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Von der Beratung zur Gestaltung?

Zur Pluralisierung der Politikberatung in Deutschland
  • Rolf G. Heinze

Zusammenfassung

Die globale Finanzkrise stellt sich für viele Beobachter als eine Zeitenwende dar, die auch grundlegende Debatten um die Steuerungsfähigkeit und Rolle des Staates ausgelöst hat. Durch die Exzesse auf den Finanzmärkten hat sich sowohl das Design der Gesellschaftsdeutungen als auch die sozioökonomische Situation grundlegend gewandelt. Dominierte noch vor kurzem auch in der gesellschaftlichen Konstruktion von Wirklichkeiten ein „Ökonomismus“, der „als Weltanschauung die Eroberung des Staates und der Politik durch die Logik der Ökonomie ausdrückte“ (Soeffner 2010a: 49f), so haben sich diese Überhöhungen auf der großen politischen Bühne derzeit diskreditiert. Der Verlust der ökonomischen Deutungshoheit in zentralen gesellschaftlichen Steuerungsfragen hat wieder Raum geschaffen für sozialwissenschaftliche Analysen, die die gesellschaftliche Wirklichkeit nicht in dem engen Korsett einer auf Nutzenmaximierung beruhenden Kapitallogik beschreiben, sondern auf die Wechselwirkungen zwischen Ökonomie, sozialen und politischen Strukturen eingehen. Die Kritik an der Verabsolutierung der ökonomischen Logik, die nicht nur aus soziologischen Federn stammt, sondern sich durch den Finanzcrash auch in alltagsweltlichen Diskursen manifestiert, korrigiert auch ein einseitiges Bild vom Staat. Es war zu ökonomistisch gedacht, den Rückzug des Staates aus seinen bisherigen Verantwortlichkeiten zu fordern und demgegenüber auf die Selbstheilungskräfte des Marktes zu setzen und individuelle Selbstverantwortung zu erzwingen. Demgegenüber muss auf die soziale und politische Einbettung marktlichen Handelns hingewiesen und diese explizit anerkannt werden.

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Authors and Affiliations

  • Rolf G. Heinze
    • 1
  1. 1.Ruhr-Universität BochumBochum

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