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Die Zukunft der computergestützten qualitativen Datenanalyse

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Auszug

In den letzten Jahren haben die Methoden zur computergestützten Analyse qualitativer Daten beachtliche Fortschritte gemacht. Neue, verbesserte Versionen der QDA-Software sind erschienen und viele Wünsche, die auf der Wunschliste qualitativer Forscher obenan standen, sind mittlerweile erfüllt worden. Methodische Aspekte und Probleme der QDA-Software haben in den letzten Jahren in der sozialwissenschaftlichen Methodendiskussion verstärkt eine Rolle gespielt. Dabei lassen sich folgende Hauptthemen des Methodendiskurses identifizieren:
  1. 1.

    Effektivierung der Forschung durch QDA-Software, d.h. inwieweit das qualitative Forschen durch Computereinsatz erleichtert und verbessert wird. Während die Mehrheit der Diskutanten die positiven Effekte hervorhebt (so Flick 2002: 365, Kelle 2000, Gibbs/Friese/Mangabeira 2002), finden sich auch Kritiker (z.B. Mruck 2000), die demgegenüber eher den kreativen und einer Kunstlehre ähnlichen Charakter qualitativen Forschens betonen.

     
  2. 2.

    Transparenz, Dokumentation und Glaubwürdigkeit: Thema ist die erhöhte Transparenz, die sich durch computergestützte Verfahren erzielen lässt und ein damit verbundener Gewinn an interner Validität (vgl. Kelle/Laurie 1995). Mit dem Gewinn an Konsistenz und Konsequenz steige auch die Glaubwürdigkeit qualitativer Forschung (vgl. Seale 1999). Es ergebe sich ein Prestige- und Reputationsgewinn „entgegen den Vorwürfen des bloß Subjektivistischen und Essayistischen qualitativer Sozialforschung“ (Mruck 2000: 29).

     
  3. 3.

    Verbesserung von Teamarbeit: Bei diesem Diskursstrang geht es um die Organisation von Teamarbeit und ihre Qualität. Autoren wie Gibbs u.a. (2002) und Ford u.a. (2000) sehen hier Zugewinne, weil Codierungen leicht nachvollzogen und überprüft werden können. Der interne Kommunikationsprozess zwischen den Mitgliedern einer Forschergruppe werde intensiver und Daten und Analyseergebnisse ließen sich zwischen weit entfernt voneinander arbeitenden Teammitgliedern austauschen.

     
  4. 4.

    Archivierung und Sekundäranalyse: Das Problem der Archivierung qualitativer Studien und der Bereitstellung der Daten für Sekundäranalyse ist immer wieder Gegenstand der Diskussion gewesen, denn anders als in der quantitativen Forschung sind in der qualitativen Forschung Sekundäranalysen bisher weitgehend unbekannt. In diesem Kontext sind bereits praktische Vorschläge entwickelt worden (z.B. Kluge und Opitz 1999) und Datenarchive gegründet worden, wie das Bremer „Archiv für Lebenslaufforschung“33. Die Einrichtung eines bundesweiten Archivs für qualitative Interviewdaten ist allerdings immer noch ein Desiderat. Auch international sind entsprechende Diskussionen und Aktivitäten zu verzeichnen, z.B. die Einrichtung des Qualidata-Archivs in Essex, in dem qualitative Daten archiviert und für weitere Lehre und Forschung zur Verfügung gestellt werden (Corti 2000). Die Standards zur Archivierung digitalisierter qualitativer Daten sind allerdings auch weiterhin Gegenstand der Diskussion (Carmichael 2002, Muhr 2000).

     
  5. 5.

    Methodische Weiterentwicklungen und Integration qualitativer und quantitativer Methoden: Diskutiert werden sowohl einzelne, an spezielle theoretische Ansätze gebundene methodische Entwicklungen (z.B. das Gabek Verfahren bei Buber/Zelger (2000)), als auch generalisierende Ansätze wie das Testen von formalisierten Hypothesen (Hesse-Biber/Dupuis 1996, Huber 1992, Kelle 1997a und 1997b), die Typenbildung (Kelle/Kluge 1999, Kluge 1999, Kuckartz 1999 und 2001) und die Integration von quantitativen und qualitativen Methoden (Flick 2004, Kuckartz 1999, Mayring 2001, Kluge 1999, Kelle/Kluge 1999).

     
  6. 6.

    Gefahren des Computereinsatzes. Immer wieder ist eine Diskussion um vermeintliche Gefahren des Arbeitens mit QDA-Software aufgeflackert (Glaser 2002, Coffey et al. 1996), wobei sich die Kritik vor allem auf die analytische Technik des Codierens bezieht. So warnen etwa Fielding/Lee (1998: 119) davor, dass die extensive Nutzung von QDA-Software dazu führen könne, dass das Codieren gewissermaßen die Analyse ersetze und man durch die De-kontextualisierung, die mit dem Segmentieren und Codieren einhergeht, das eigentliche Phänomen aus den Augen verliere. Kritiker wie Glaser (2002) und Roberts/Wilson (2002) sehen sogar prinzipielle Gegensätze zwischen Computern und qualitativer Forschung: „Computer techniques of logic and precise rules are not compatible with the unstructured, ambiguos nature of qualitative data and so it may distort or weaken data or stifle creativity“ (ebd.: 15).

     

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© VS Verlag für Sozialwissenschaften | GWV Fachverlage GmbH, Wiesbaden 2007

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