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Der Traum vom vollkommenen Menschen

Frankenstein — Schizotype Störung (ICD-10: F21)
  • Gerd Rudolf

Auszug

Ein bestimmter Typus von Filmen inszeniert Motive, die geeignet sind, menschliche Grundängste anzusprechen und Entsetzen auszulösen. Die mit modernen technischen Mitteln erzeugten Filme dieser Art sind eindringlich wie Alpträume; die Streifen zurückliegender Epochen wirken dagegen in ihren Absichten durchschaubar wie die Geisterbahn auf der Kirmes: die sie besuchenden Jugendlichen wissen, dass die Gespenster aus Pappe sind oder zum Personal gehören und lassen sich doch von dem Gruseln erfassen, das freilich immer wieder in Belustigung umschlägt. Dieser Angst-Lust zu begegnen und immer wieder lustvoll die Angst zu überwinden, ist ein Motiv, sich solche Filme anzusehen. Es gibt aber wiederum bei Jugendlichen offenbar auch einen andersartigen Sog, sich diesen Erfahrungen, z. B. durch das wiederholte Ansehen von Horrorvideos, auszusetzen. Es scheint dabei die Tatsache eine Rolle zu spielen, dass Aspekte des eigenen inneren Gefühlserlebens im Film breit ausgeführt und bebildert sind. Etwas, das in der Phantasie anklingt, etwas schwer zu Fassendes, Ängstigendes, nicht zu Verstehendes wird im Film als etwas dargestellt, das Gründe hat, als eine Geschichte mit Anfang und Ende, als eine von vielen Möglichkeiten des Lebens und dadurch als eine faktische Realität, geradezu als ein Teil der Normalität. Die innere Welt des Zuschauers findet ihre Korrespondenz in den affektiven Themen des Films; das hat offenbar neben allem Unbehagen auch etwas Beruhigendes, Bestätigendes. Auf cineastisch-ästhetische Perfektion kommt es dabei meistens nicht an.

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Literatur

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Copyright information

© Springer Medizin Verlag Heidelberg 2008

Authors and Affiliations

  • Gerd Rudolf
    • 1
  1. 1.Klinik für Psychosomatische und Allgemeine Klinische MedizinUniversitätsklinikum Heidelberg, Standort BergheimHeidelberg

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