Bildungsprozesse als soziale Geschehnisse

Anerkennung als Schlüsselkategorie kritischer Bildungstheorie
  • Krassimir Stojanov

Zusammenfassung

Der anerkennungstheoretische Ansatz, der primär in der Sozialphilosophie entwickelt wurde, erfreut sich derzeit einer beachtlichen Aufmerksamkeit in den Bildungswissenschaften. Er wird vor allem in der Interkulturellen Erziehungswissenschaft (vgl. Prengel 1993; Mecheril 2001) und in der Schulpädagogik (vgl. exemplarisch Helsper 2001), aber auch verstärkt in der Bildungstheorie (vgl. Borst 2003; Scherr 2002; Stojanov 2006 und 2007; Balzer 2007; Röhr 2009; Ricken 2009) rezipiert. Dennoch ist das Potential des anerkennungstheoretischen Ansatzes für die Rekonstruktion der sozialen Normvoraussetzungen gelungener Bildungsprozesse sowie für die Modellierung von bildungsstiftenden Formen des pädagogischen Handelns bei weitem nicht ausgeschöpft. Insofern sich bildungstheoretische, schul- oder interkulturell- pädagogische Annäherungsversuche an die Anerkennungskategorie der Erziehungswissenschaft zuordnen, tun sie sich in der Regel ausgesprochen schwer mit der rekonstruktiv-normativen und gesellschaftskritischen Ausrichtung der sozialphilosophischen Anerkennungstheorie – und sie versuchen, diese Ausrichtung auf unterschiedlichen Wegen zu umgehen. Die Erziehungswissenschaft ist ja als ein dezidiert anti-normatives Unternehmen entstanden (vgl. Brezinka 1968), wodurch sie sich vom oft moralisierenden Argumentationsstil der früheren Geisteswissenschaftlichen Pädagogik abzugrenzen trachtete.

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  • Krassimir Stojanov

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