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Essen als individuelle Freiheit - Essen als sozialer Zwang

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Zusammenfassung

Wir verstehen uns heute als freie Menschen, ausgestattet mit den bürgerlichen Freiheitsrechten, in einer Demokratie lebend, in der Lage seiend, unser Leben selbst zu bestimmen. Wir heiraten diejenige oder denjenigen, die oder den wir lieben und aus freien Stücken. Wir wählen die Partei, die uns am meisten liegt. Wir kaufen die Lebensmittel in dem Supermarkt, der uns am besten gefällt. So weit zu unserem Selbstverständnis. Doch bereits beim Kauf von Lebensmitteln kommen gewisse Begrenzungen ins Spiel, etwa finanzielle. Mit dem knappen Budget des Studenten, der Rentnerin fällt die Wahl eher auf den Discounter als auf einen exklusiven Supermarkt. Trotz freier Auswahl und einem vielfältigen Angebot kaufen wir die Lebensmittel, die uns seit der Kindheit vertraut sind. Kulturelle Barrieren sind hier die Begrenzungen. Das Sterne-Restaurant meiden wir nicht nur aus finanziellen Gründen, vielmehr antizipieren wir, dass wir den dort herrschenden Verhaltensstandards nicht gerecht werden können. Die Auswahl an vier unterschiedlichen Gläsern macht uns bereits jetzt nervös. Dies ließe sich als soziale Barriere verstehen. Norbert Elias (1978) hat beschrieben, wie gute Manieren und gewisse Verhaltensstandards in der Neuzeit gleichsam das Licht der Welt erblickt haben und wie sich mit entsprechenden Manieren „die da oben“ von denen „da unten“ abgegrenzt haben und dies noch immer tun. Mit Elias werden auch andere Grenzen verständlich, zum Beispiel die soziale Norm, nicht gierig bei Tisch zu erscheinen, nicht als Erster zum eben eröffneten Buffet zu rennen – vor den potenziell verurteilenden Augen aller. Essen mag zwar Ausdruck des individuellen Lebensstils sein, also ein Ausdruck einer freien Entscheidung, eines Stilwillens. Zugleich ist das Essen von gesellschaftlichen Vorgaben umstellt; angefangen mit den Regeln der DGE (Deutsche Gesellschaft für Ernährung e. V.), mit denen ausgedrückt werden soll, was richtige Ernährung und was gesundheitsabträgliches Verhalten ist. Letzteres wiederum wird gesellschaftlich negativ sanktioniert, was wiederum Widerstand in der Bevölkerung auslösen kann. Die Schlankheitsnorm ist ein ideales Instrument, um kollektiv das Essverhalten zu kontrollieren. Sie schreibt tendenziell vor, am Besten gar nichts zu essen. Denn das Verletzen der Schlankheitsnorm in Richtung Übergewicht wird in unserer Gesellschaft massiv stigmatisiert. Schon nach diesen wenigen Betrachtungen fällt auf, dass Essen weit davon entfernt ist, nur individuelle Wahl zu sein. Gesellschaftliche Macht und Zwänge sind mit dem Essen eng verbunden. Mit Foucaults Machttheorien lässt sich dies gut veranschau lichen. Dies betrifft auch vermeintlich harmlose und menschenfreundliche Konzepte wie die Gesundheitsförderung, die doch eigentlich nur die Menschen befähigen will, sich um ihre eigene Gesundheit und damit auch um die eigene Ernährung zu kümmern, tatsächlich aber auf das Innigste mit gesellschaftlicher Macht verknüpft ist. Doch sollten wir darauf achten, nicht wie hypnotisierte Kaninchen Essen nur unter der (gnostischen) Perspektive von Macht und Zwang zu betrachten.

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© 2011 VS Verlag für Sozialwissenschaften | Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH

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Klotter, C. (2011). Essen als individuelle Freiheit - Essen als sozialer Zwang. In: Ploeger, A., Hirschfelder, G., Schönberger, G. (eds) Die Zukunft auf dem Tisch. VS Verlag für Sozialwissenschaften. https://doi.org/10.1007/978-3-531-93268-2_8

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