Arbeitsvermögen in Zeiten des SGB II — Zwischen Reproduktion und Erosion

  • Sabine Pfeiffer
  • Anne Hacket
  • Tobias Ritter
  • Petra Schütt

Auszug

Mit den SGB-II-Reformen ist die Aktivierung der Leistungsempfänger zu einer der Kernaufgaben der neuen arbeitsmarktnahen sozialen Dienstleistungen“ geworden (Bartelheimer 2005). Mit diesem Paradigmenwechsel hin zu einem aktivierenden Wohlfahrtsstaat“ avanciert die Kommodifizierung von Arbeitskraft zum zentralen Ziel, das sowohl durch eine Verstärkung des Arbeitszwangs als auch durch eine Ausweitung befähigender Politiken umgesetzt werden soll (Dingeldey 2007). Im Mittelpunkt von Maßnahmen und beruflicher Weiterbildung steht nun nicht mehr in erster Linie die (Wieder-) Eingliederung in reguläre Beschäftigung, sondern der Erhalt bzw. die Wiedererlangung der Beschäftigungsfähigkeit (Dingeldey 2007/Thomson 2006: 330) sowie die Vermittlung allgemeiner und spezifischer Kenntnisse zu deren Verbesserung (Biewen u.a. 2006: 366).1 Dabei geht die Aktivierungsintention der Reform davon aus, dass allein die institutionell aufgezeigten Wahl- und Handlungsoptionen“ den einzelnen Arbeitslosen bereits befähigen“, Entscheidungen über seine weiteren Beschäftigungsperspektiven zu treffen“ und die angebotenen Handlungsoptionen wahrzunehmen“ (Hartz u.a. 2002: 45). Dies scheint drei Unterstellungen zu implizieren: a) auf Seiten des Arbeitslosen findet sich ein individuelles Defizit vor; b) die Institutionen arbeitsmarktnaher Dienstleistungen sind fähig, diese Defizite treffsicher zu identifizieren und die jeweils passenden Angebote zu unterbreiten; und c) aus den institutionell angebotenen Optionen resultiert — quasi zwangsläufig und naturwüchsig — Aktivierung und Befähigung auf Seiten des einzelnen Arbeitslosen.

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Literatur

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  • Anne Hacket
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  • Tobias Ritter
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  1. 1.Deutschland

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