Zusammenfassung
Der Terminus „Kritische Pädagogik“ ist zunächst wenig aussagekräftig ohne die Bestimmung des Prinzips der Kritik. Wissenschaft gilt oftmals per se als kritisch, ist doch der Zweifel ihr grundlegender Antrieb. Wissenschaft soll Sachverhalte analysieren und erklären, vor denen der Alltagsverstand kapituliert. Wissenschaft wähnt sich gegenüber dem Alltagsdenken als kritisch und überlegen, weil sie aus ihrer Distanz zur Alltagspraxis heraus meint, diese objektiver beurteilen zu können. Diese distanzierte Haltung gegenüber den Problemen der Welt, die scheinbare Suspendiertheit wissenschaftlicher Forschung von den Handlungszwängen des gesellschaftlichen Alltags, wird mit dem Wort „Kritik“ assoziiert. Auch wer seine wissenschaftlichen Messinstrumente beständig überprüft und neu justiert, missversteht seine Tätigkeit nicht selten als kritische Tätigkeit.
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Der 11. September des Jahres 1973, ein Putsch, mit dem das erste Modell des Neoliberalismus in Chile eingeführt wurde, ist für die so genannten westlichen Länder weit weniger ein Fanal als der 11. Sept. 2001, obgleich in der Folge des von den USA geplanten und durchgeführten Putsches gegen Allende tausende Menschen ermordet und interniert wurden.
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Neoliberale Modernisierung, so fasst es Ralf Ptak treffend zusammen, bedeutet „Abbau von Schutzrechten und Marktbeschränkungen (Deregulierung), von Zöllen und nichttarifären Handelshemmnissen (Freihandel), die Erosion der öffentlichen Daseinsvorsorge (Privatisierung), die Schaffung immer neuer Märkte (Liberalisierung) und die erzwungene Anpassung der Individuen an den Marktmechanismus (Flexibilisierung).“ (Ptak 2007, S. 84)
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Zum Machtbegriff Foucaults vgl. Foucault 1978.
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Siehe zu den zentralen gesellschaftstheoretischen Grundbegriffen die nach wie vor lesenswerte Einführung von Hofmann 1969.
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Nicht zufällig sitzen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mächtiger Konzerne in den Ministerien und wirken beratend und gestaltend bei ihren Gesetzesvorhaben mit.
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Selbst die Phänomene, die wir Schwarze Pädagogik nennen und die wir gerne als Gewalttaten von sadistisch veranlagten Erziehungspersonen interpretieren, sind an jeweils konkrete Gesellschafts- und Herrschaftsstrukturen rückgebunden (vgl. insbesondere Koch 1995).
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Die Marxsche Kritik der Politischen Ökonomie war in den ersten Jahren des später Frankfurter Schule genannten Kreises von sozialistisch eingestellten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern ein Schwerpunkt Kritischer Theorie, ein Sachverhalt, der ebenso in Vergessenheit geraten ist wie die Namen ihrer ursprünglichen Begründerinnen und Begründer.
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Bernhard, A. (2012). Kritische Pädagogik – Entwicklungslinien, Korrekturen und Neuakzentuierungen eines erziehungswissenschaftlichen Modells. In: Anhorn, R., Bettinger, F., Horlacher, C., Rathgeb, K. (eds) Kritik der Sozialen Arbeit - kritische Soziale Arbeit. Perspektiven kritischer Sozialer Arbeit, vol 12. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden. https://doi.org/10.1007/978-3-531-94024-3_19
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