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Komparative Analyse: Forschungspraxis und Methodologie dokumentarischer Interpretation

  • Arnd-Michael Nohl

Auszug

Zu einer Sozialwissenschaft, die sich aus der sozialen Praxis heraus erklärt, gehört nicht allein die Rekonstruktion der Handlungspraxis, welche den Gegenstandsbereich der Forschung konstituiert; ihr zu eigen ist auch die Rekonstruktion der Rekonstruktionspraxis, also die methodisch kontrollierte Sichtung und Systematisierung der Art und Weise, wie empirisch geforscht wird. Jene Rekonstruktion will — so Karl Mannheim — „nur ins methodologische Bewußtsein heben, was bereits allenthalben in der Forschung de facto geschieht“ (1964a, 96). In dieser „praxeologischen Methodologie“ (Bohnsack 2007a, 187 ff.) wird also prinzipiell die Praxis der untersuchten Personen in gleicher Weise rekonstruiert wie die Praxis der Forschenden.1 Dies gilt dann auch für die Rekonstruktion der Praxis komparativer Analyse.

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Literatur

  1. 1.
    Niklas Luhmann, dessen Kybernetik ich u.a. zur methodologischen Reflexion der komparativen Analyse heranziehen werde, spricht hier von einer „naturalistischen Erkenntnistheorie“ und schreibt (1990, 13): „Als empirisch oder naturalistisch kann man... Erkenntnistheorien bezeichnen, wenn sie für sich selbst im Bereich der wissenswerten Gegenstände keinen Ausnahmezustand beanspruchen, sondern sich durch empirische Forschungen betreffen und in der Reichweite der für Erkenntnis offenen Optionen einschränken lassen.“ Dieser Versuch, eine Methodologie im Sozialen zu begründen, findet sich auch im Pragmatismus (z.B. Dewey 1986) und lässt sich nach Elias (1970) bis zu Auguste Comte zurückverfolgen.Google Scholar
  2. 2.
    Dies schlägt sich allerdings nicht unbedingt in einer Reflexion des Vergleichs nieder. Viele Publikationen zur qualitativen Sozialforschung gehen nicht eigens auf die komparative Methode ein (wie etwa Berg 1989; Bogdan/Taylor 1984; König/Zedler 1995; Flick 1995; Hitzler/ Honer 1997). Eine Ausnahme bildet hier das Kompendium von Hopf/Weingarten (1979), in dem ein Aufsatz von Glaser/Strauss zur Grounded Theory abgedruckt ist. Spöhring (1989) und Lindlof (1995) beziehen sich nahezu ausschließlich auf den Ansatz von Glaser/Strauss. Straub (1999) zieht in seinem Entwurf einer interpretativen Psychologie zur methodologischen Begründung der komparativen Analyse sowohl Glaser/Strauss als auch den Ansatz von Matthes und die dokumentarische Methode heran. Auch Kelle/Kluge (1999) räumen der komparativen Analyse — als Weg zur Typenbildung — breiten Raum ein.Google Scholar
  3. 4.
    Während die diesem Beitrag zugrunde liegende empirische Untersuchung zu Migrantenjugendlichen wie auch die anderen erwähnten Studien sich hauptsächlich auf den Vergleich von Gruppendiskussionen (dazu: Bohnsack/ Przyborski/ Schäffer 2006) beziehen, gibt es mittlerweile auch methodologische Reflexionen und forschungspraktische Anleitungen zur komparativen Analyse narrativer Interviews (vgl. Nohl 2006a), die sich auf die Erfahrungen in einer Reihe einschlägiger Arbeiten beziehen (vgl. Nohl 2006b; Fritzsche et al. 2006; Henkelmann 2007a u. b; Radvan 2007; Schondelmayer 2007; Demirci 2007).Google Scholar
  4. 9.
    Zur Unterscheidung von sinngenetischer und soziogenetischer Interpretation siehe Mannheim 1964d und die Beiträge von Nentwig-Gesemann und Bohnsack i. d. Band.Google Scholar
  5. 10.
    Daher bezeichnet Straub (1999, 211) die reflektierende als „vergleichende Interpretation“.Google Scholar
  6. 11.
    Glaser/ Strauss (1969, 24) bezeichnen dies als die Frage nach den „strukturellen Grenzen eines Faktums“. Viele interkulturell vergleichende Untersuchungen weisen in dieser Hinsicht einen Mangel an Validität auf, da sie immer schon eine Dichotomisierung der Kulturen voraussetzen, die eigentlich erst Gegenstand der vergleichenden Analyse sein sollte (vgl. zur Kritik auch: Nohl 2007).Google Scholar
  7. 12.
    Glaser/Strauss zählen es zu den Grundvoraussetzungen der Grounded Theory, dass „Theorie als Prozess“ (1969, 32) begriffen wird. An diesem Umstand geht die Kritik von Spöhring (1989, 319), die Grounded Theory könne das Ende einer empirischen Forschung nicht exakt bestimmen, vorbei.Google Scholar
  8. 13.
    Dies wird allerdings auch von den genannten Autoren nicht überall bedacht. So bringt Matthes das Tertium Comparationis mit dem „Diskursuniversum“ in Verbindung, welches — folgt man dem Begriffsschöpfer G. H. Mead (1948, 282) — eine „logische“ Gemeinschaft jenseits konkreten sozialen Lebens bezeichnet. Auch Bohnsack betont hauptsächlich die theoretische Fundierung des Tertium Comparationis in einer präzisen Definition von grundlagentheoretischen Begriffen, die „der begrifflichen Explikation des tertium comparationis auf einer abstrakten Ebene“ dient (2007a, 204).Google Scholar
  9. 18.
    Das Transkript wird hier leicht vereinfacht wiedergegeben. Vgl. für die Originalversion und deren komparativ-sequenzielle Analyse den Beitrag von Bohnsack/Nohl i. d. Band und für ihren Kontext Nohl 2001, 181.Google Scholar
  10. 19.
    Wie bereits oben angedeutet und unten weiter ausgearbeitet wird, ist der Orientierungsrahmen nicht als fallspezifisch, sondern als spezifisch für eine Erfahrungsdimension zu betrachten, die (innerhalb desselben Falles) von anderen Erfahrungsdimensionen und deren Orientierungsrahmen abgegrenzt werden kann. Aus diesem Grund werden nur solche Textabschnitte innerhalb eines Falles miteinander verglichen, in denen thematisch ähnliche Erfahrungen abgehandelt werden. Der Orientierungsrahmen eines Falles lässt sich hingegen allenfalls auf der Ebene des Individuums identifizieren, wie dies etwa Schütze (1983) im Sinne der „biographischen Gesamtformung“ tut (vgl. zur Kritik aber: Nohl 2006a)Google Scholar
  11. 21.
    Dieses grundsätzliche Problem des Vergleichens kann auf einer praktischen Ebene bearbeitet werden, wenn man — wie Waldenfels (1994, 17) — Hoffnungen in eine „Ethnologie Europas durch Nichteuropäer“ setzt. Der Kulturvergleich, den die jungen VertreterInnen einer „‚außerwestlichen’ soziologenschaft“ mit ihrer „Abwehr gegen ein integrationalistisches professionelles Selbstverständnis und gegen eine integralistische Sicht von ‚Gesellschaften ‘und ‚Kulturen‘“ (Matthes 1992, 92) anstellen, kann allerdings ebenso wenig die prinzipielle Unsichtbarkeit des Tertium Comparationis im Zuge des Vergleichs aufheben wie der Vergleich durch den „biographischen Grenzgänger“ (Matthes 1994, 21) zwischen den Kulturen. Hier ist nur auf vom Gehalt her andere Tertia Comparationis zu hoffen.Google Scholar
  12. 22.
    Anders verhält sich dies mit grundlagentheoretischen Kategorien, in denen zentrale Begriffe der Forschung (wie etwa „Gruppe“, „Erfahrungsdimension“ oder „Orientierungsrahmen“) definiert werden, ohne unmittelbare Aussagen zum Gegenstandsbereich zu treffen (vgl. Bohnsack 2007a, 204).Google Scholar
  13. 24.
    Der Vergleich ließe sich hier noch weiterführen. So können (und müssen) innerhalb einer jeden Typik/Erfahrungsdimension unterschiedliche Typen identifiziert werden. Zum Beispiel lassen sich, wie angedeutet, innerhalb der adoleszenzspezifischen Erfahrungsdimension unterschiedliche Bearbeitungsweisen ihrer Problematik rekonstruieren. Darüber hinaus finden sich noch ganz anders geartete Vergleichsmöglichkeiten. So ist der Wechsel der Interpret(inn)en möglich, den Spöhring (1989, 321) „investigator triangulation“ nennt (vgl. hierzu auch Koller 1999). Denn die jeweils angewendeten Tertia Comparationis „stehen... für einen Beobachter, der auch ein anderer sein könnte“ (Luhmann 1995, 38). Daneben ist auch die Methodentriangulation als ein Vergleich anzusehen (vgl. Spöhring 1989; Flick 2003 und insbesondere Bohnsack et al. 1995): Mit unterschiedlichen Methoden wird eine empirische Fragestellung untersucht. Auch in meiner Arbeit habe ich neben dem Gruppendiskussionsverfahren das biographische Interview und die teilnehmende Beobachtung verwendet. Die Methodentriangulation erfordert jedoch ein Tertium Comparationis, das nicht mehr aus der konjunktiven Abstraktion innerhalb des Verlaufs eines Vergleichs gebildet werden kann. Sie wird durch methodologische und grundlagentheoretische Begriffe strukturiert (Bohnsack et al. 1995, 420).Google Scholar
  14. 25.
    Würde das jeweils gebildete Tertium Comparationis nicht die vorangegangenen Tertia Comparationis einschließen, sondern nur auf der Homologie zweier Fälle beruhen, dann käme man über eine bloße „Addition“ (im Sinne Mannheims) nicht hinaus. Vgl. hierzu Mannheim 1964a, 121.Google Scholar
  15. 26.
    Auch Straub (1999, 340) betont die Notwendigkeit der — rekonstruktiven — Definition des Tertium Comparationis: „Es gehört bereits zur vergleichenden Interpretation, während der Relationierung von Interpretandum und Vergleichshorizonten geeignete Tertia Comparationis zuallererst einmal auszumachen. Die genauere Fassung der zu vergleichenden Größen während der bestimmenden [formulierenden; A.-M. N.] und reflektierenden Interpretation ist ein Bestandteil des Vergleichens.“Google Scholar
  16. 27.
    Die „Standortgebundenheit“ des Wissens stellt selbstverständlich keinen spezifischen Nachteil der rekonstruktiven Sozialforschung dar, sondern ist als eine „umfassende Verankerung des wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses in der sozialen Praxis“ (Bohnsack 2007a, 188) aller Wissenschaft zu eigen. Dies ist nicht nur methodisch zu kontrollierende Fehlerquelle, sondern bietet „Potentiale der Kreativität“ in der Erkenntnis, wie Bohnsack (ebd., 193) im Anschluss an Karl Mannheims Wissenssoziologie schreibt.Google Scholar
  17. 28.
    Weiterentwicklungen der komparativen Analyse innerhalb der dokumentarischen Methode finden sich dort, wo diese auf mehreren Ebenen sozialer Aggregatzustände realisiert wird, etwa auf der Biographie-, Milieu-und Institutionenebene (vgl. als Beispiel: Nohl et al. 2006). Man kann hier von einem „Mehrebenenvergleich“ sprechen, der in eine „Mehrebenentypologie“ mündet, innerhalb derer die Typiken einer Ebene sozialer Aggregatzustände (z.B. Typiken von Milieus) durch Typiken auf einer anderen Ebene (z.B. typische institutionelle Regelungen) kontextualisiert werden (siehe dazu Nohl 2007).Google Scholar

Copyright information

© VS Verlag für Sozialwissenschaften | GWV Fachverlage GmbH, Wiesbaden 2007

Authors and Affiliations

  • Arnd-Michael Nohl
    • 1
  1. 1.Helmut-Schmidt-Universität/Universität der Bundeswehr HamburgHamburg

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