Advertisement

Der anomische Schatten der Moderne — Gesellschaftliche Desintegration im Fokus der Forschergruppe um Wilhelm Heitmeyer

  • Stefan Lange

Auszug

Folgt man Wilhelm Heitmeyers Diagnose, so ist für die soziale Entwicklung der westlichen Industriegesellschaften im ausgehenden 20. Jahrhundert eine Radikalisierung des Tempos sozialstruktureller, normativer und kognitiver Veränderungen charakteristisch. Als Vergleichsmaßstab, vor dem die Radikalität der Veränderungen deutlich wird, dient hier jener gemäßigte soziale Wandel, den die westlichen Gesellschaften im Zeitraum von ca. 1949 bis 1989 erfahren haben. Greift man Deutschland als ein Beispiel für den forcierten sozialen Wandel seit 1989 heraus, lassen sich mannigfache Indikatoren für eine krisenhafte Beschleunigung dieser Entwicklung herausstellen. Neben der anhaltenden Massenarbeitslosigkeit und einer allgemeinen Verunsicherung, die aus den Folgen der Globalisierung von Kapital und Kommunikation herrührt, benennt Heitmeyer unter anderem folgende Probleme, die sich in der Tendenz zu gesellschaftlichen Krisenlagen verdichten:
  1. 1.

    Die Schere zwischen Arm und Reich klafft immer weiter auseinander: Soziale Ungleichheit verschärft sich, die bislang integrierenden Mittelschichten erodieren.

     
  2. 2.

    Immer mehr Menschen ziehen sich aus den Institutionen zurück. Dies gilt nicht nur für Ehe, Familie und Kirche, sondern im besonderen Maße auch für die konfliktvermittelnden intermediären Institutionen wie Vereine, Verbände, Gewerkschaften und Parteien.

     
  3. 3.

    Gesteigerte Anforderungen der Arbeitswelt, vor allem mit Blick auf Mobilität und Arbeitszeitflexibilität, führen zur Zerstörung von sozialen Beziehungen und zur Fragmentierung von Lebenszusammenhängen; der Lebenslauf wird zur „Bastelbiographie“.

     
  4. 4.

    Basale Wert- und Normenkonsense, die bislang gesellschaftsintegrierend wirkten, lösen sich auf (Heitmeyer 1997a: 10/11).

     
Zusammengenommen verdichtet sich dieses Spektrum von Problemlagen zu gesellschaftlichen Phänomenen, die die Soziologie seit den Tagen Emile Durkheims mit dem analytischen Begriff „Anomie“ beschreibt.

Preview

Unable to display preview. Download preview PDF.

Unable to display preview. Download preview PDF.

Literatur

  1. Bohle, Hans Hartwig/Wilhelm Heitmeyer/ Wolfgang Kühnel/ Uwe Sander, 1997: Anomie in der modernen Gesellschaft: Bestandsaufnahme und Kritik eines klassischen Ansatzes soziologischer Analyse. In: Wilhelm Heitmeyer (Hrsg.), Was treibt die Gesellschaft auseinander? Bundesrepublik Deutschland: Auf dem Weg von der Konsens-zur Konfliktgesellschaft. Bd. 1, Frankfurt/M.: Suhrkamp, 29–65.Google Scholar
  2. Dörre, Klaus, 1997: Modernisierung der Ökonomie — Ethnisierung der Arbeit: Ein Versuch über Arbeitsteilung, Anomie und deren Bedeutung für interkulturelle Konflikte. In: Wilhelm Heitmeyer (Hrsg.), Was treibt die Gesellschaft auseinander? Bundesrepublik Deutschland: Auf dem Weg von der Konsens-zur Konfliktgesellschaft. Bd. 1, Frankfurt/M.: Suhrkamp, 69–117.Google Scholar
  3. Dubiel, Helmut, 1995: Nicht Entwicklung, sondern Ermutigung ist angesagt. Aufklärung und Gemeinsinn: von welchen Ressourcen leben wir? In: Frankfurter Rundschau (Dokumentation), Nr. 176, 1.8.1995.Google Scholar
  4. Durkheim, Emile, 1893: Über soziale Arbeitsteilung. Studie über die Organisation höherer Gesellschaften. Frankfurt/M. 1992: Suhrkamp.Google Scholar
  5. Durkheim, Emile, 1897: Der Selbstmord. Neuwied, Berlin 1973: Luchterhand.Google Scholar
  6. Friedrichs, Jürgen 1997: Normenpluralität und abweichendes Verhalten. Eine theoretische und empirische Analyse. In: Wilhelm Heitmeyer (Hrsg.), Was treibt die Gesellschaft auseinander? Bundesrepublik Deutschland: Auf dem Weg von der Konsens-zur Konfliktgesellschaft. Bd. 1, Frankfurt/M.: Suhrkamp, 473–505.Google Scholar
  7. Heitmeyer, Wilhelm, 1996: Ethnisch-kulturelle Konfliktdynamiken in gesellschaftlichen Desintegrationsprozessen. In: Wilhelm Heitmeyer/ Rainer Dollase (Hrsg.), Die bedrängte Toleranz. Ethnisch-kulturelle Konflikte, religiöse Differenzen und die Gefahren politisierter Gewalt. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 31–63.Google Scholar
  8. Heitmeyer, Wilhelm (Hrsg.), 1997a: Was treibt die Gesellschaft auseinander? Bundesrepublik Deutschland: Auf dem Weg von der Konsens-zur Konfliktgesellschaft. Bd. 1, Frankfurt/M.: Suhrkamp.Google Scholar
  9. Heitmeyer, Wilhelm (Hrsg.), 1997b: Was hält die Gesellschaft zusammen? Bundesrepublik Deutschland: Auf dem Weg von der Konsens-zur Konfliktgesellschaft. Bd. 2, Frankfurt/M.: Suhrkamp.Google Scholar
  10. Heitmeyer, Wilhelm, 1997a: Auf dem Weg in eine desintegrierte Gesellschaft. In: Wilhelm Heitmeyer (Hrsg.), Was treibt die Gesellschaft auseinander? Bundesrepublik Deutschland: Auf dem Weg von der Konsens-zur Konfliktgesellschaft. Bd. 1, Frankfurt/M.: Suhrkamp, 9–26.Google Scholar
  11. Heitmeyer, Wilhelm, 1997b: Gesellschaftliche Integration, Anomie und ethnisch-kulturelle Konflikte. In: Wilhelm Heitmeyer (Hrsg.), Was treibt die Gesellschaft auseinander? Bundesrepublik Deutschland: Auf dem Weg von der Konsens-zur Konfliktgesellschaft. Bd. 1, Frankfurt/M.: Suhrkamp, 629–653.Google Scholar
  12. Heitmeyer, Wilhelm, 1997c: Gibt es eine Radikalisierung des Integrationsproblems? In: Wilhelm Heitmeyer (Hrsg.), Was hält die Gesellschaft zusammen? Bundesrepublik Deutschland: Auf dem Weg von der Konsens-zur Konfliktgesellschaft. Bd. 2, Frankfurt/M.: Suhrkamp, 23–65.Google Scholar
  13. Henning, Eike, 1997: Demokratieunzufriedenheit und Systemgefährdung. In: Wilhelm Heitmeyer (Hrsg.), Was treibt die Gesellschaft auseinander? Bundesrepublik Deutschland: Auf dem Weg von der Konsens-zur Konfliktgesellschaft. Bd. 1, Frankfurt/M.: Suhrkamp, 156–195.Google Scholar
  14. Krüger, Ursula M., 1993: Kontinuität und Wandel im Programmangebot. Programmstrukturelle Trends bei ARD, ZDF, SAT 1 und RTL 1986–1992. In: Media Perspektiven 6, 246–266.Google Scholar
  15. Merton, Robert K., 1968: Social Theory and Social Structure, rev. and enl. Ed., Glencoe, IL.: The Free Press.Google Scholar
  16. Sander, Uwe/Dorothee M. Meister, 1997: Medien und Anomie: Zum relationalen Charakter von Medien in modernen Gesellschaften. In: Wilhelm Heitmeyer (Hrsg.), Was treibt die Gesellschaft auseinander? Bundesrepublik Deutschland: Auf dem Weg von der Konsens-zur Konfliktgesellschaft. Bd. 1, Frankfurt/M.: Suhrkamp, 196–241.Google Scholar
  17. Schäfers, Bernhard, 1998: Anomie oder Rückkehr zur „Normalität“? In: Soziologische Revue 21, 3–12.Google Scholar

Copyright information

© VS Verlag für Sozialwissenschaften | GWV Fachverlage GmbH, Wiesbaden 2007

Authors and Affiliations

  • Stefan Lange
    • 1
  1. 1.Stiftungslehrstuhl für Wissenschaftsorganisation, Hochschul- und WissenschaftsmanagementDeutschen Hochschule für Verwaltungswissenschaften SpeyerDeutschland

Personalised recommendations