamischen Natur des Planungsprozesses ergibt sich immer die Möglichkeit, dass planungsrelevante Aspekte dem Planer zum Zeitpunkt der Planung (noch) nicht, oder nicht ganz, bekannt sind. Die Planung wird daher auf Basis von Einschätzungen bezüglich bestimmter noch nicht ganz bekannter Umweltparameter und auf Basis von Erwartungen künftiger Entwicklungen vorgenommen. Beide Dimensionen, die statische Ungewissheit über relevante Größen, und die Erwartungen über bestimmte dynamische Entwicklungen und Realisierungen von bisher ungewissen Größen in der Zukunft, implizieren unter Umständen einen Lernprozess. Analog zu den Investitionen, die für die Veränderung künftiger Rahmenbedingungen durchgeführt werden können, ergibt sich natürlich auch im Kontext des Informationsumfelds die Möglichkeit solcher Investitionen. So können möglicherweise Ressourcen aufgewendet werden, um die Unsicherheit über bestimmte Umweltfaktoren, oder über die Auswirkungen bestimmter Handlungen, zu reduzieren.

3.2.2 Planung als Optimierungsproblem

Das beschriebene Modell erlaubt es, den Planungsprozess in Form eines Optimierungsproblems zu strukturieren und zu beschreiben.

Der zentrale Aspekt des Planungsprozesses betrifft, was eigentlich geplant werden soll und kann: Die Aktionen im Sinne von Politik- oder Wahlvariablen. Diese Optionen beschreiben die Menge aller möglichen Aktionen zu jedem Zeitpunkt während des Planungshorizontes. Diesen gegenüber stehen die oben bereits angesprochenen Zustände oder Zustandsvariablen, die vom Planer nicht beeinflusst werden können und als gegeben angenommen werden müssen.

Das junge Individuum im Beispiel könnte etwa seinen Lebensnutzen durch die Wahl der Höhe des Güter- und Freizeitkonsums zu jeder Lebensperiode beeinflussen und maximieren. Durch die Wahl des Güter- und Freizeitkonsums in jeder Periode ist, über die Budgetrestriktion, automatisch festgelegt, wie viele Ressourcen in Form von Ersparnissen über die Zeit transferiert werden. Wenn das Individuum am Anfang des Lebens etwa wenige Güter konsumiert, aber viel Arbeitet, dann kann es automatisch einen Bestand an Ersparnissen aufbauen und in die Zukunft transferieren. Der Bestand an Ersparnissen zu einem bestimmten Alter repräsentieren also eine Zustandsvariable, da sie nicht unmittelbar vom Individuum beeinflussbar sind, sondern über die vorangegangenen Konsumentscheidungen hinsichtlich Gütern und Zeit determiniert werden. Weitere Zustandsvariablen sind der Lohnsatz (etwa, wenn das Individuum über den Pfad seines Arbeitsangebotes über das Leben seinen Erfahrungsschatz, sein Wissen, und damit den Lohn beeinflusst).

Die Planung im Sinne der Lösung eines dynamischen Optimierungsproblems umfasst die Festlegung eines optimalen Pfads von Aktionen über den gesamten Planungshorizont, um die gegebenen Ziele optimal zu erreichen, und zwar unter Berücksichtigung der entsprechenden Rahmenbedingungen und des Informationsumfelds.

3.2.3 Der optimale Plan

Die Lösung des dynamischen Optimierungsproblems ist die Formulierung eines Plans bezüglich des Verlaufs der Politikvariablen über den Planungshorizont. In einfachen Modellen wie dem bisher beschriebenen kann diese Lösung über verschiedene mathematische Verfahren und Methoden ermittelt und charakterisiert werden. Die in der Ökonomie gängigsten Verfahren zur Lösung dynamischer Optimierungsprobleme sind die der optimalen Kontrolle (optimal control theory) und die der dynamischen Programmierung (dynamic programming). Die Eigenschaften des (von spezifischen der Lösungsmethode unabhängigen) optimalen Planes werden am besten durch die Charakterisierung der sich aus diesen Verfahren ergebenden Optimalitätskriterien greifbar. Im Folgenden sollen diese kurz und intuitiv beschrieben werden, ohne dabei in die mathematischen Details zu gehen. Zu erinnern ist in diesem Zusammenhang an die gemachten Einschränkungen und Voraussetzungen: So sind insbesondere die Zielfunktionen vollständig bekannt und verändern sich nicht im Zeitraum der Plandurchführung, bleiben insbesondere auch mit Blick auf schon erreichte Zwischenziele konstant. Auch ist der auf seine Optimalität hin zu prüfende Plan P isoliert zu betrachten – andere, potentiell interferierende Pläne sind nur insoweit berücksichtigt, insoweit sie zu den Rahmenbedingungen von P gehören, die der Planer respektieren muss, wenn er erfolgreich sein will. Das aber geht ebenfalls mit gewissen Konstanzannahmen einher, die im Alltag faktischer Planer nicht immer oder sogar eher selten erfüllt sind – man denke nur an die Inkohärenzen zwischen den Plänen des Jugendlichen, der einmal gerade einem Rentenberater gegenüber sitzt und sich einen Sparplan zurechtlegt, und den Plänen desselben Jugendlichen, der gleich beim Verlassen der Bank auf seine Angebetete trifft, die er mit einer Essenseinladung zu gewinnen hofft. Mit der Konstruktion eines optimalen Plans wird daher keineswegs die Modellierung faktischen Planens angestrebt als vielmehr die Herausbildung einer „leitenden Idee“ (Kant), auf die hin die im Weiteren anzustellenden Überlegungen zu einer Planungsrationalität, die den faktischen Restriktionen angemessen ist, und die zu entwickelnden Kriterien zur Güte eines Plans hin auszurichten sind.

Um optimal zu sein, muss ein Plan mehrere Bedingungen erfüllen. Zunächst darf der Plan keine der geltenden Restriktionen und Rahmenbedingungen verletzen. Auch sollte er die vorhandene Information effizient nutzen, anderenfalls wäre der Plan offensichtlich nicht optimal. Zum dritten darf der Plan keine offensichtlich suboptimalen Handlungen implementieren. Dies betrifft suboptimale Handlungen im statischen wie dynamischen Sinn. So kann es ist es beispielsweise zu keinem Zeitpunkt für das junge Individuum im Beispiel optimal sein, zu einem sehr niedrigen Zinssatz zu sparen, wenn das Individuum gleichzeitig sehr ungeduldig ist und somit Nutzen aus dem Konsum in der Zukunft als sehr gering einschätzt. Ähnliche Erwägungen lassen sich auch zum Konsum von Freizeit bei einem gleichzeitig sehr hohen Lohnsatz für Arbeit heranziehen. Diese Bedingungen beschreiben Bedingungen intertemporaler Optimalität. Intuitiv legen diese Bedingungen fest, wie der Plan verschiedene Zeitperioden miteinander verknüpft und auf Veränderungen in den Rahmenbedingungen reagiert.

Eine weitere Bedingung für Optimalität ist durch das Erfordernis der langfristigen Konsistenz des Plans mit den Restriktionen gegeben. Diese Bedingung, oft als Übergangs- oder Transversalitätsbedingung bezeichnet, besagt, dass es nicht mit einem optimalen Plan vereinbar ist, dass die globalen Rahmenbedingungen verletzt werden. Im Beispiel des Lebenszeitnutzens unseres jungen Individuums bedeutet das, dass es weder mit einem optimalen Plan vereinbar ist, am Ende des Lebens große Ersparnisse zu besitzen, noch, am Ende mit Schulden dazustehen. Unter Umständen ist es jedoch so, dass eine Rahmenbedingung für den Planungsprozess einen bestimmten Endbestand an Bestandsvariablen vorschreibt.

Schließlich sollte der Plan das dynamische Optimalitätsprinzip (im Sinne von Bellman (1957)) respektieren, nachdem es zu keinem Zeitpunkt während des Planungshorizonts eine (noch so marginale) Abweichung vom Plan gibt, die eine globale Verbesserung zur Folge hat. In anderen Worten heißt dies, dass der Plan die optimale Politik zu jedem Zeitpunkt während des Planungshorizonts und für jede denkbare Konstellation an Rahmenbedingungen und Informationen beschreibt. Der optimale Plan weist also in gewisser Weise auch eine Pfadabhängigkeit auf, die Zeitkonsistenz impliziert. Diese Zeitkonsistenz besagt im Prinzip, dass das, was heute als Teil des optimalen Plans angesehen wird, morgen immer noch optimal sein sollte. Zufällige oder notgedrungene Abweichungen vom optimalen Plan, etwa beim Auftreten neuer Informationen oder der Realisierung von zufälligen Ereignissen, die bei der ursprünglichen Planfestlegung noch nicht bekannt sein konnten, machen jedoch möglicherweise Anpassungen nötig ohne dabei die Zeitkonsistenz zu verletzen. Vielmehr sind in solchen fällen Anpassungen erforderlich, um so die Optimalität des Plans weiterhin zu gewährleisten, oder, bei der Entdeckung eines Fehlers, wenigstens einen zweitbesten Pfad an Aktionen zu implementieren.

Ebenfalls ist denkbar, dass die Beeinflussung der Umweltbedingungen und damit des Zustandsraumes durch im Plan festgelegte Handlungen dazu führen kann, dass es zu Pfadabhängigkeiten kommt. So ist etwa denkbar, dass bestimmte Aktionen in der Durchführung des Plans spätere Aktionen und Aktionsmöglichkeiten beeinflussen, ja sogar verunmöglichen. Derartige Pfadabhängigkeiten sind unter Umständen sogar gewollt, etwa aus Gründen der Selbstbindung im Kontext sich ändernder Interessen oder temporärer Präferenzänderungen. Die Notwendigkeit zur Selbstbindung tritt immer dann auf, wenn Pläne ex interim geändert werden können, dies aber zum Zeit der Festlegung des Plans, also ex ante, als nicht wünschenswert angesehen wird. Ein Beispiel im Kontext individueller Planung ist zeitinkonsistentes Verhalten, wie es etwa bei einer Sucht auftritt. Um den Rückfall in die Sucht zu vermeiden werden oftmals geplant Handlungen getroffen, die das Suchtverhalten unmöglich machen, etwa die bewusste Sperrung des Internetbrowsers. Analoges gilt im Kontext korporativer oder staatlicher Planung, wo der Plan bestimmte Aktionen vorsehen kann, die es im späteren Zeitablauf unmöglich machen, den Plan abzuändern, etwa im Fall eines Regierungswechsels.

Das nachfolgende Textfeld präsentiert eine formale Charakterisierung des bisher im Rahmen des Beispiels eines jungen Individuums beschriebenen Optimierungsproblems.

Beispiel: Eine formale Charakterisierung des dynamischen Optimierungsmodells:

Ein junges Individuum am Anfang seines Erwachsenenlebens plant seinen Konsum und sein Arbeitsangebot für den Rest seines Lebens, das zum Zeitpunkt T endet.

Politikvariablen: Güterkonsum und Freizeit,
$${c_t},{l_t},t \in [1,T]$$
Zustandsvariable: Bestand an Ersparnissen,
$$k,t \in [1,T]$$
Zielfunktion:
$$V = \sum\nolimits_{t = 1}^T {{\rm{D(\it t)U}}} (c,{l_t}){\rm{mit}}D(t)$$
als Diskontierungsfunktion (Zeitpräferenz) und U (·)als unmittelbarer Nutzenfunktion

Rahmenbedingungen: Anfangsbestand an Ersparnissen k0, Endbestand kT

Lohn wt, Zins rt,
$${r_t},\;t \in [1,T]$$
Ersparnisbildung:
$${k_t} = (1 + {r_t}){k_{t - 1}} + (1 - {l_t}){w_t} - {c_t},t \in[1,T]$$

Bestand an Information: xt

Optimierungsproblem:

$${\max _{\{ {c_t},{l_t}\} _{t = 1}^T}}{E_0}({x_0})\sum\nolimits_{t = 1}^T {{\rm{D(\it t)}}} {\rm{U}}({c_t},{l_t})\quad u.d.B.{k_t} = (1 + {r_t}){k_{t - 1}} + (1 - {l_t}){w_t} - {c_t},{k_0},\{ {w_t},{r_t}\} _{t = 1}^T$$

Maximierung des erwarteten (diskontierten) Lebenszeitnutzens auf Basis der verfügbaren Informationen und Erwartungen (reflektiert in den Erwartungen zum Zeitpunkt der Planerstellung, E0)

Plan (Optimale Lösung des Optimierungsproblems): Optimaler Pfad an Güterkonsum und Freizeit, der das Optimierungsproblem unter Einhaltung der Restriktionen und bei effizienter Verwendung der verfügbaren Informationen löst:

$$_0\{ {c_t},{l_t}\} _{t = 1}^T$$

Flexibilität: Kann der Plan nachträglich (während der Durchführung, d. h. bei Eintreffen neuer Information xτ und somit veränderten Erwartungen Eτ zu einem späteren Zeitpunkt τ > 0) verändert werden?

$$_0\{ {c_t},{l_t}\} _{t = 1}^T{\rm{ode}}{{\rm{r}}_\tau }\{ {c_t},{l_t}\} _{t = \tau }^T$$

3.3 Langfristige Planung als Anwendung des dynamischen Optimierungskalküls

Das beschriebene Planungsmodell und die darauf basierende Definition des Planungsprozesses und Plans erweisen sich in der fachlichen Anwendung als breit und flexibel einsetzbar. Dabei ist dieses Modell hinreichend transparent, um damit komplizierte und realistische Planungsprobleme zu strukturieren und zu modellieren. Insbesondere bietet das beschriebene Modell eine Art Blaupause und Orientierungsplan, um die im Folgenden im Detail behandelten Aspekte des Planungsprozesses zu verorten und ihren inneren Zusammenhang aufzuzeigen. Der Thematik entsprechend soll nun die Bedeutung sozialer und kognitiver Ressourcen für nachhaltige langfristige Planung anhand des skizzierten Modellrahmens diskutiert werden.

3.3.1 Langfristigkeit

Langfristigkeit bezieht sich im Planungskontext primär auf die Länge des Planungshorizontes. Je weiter in der Zukunft das Ende des Planungshorizontes liegt, umso komplexer wird das Planungsproblem, und zwar aus mehreren Gründen. Zum einen bedingt ein langer Planungshorizont eine größere Unsicherheit hinsichtlich der in der Zukunft realisierten Rahmenbedingungen und damit eine stärker ausgeprägte Unvollständigkeit der zum Zeitpunkt der Planung verfügbaren Informationen. Zum zweiten bedingt ein langer Planungshorizont eine stärkere Verzerrung der in jeder Periode realisierten Nutzenwerte in der Zielfunktion, aufgrund der mit der Verlagerung in die fernere Zukunft verbundenen Diskontierung. Zum dritten impliziert ein langer Planungshorizont eine größere Komplexität des Planungsprozesses, da mehr Informationen und Alternativen evaluiert werden müssen, um zu einer Lösung zu gelangen. Insofern hat die Länge des Planungshorizonts Auswirkungen auf die benötigten kognitiven Ressourcen beim Planungsprozess.

3.3.2 Nachhaltigkeit

Der Begriff der (planungsrationalen) Nachhaltigkeit (vgl. oben, Kap. 1) kann im vorliegenden Modellrahmen auf die Einhaltung bestimmter Optimalitätsbedingungen bezogen werden. Insbesondere die Einhaltung der Transversalitätsbedingung kann als Erfüllung des Nachhaltigkeitskriteriums interpretiert werden. Diese Bedingung besagt, dass die globalen Restriktionen des Planungsprozesses während des gesamten Planungshorizontes, insbesondere aber auch am Ende des Planungshorizontes, eingehalten werden müssen. Um wiederum beim Beispiel zu bleiben: Es ist nicht möglich, dass das junge Individuum am Ende seines Lebens ungedeckte Schulden hinterlässt, die es aufgrund überbordenden Güterkonsums und Freizeitkonsums während des Lebens angehäuft hat. Diese Rekonstruktion ist einschlägig für alle Fragen der Nachhaltigkeit, sei es die Staatsverschuldung, der Abbau von Bodenschätzen, der Verbrauch von Ressourcen oder die Nutzung von Energie. Umgekehrt gilt, dass ein Plan, der das Nachhaltigkeitskriterium im Sinne der Transversalitätsbedingung verletzt, nicht optimal sein kann. Wie bereits angesprochen beinhaltet dieses Konzept von Nachhaltigkeit natürlich die Möglichkeit, im Plan den Aufbau von Potenzialen zur späteren Nutzung (etwa von Ersparnissen), sowie Reserven und Redundanzen für den Fall sich ändernder Umweltbedingungen aufzubauen.

Eine alternative Interpretation des Begriffs Nachhaltigkeit ergibt sich aus der Betrachtung des Verlaufs der Politikvariablen entlang des optimalen Plans, beziehungsweise aus der Betrachtung des Verlaufs des Nutzenwertes der Zielfunktion zu jedem beliebigen Zeitpunkt. So wäre es beispielsweise denkbar, Nachhaltigkeit mit einem über die lange Frist stabilen Nutzenwert, oder mit geringen Veränderungen in der dem optimalen Plan zugrundeliegenden Politik zu verbinden. Auch bestimmte zusätzliche Restriktionen auf die Zustandsvariablen als Ausprägung von Nachhaltigkeit sind hier denkbar. Im Beispiel wäre dies etwa die Einführung einer in jeder Periode geltenden Verschuldungsgrenze zusätzlich zur globalen Verschuldungsgrenze des Individuums. Während die Lebenszeitbudgetrestriktion impliziert, dass der gesamte Konsum während des Lebens nicht das Lebenszeiteinkommen überschreiten kann, schließt dies nicht aus, dass sich das Individuum temporär extrem verschuldet. Eine in jeder Periode geltende Schuldenobergrenze würde dies vermeiden.

3.4 Kognitive Ressourcen

Die Bedeutung kognitiver Ressourcen im Planungsprozess wird offenkundig, wenn man sich vor Augen führt, welche Entscheidungen hinter dem Optimierungskalkül stehen. Der optimale Plan beschreibt nicht nur eine Aktion, sondern eine Folge von Aktionen über den gesamten Planungshorizont. Diese Aktionen können in mehreren Dimensionen getroffen werden, und an jedem Zeitpunkt bis zum Ende des Planungszeitraums. Im Beispiel wäre dies die Menge an Güter- und Freizeitkonsum zu jedem beliebigen Lebensalter. Der Plan ist also ein vieldimensionales, komplexes Objekt. Dabei sollte betont werden, dass eine Veränderung des Aktionsplans an nur einer einzigen Stelle im geplanten Ablauf einen alternativen Plan bedeutet. Der optimale Plan ist also derjenige Ablauf an Aktionen vom Planungszeitpunkt bis zum Ende des Planungshorizontes, der die beste aller denkbaren Optionen (zu jedem möglichen Zeitpunkt und in seiner Gesamtheit) darstellt.

Darüber hinaus ist der Plan keine starre Festlegung, sondern vielmehr ein Kontingenzplan. Das heißt, wenn sich Umweltbedingungen im Verlauf des Planungshorizontes ändern können, so sollte der Plan entsprechende Handlungsanweisungen für alle Eventualitäten enthalten. Wenn sich etwa der Lohn in einer Periode verändert, wird dies in der Lebensplanung des jungen Individuums entsprechende Konsequenzen nach sich ziehen. So würde es sich beispielsweise bei temporär hohen Löhnen buchstäblich auszahlen, temporär auch mehr zu arbeiten und weniger Freizeit zu konsumieren, wenn sich dadurch effektiver finanzielle Ressourcen ansparen lassen, die bei temporär niedrigem Arbeitseinkommen (etwa bei einer Rezession oder Arbeitslosigkeit) den Güterkonsum gewährleisten. Ein optimaler Plan sollte derartige Eventualitäten einschließen und entsprechende Flexibilität aufweisen. Dies vergrößert jedoch die Komplexität und damit den Bedarf kognitiver Ressourcen im Planungsprozess.

Ein weiterer Aspekt in diesem Kontext ist die Informationsverarbeitung selbst. Langfristiges Planen geschieht auf der Basis einer Einschätzung der aktuellen Lage, auch wenn nicht alle Details und Parameter, die für die Planung relevant wären, mit Sicherheit bekannt sind. Damit noch nicht genug muss der Plan, um Optimalität zu gewährleisten, auf den bestmöglichen (im Sinne der verfügbaren Informationen und der damit zu erzielenden Prognosegenauigkeit) Erwartungen hinsichtlich zukünftiger Entwicklungen in den Rahmenbedingungen beruhen. Diese Erwartungsbildung ist überaus komplex und erfordert daher weitere kognitive Ressourcen auf Seiten des Planers. Dies bedeutet jedoch nicht, dass der Planungsprozess notwendigerweise zu suboptimalen Plänen führt, wenn nicht alle relevanten Informationen zum Zeitpunkt der Planerstellung vorliegen. Vielmehr müssen die zur Verfügung stehenden Informationen bestmöglich genutzt und mögliche Informationsgewinne in der Zukunft, entweder durch Kontingenzpläne, falls eine nachträgliche Planänderung nicht möglich ist, oder durch Eingriffe in die Durchführung und nachträgliche Planänderungen, in den Plan eingearbeitet werden.

Bislang wurde unterstellt, dass sich Planer wie unser junges Individuum rational verhalten. Diese Annahme wird, mangels überzeugender Alternativen, zumindest für dieses Kapitel beibehalten. Die Frage, ob sich Planende immer und in jeder Dimension rational verhalten, stellt sich natürlich dennoch. So können kognitive Einschränkungen dazu führen, dass sich Planer nur noch begrenzt rational verhalten und in ihrer Planung auf ad-hoc Lösungen, Intuition, oder Heuristiken zurückgreifen, die psychologische, evolutionäre, oder andere Ursprünge haben. Allerdings sind derartige Heuristiken für komplexe Planungsprozesse wenig erforscht und möglicherweise für Planungsprozesse im politischen Kontext weniger anwendbar als in individuellen Planungsproblemen.

3.5 Soziale Ressourcen

Der bislang dargestellte Planungsprozess entspricht einem autonomen Optimierungsproblem eines Individuums, einer Unternehmung, oder eines anderweitig personifizierten Planers. In diesem Kontext spielen soziale Komponenten keinerlei unmittelbare Rolle für den Planungsprozess. Dies heißt jedoch nicht, dass soziale Interaktionen, Interaktionen auf Märkten, oder andere als soziale Ressourcen interpretierbaren Aspekte keine Rolle im Planungsprozess spielen. Wie im nächsten Abschnitt erläutert werden wird, reichern diese sozialen Interaktionen den Planungsprozess vielmehr um eine in vielerlei Hinsicht entscheidende Dimension an. Dies geht jedoch einher mit Erweiterungen, die grundlegende Veränderungen im Grundmodell implizieren und auf die daher an dieser Stelle noch nicht eingegangen werden soll.

Um dennoch die Rolle sozialer Interaktionen für den Planungsprozess zu verdeutlichen soll an dieser Stelle auf die mittelbaren Implikationen eingegangen werden, die sich ergeben, wenn Planung nicht im autonomen Zustand (sozusagen im sozialen Vakuum) durchgeführt wird, sondern vielmehr im sozialen Kontext. Eine zentrale Dimension über die soziale Interaktionen in den beschriebenen Planungsprozess einwirken sind Interaktionen auf Märkten. Diese spiegeln sich in den entsprechenden Preisen wider. So werden, um beim Beispiel zu bleiben, die Preise für Konsumgüter von Interaktionen auf Gütermärkten, also Angebot und Nachfrage, bestimmt. Eine vergrößerte Nachfrage bei starrem Angebot führt zu einer Verteuerung von Konsumgütern. Auch die Preise auf dem Arbeitsmarkt, die Löhne, werden durch Marktprozesse bestimmt. So führt ein Überangebot an Arbeit, etwa in Zeiten großer Arbeitslosigkeit, zu moderaten Lohnabschlüssen und Druck auf die Löhne. Auch die Preise beziehungsweise Renditen von finanziellen Ressourcen, also die Zinsen, werden durch Marktprozesse bestimmt. All diese Preise beeinflussen und determinieren ihrerseits den optimalen Plan, im Sinne von Güter- und Freizeitkonsum über den Zeitablauf. Tatsächlich ist die Preisbildung auf Märkten das natürlich Ergebnis sich überkreuzender individueller Handlungen, die auf Basis der Pläne der verschiedenen am Marktgeschehen teilnehmenden Subjekte getroffen werden.

Natürlich gehen weitere Faktoren in die Preisbildung auf den unterschiedlichen Märkten für Güter, Arbeit und finanzielle Ressourcen ein. Die Ausgestaltung der Märkte spielt in diesem Zusammenhang eine entscheidende Rolle. Aspekte wie Marktmacht (etwa Monopolmacht von Herstellern bestimmter Güter, oder Monopsonmacht von Unternehmen auf bestimmten Arbeitsmärkten, etwa für Geringqualifizierte) oder Marktunvollkommenheiten (wie Intransparenz auf den Finanzmärkten), aber auch bestimmte Institutionen (etwa Steuern, Mindestlöhne, oder Kapitalverkehrsbeschränkungen) verursachen Verzerrungen in der Preisbildung. Auch diese Aspekte repräsentieren im weiteren Sinn soziale Faktoren.

Soziale Ressourcen spielen also eine nicht zu vernachlässigende Rolle selbst für individuelle Planungsprozesse wie den im Beispiel angeführten. Die über soziale Interaktionen induzierten Komplikationen im Planungsprozess betreffen naturgemäß auch die Verfügbarkeit von Informationen und die Erwartungsbildung. So ist die Unsicherheit, die über soziale Interaktionen, etwa im Preisbildungsprozess, verursacht wird, eine andere als etwa Unsicherheit über das Wetter. Auch gesellschaftliche Veränderungen, beispielsweise der Alterungsprozess, können eine große Rolle für Planungsprozesse spielen, insbesondere wenn sich diese über lange Planungshorizonte erstrecken.

Ein weiterer in diesem Zusammenhang relevanter Aspekt ergibt sich aus der Betrachtung der Zielfunktion. Bislang war die implizite Annahme, dass die Zielfunktion einzig das Wohlbefinden des Planers repräsentiert. Dieses sollte durch den Plan langfristig optimiert werden. Dahinter verbirgt sich die Vorstellung eines egoistischen Planers im Sinne des vielzitierten homo oeconomicus. Diese zweckmäßige Konstruktion ist natürlich nicht notwendigerweise realistisch und auf generelle Planungsprobleme anwendbar. So spielen unter Umständen soziale Präferenzen wie Empathie, Mitleid, Ungleichheitsaversion, oder Neid, aber auch Präferenzen für Effizienz eine große Rolle in der Definition des Planungsziels. Im Kontext sozialer Interaktionen ist dabei an die Unterscheidung zwischen subjektivem Wohlbefinden und dem Allgemeinwohl zu denken. Möglicherweise treffen (effizienzorientierte) Planer selbstlose Planungsentscheidungen, um dem Allgemeinwohl zu dienen anstatt ihre Partikularinteressen zu verfolgen. Die Implikation derartiger Erwägungen ist dementsprechend ein verändertes Planungsverhalten, das nicht nur die individuellen, sondern auch die globalen und sozialen Auswirkungen des Plans internalisiert. Auch derartige soziale Ressourcen, die durchaus auch mit kulturellen und historischen Aspekten korreliert sein können, spielen eine wichtige Rolle für die Definition des Planungsziels, und darüber für den optimalen Plan.

Der nächste Abschnitt vertieft diesen Aspekt durch die Diskussion von Planungsprozessen im politischen Kontext.

3.6 Politische Planungsprozesse

Während in den vorangegangenen Abschnitten ein beispielhafter Planungsprozess im Kontext eines individuellen Planers mit einheitlicher Zielfunktion beschrieben wurde, ist der Planungsprozess im politischen Kontext naturgemäß weitaus komplizierter. Um die Nützlichkeit des bislang beschriebenen Modells für die Strukturierung von realistischeren Anwendungen im politischen Planungsprozess zu verdeutlichen, sollen in diesem Abschnitt mehrere relevante Verallgemeinerungen und Erweiterungen des Modells diskutiert werden. Dies geschieht insbesondere vor dem Hintergrund der Rolle der sozialen Ressourcen für den Planungsprozess, die bislang nur sehr skizzenhaft behandelt wurde.

3.6.1 Aspekte politischer Planung

Das Grundproblem politischer Planungsprozesse im Vergleich zum bislang beschriebenen individuellen Planungsprozess besteht in der Präsenz sozialer Interaktionen in mehreren Dimensionen. Diese Interaktionen bedingen grundlegend neue und unterschiedliche Aspekte. Zunächst sind im Gegensatz zum individuellen Kontext generell der Planende, der Ausführende und der vom Plan Betroffene im Kontext politischer Planung nicht mehr identisch. Auch der Zeithorizont politischer Planungen, die Zielfunktion, sowie die relevanten Restriktionen und Umweltfaktoren sind grundsätzlich andere. Vom Grundprinzip ist das Planungsproblem jedoch ähnlich.

Natürlich manifestiert sich auch im politischen Planungsprozess die Grundstruktur politischer Entscheidungen als delegierte Entscheidungen, die politische Repräsentanten (im ökonomischen Jargon würde man von Agenten sprechen) im Auftrag und auf Rechnung der Bevölkerung (des Auftraggebers oder Prinzipals) treffen. Dies induziert automatisch die Möglichkeit der Divergenz in den Interessen des Repräsentanten von dem des Auftraggebers, und damit eine neue Dimension strategischer Interaktionen, die den Planungsprozess beeinflussen. Vor der Hand ist nicht automatisch garantiert, dass sich die Planungsziele des politischen Repräsentanten mit denen des Auftraggebers decken.

Hinzu kommt die im politischen Prozess inhärente Heterogenität. De facto existiert natürlich kein „politischer Souverän“ der politische Entscheidungen an Repräsentanten delegiert. Vielmehr ist der Auftraggeber ein amorphes soziales Objekt, das sich aus den unterschiedlichsten Individuen zusammensetzt. Diese Heterogenität spiegelt sich in unzähligen Dimensionen wider, angefangen von kognitiven Fähigkeiten, Vermögens- und Einkommensverhältnissen, Familienverhältnissen, Präferenzen, Vorlieben und Abneigungen, bis hin zu Erwartungen, Hoffnungen und Ängsten. Im politischen Prozess führt dies zu möglicherweise stark divergierenden Interessen hinsichtlich bestimmter politischer Interventionen, die von den Repräsentanten erwartet werden.

Eine weitere Implikation aus der Heterogenität der Individualakteure ist die mögliche Divergenz in der Inzidenz von Kosten und Nutzen eines Plans. So ist es beispielsweise klar, dass die Kosten und Nutzen von progressiver Einkommensbesteuerung und -umverteilung unterschiedliche Einkommensgruppen in unterschiedlichem Maße treffen: So bezahlen – vereinfacht dargestellt – Hochverdiener die Steuern und tragen so vorwiegend die Kosten, während Niedrigverdiener vorwiegend den Nutzen aus niedriger Besteuerung und steuerfinanzierter Umverteilung ziehen. Natürlich betreffen analoge Überlegungen die Kosten und Nutzen aus langfristig geplanten Projekten, seien dies Bahnhöfe, Flughäfen, oder der Atomausstieg und die Energiewende. Soziale Ressourcen im Sinne der Verteilung politischer Präferenzen hinsichtlich zu planender Projekte werden vor diesem Hintergrund zu einem zentralen Aspekt, den der Planungsprozess zu berücksichtigen hat. Die Bedeutung dieser Divergenz zwischen den Auswirkungen von Plänen auf verschiedene Gruppen, die von politisch geplanten Prozessen adressiert und betroffen sind, für den Planungsprozess wird unten, Kap. 4 vertieft.

Analog zu ökonomischen Institutionen wie der oben ausgeführten Aspekte von Märkten, oder der Rechtsstaatlichkeit und Sicherung von Eigentumsrechten, spielen politische Institutionen eine zentrale Rolle für den Planungsprozess. Die politischen Institutionen determinieren die Aggregation der heterogenen Interessen der Wähler. Diese Aggregation hängt insbesondere ab vom Vorhandensein und der Qualität der Demokratie, von allgemeinem Wahlrecht, von einem bestimmten Wahlmodus, sowie der jeweiligen Staatsform. Ein Planungsprozess, der von politischen Repräsentanten durchzuführen ist, muss all diese Aspekte berücksichtigen und aus ihnen ein detailliertes Planungsziel sowie die entsprechenden Rahmenbedingungen destillieren.

Auch kulturelle und historische Aspekte spielen eine wichtige Rolle im Kontext sozialer Interaktionen. Planungsprozesse, die relevante kulturelle Inkompatibilitäten oder historische Gegebenheiten außer Acht lassen werden unweigerlich zu suboptimalen Plänen führen.

Schließlich ist im politischen Planungsprozess auch nicht notwendigerweise die Kohärenz eines „Planers“ gegeben. So können unterschiedliche Instanzen mit der Planung verschiedener Aspekte und Komponenten ein und desselben Projektes betraut sein, ohne dass diese Instanzen notwendigerweise auf Basis der gleichen Zeile, Informationen oder Erwartungen operieren. Die Zielfunktion eines hypothetischen Planers ist demzufolge die Synthese der am Planungsprozess beteiligten Instanzen.

3.6.2 Politische Planungsprozesse als Spiele

Während die oben beschriebenen Implikationen sozialer Interaktionen im politischen Planungsprozess noch durch mehr oder weniger drastische Erweiterungen in das Grundmodell eingebettet werden könnten, ergibt sich ein weiterer, wesentlich folgenreicher Aspekt, wenn man das Wesen politischer Planungsprozesse näher betrachtet. Dabei wird nämlich deutlich, dass der Planungsprozess durch strategische Interaktionen verschiedener am Planungsprozess beteiligter oder vom Plan betroffener Parteien beeinflusst wird. Diese strategische Komponente stiftet ein Spiel im spieltheoretischen Sinn, da mehrere Akteure Aktionen treffen können, die ihren jeweiligen Nutzen beeinflussen, aber gleichzeitig auch den der anderen Akteure. Im Kontext langfristiger Planung ergibt sich durch die strategische Interaktion auf der einen Seite, und die dynamische Komponente, die über die Bewegungsgleichungen der Zustandsvariablen erzeugt wird, eine Spielsituation aus der Klasse der Differentialspiele. Diese Spiele besitzen eine reichere Struktur und erfordern komplexere Lösungsansätze als individuelle dynamische Optimierungsprobleme. Da diese Spiele insbesondere von der Spielstruktur hinsichtlich der Dynamik abhängen, lassen sich relativ wenige allgemeine Aussagen treffen. Nichtsdestotrotz bleibt festzuhalten, dass realistische Planungsprobleme im politischen Kontext am ehesten in diese Klasse von Problemen eingeordnet werden können.

3.6.3 Forstplanung als Anwendungsbeispiel politischer Planungsprozesse

Die im Kap. 8.6 beschriebene Herausbildung einer Forstplanung als Beispiel für ein langfristiges Planungsprojekt kann im Rahmen des in diesem Abschnitt entwickelten Bezugsmodells betrachtet werden. Der Planungshorizont der Forstwirtschaft war mit der expliziten Erwähnung von 200 Jahren außerordentlich lang. Die Zielfunktion war hierbei die Gewährleistung eines Holzbestands, der eine dauerhafte Nutzung durch unterschiedliche Parteien gewährleistet. Diese Zielfunktion beinhaltete demnach Argumente wie Holznutzungsmöglichkeiten (analog zum Konsum einer erneuerbaren Ressource, wie im Güterkonsum des vorangegangenen Beispiels), sowie die Opportunitätskosten von Einschlagsstopps und Aufforstung (analog zum „Un“-Nutzen der Arbeitszeit im Vergleich zur Freizeit im vorangegangenen Beispiel). Die Politikvariablen waren unter anderem die jährliche Einschlagmenge, die jeweiligen Einschlagorte, sowie die Bemühungen um Wiederaufforstung im entsprechenden Jahr und Gebiet. Die Zustandsvariablen entsprechen dem Holzbestand in Form von Holzmenge pro bewaldeter Fläche, Alter des jeweiligen Baumbestands, sowie dessen Gesundheitszustand. Die Bewegungsgleichung, die die Dynamik in diesen Zustandsvariablen als Funktion der Aktionen beschreibt, war determiniert durch die Verbindung aus Holzeinschlag und dem Nachpflanzen und Nachwachsen der Bäume über denselben Zeitraum. Die Rahmenbedingungen waren gegeben durch die Nachfrage nach Holz (und dementsprechend dem für Holz zu erzielenden Marktpreis), den alternativen Verdienstmöglichkeiten der Waldbesitzer, die wiederum von Technik, Ressourcenverteilung in der Bevölkerung und anderen Dingen wie Wetter abhingen. Natürlich spielten auch soziale Interaktionen, etwa zwischen Bauern, Adel und holzverarbeitendem Gewerbe eine Rolle für die Forstplanung, ebenso wie Institutionen.

3.7 Schlussbemerkung

Das dynamische Optimierungsmodell stellt einen sinnvollen konzeptionellen Rahmen zur Strukturierung langfristiger Planungsprozesse dar. Allerdings dürfen diese Ausführungen nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Anwendbarkeit des dynamischen Optimierungsmodells auf praktische Fragestellungen schnell an Grenzen stößt. Das Hauptproblem hierbei ist der „Fluch der Dimensionalität“: Realistische Anwendungen haben eine Vielzahl von Zustands- und Politikvariablen, die sich gegenseitig beeinflussen. Dazu kommt, dass langfristige Planungsprozesse sich über viele Perioden erstrecken, in denen die Entwicklungen zunehmend opak sind und die Zustände sich z. T. radikal ändern können. Dies führt in Summe dazu, dass die Dimensionalität des Optimierungsproblem, insbesondere die Dimensionalität des Zustandsraumes, der bei der Planung berücksichtigt werden muss, sehr umfangreich ist, was es praktisch unmöglich macht, derartige Modelle, selbst mit modernsten Methoden der Informationsverarbeitung, aufgrund der schieren Menge an erforderlichen Rechenschritten numerisch zu berechnen. In anderen Worten gehen praktisch relevante Probleme langfristiger Planung schnell über das hinaus, was rechnerisch implementierbar ist.

Aber auch für diesen Bereich liefert das dynamische Optimierungsmodell eine nützliche Orientierungshilfe, um die verschiedenen Dimensionen des Planungsproblems und des Planungsprozesses qualitativ zu operationalisieren und die wesentlichen Komponenten und strukturellen Parameter herauszuarbeiten. Im Folgenden werden die für langfristige Planungsprozesse zentralen Komponenten in höherer Auflösung und detaillierter untersucht und diskutiert.

Copyright information

© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2016

Authors and Affiliations

  1. 1.MünchenDeutschland

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