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Die EU im Lichte friedenstheoretischer Komplexprogramme

  • Dieter Senghaas

Auszug

Politische Gemeinschaften zu bilden ist ein äuß erst voraussetzungsvoller Vorgang, zumal in modernen, d.h. sozial mobilen und durchpolitisierten Gesellschaften, in denen sich nicht nur in der politischen Klasse, sondern auf Massenbasis alle wesentlichen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen als politische und alle politischen Konflikte als gesellschaftliche kundtun. Solche nach Interessen und Identitäten zerkläfteten Gesellschaften, die das Ergebnis säkularer Entwicklungsprozesse sind, sind nicht nur konflikt-, sondern potentiell auch gewaltträchtig. Unter modernen Vorzeichen ist deshalb die Herausbildung von dauerhaften, selbstregulativen politischen Gemeinschaften eine bemerkenswerte zivilisatorische Errungenschaft. Man könnte diese Errungenschaft als friedliche Koexistenz trotz Fundamentalpolitisierung definieren.

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Literatur

  1. 1.
    Markante erläuternde Versuche in dieser Richtung finden sich in Senghaas, Dieter (Hrsg.): Den Frieden denken. Si vis pacem, para pacem, Frankfurt a.M. 1995.Google Scholar
  2. 2.
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  3. 3.
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  4. 4.
    Die nachfolgenden Kategorien sind einer friedenstheoretischen Debatte äber Europa Anfang der 1970er Jahre entnommen. Vgl. Galtung, Johan (Hrsg.): Co-operation in Europe, New York 1970, Kap 2, in welchem die Kategorien entfaltet werden (A Theory of Peaceful Co-operation, S. 9–21). Vgl. auch ders.: Europa — bipolar, bizentrisch oder kooperativ?, in Galtung, Johan/Senghaas, Dieter (Hrsg.): Kann Europa abrästen?, Mänchen 1973, S. 9–61 sowie ders.: The True Worlds. A Transnational Perspective, New York 1980.Google Scholar
  5. 5.
    Christian Graf von Krockow hat in seinem Buch Soziologie des Friedens, Gätersloh 1962, entsprechende Überlegungen im Anschluss an Lorenz von Stein formuliert (Teil II, Kap. 5).Google Scholar
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    Vgl. Galtung, Johan: Entropy and the General Theory of Peace. Essays in Peace Research, Bd. 1, Kopenhagen 1975, S. 47–75.Google Scholar
  8. 8.
    Vgl. zusammenfassend Zärn, Michael: Vom Nutzen internationaler Regime für eine Friedensordnung, in Senghaas, Dieter (Hrsg.): Frieden machen, Frankfurt a.M. 1997, S. 465–481.Google Scholar
  9. 9.
    Zu diesem und anderen Dilemmata vgl. Senghaas, Dieter: Zum irdischen Frieden, Frankfurt a.M. 2004, Kap. 7 und 9.Google Scholar
  10. 10.
    Die klassische Studie dieser Argumentationsrichtung ist Deutsch, Karl W. u.a.: Political Community and the North Atlantic Area. International Organization in the Light of Historical Experience, Princeton 1957. Darauf aufbauend Zielinski, Michael: Friedensursachen. Genese und konstituierende Bedingungen von Friedensgemeinschaften am Beispiel der Bundesrepublik Deutschland und der Entwicklung ihrer Beziehungen zu den USA, Frankreich und den Niederlanden, Baden-Baden 1995; Adler, Emanuel/Bamett, Michael (Hrsg.): Security Communities, Cambridge 1998.Google Scholar
  11. 11.
    Im Hinblick auf Europa hatte ich nach dem weltpolitischen Umbruch 1989/90 einen entsprechenden detaillierten Entwurf vorgelegt. Vgl. Senghaas, Dieter, Friedensprojekt Europa, Frankfurt a.M. 1992. Das Buch begrändet mit der erforderlichen Ausfährlichkeit und im Detail einen unmittelbar während der weltpolitischen Wende 1989/90 entstandenen, seinerzeit zunächst nur umrisshaft konzipierten Friedensplan für Gesamteuropa: Europa 2000. Ein Friedensplan, Frankfurt a.M. 2000.Google Scholar
  12. 12.
    Dieser Begriff wurde in den 1950er Jahren von Karl W. Deutsch eingefährt und ist seitdem gebräuchlich (vgl. Anm. 10). Eine zusammenfassende Darlegung findet sich in Deutsch, Karl W.: Frieden und die Problematik politischer Gemeinschaftsbildung auf internationaler Ebene, in: Senghaas, a.a.O. (Anm. 1), S. 363–382.Google Scholar
  13. 13.
    Vgl. hierzu Senghaas, a.a.O. (Anm. 9), Kap. 2 und 4.Google Scholar
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  16. 16.
    Vgl. Czempiel, Ernst-Otto: Friedensstrategien, Opladen 1998, bes. Kap. 1. Die nachfolgend zitierte Auflistung findet sich in ders.: Der Friedensbegriff der Friedensforschung, in: Ziemann, Benjamin (Hrsg.): Perspektiven der Historischen Friedensforschung, Essen 2002, S. 43–56.Google Scholar
  17. 17.
    Kant, Immanuel: Werke in sechs Bänden, hrsg. von W. Weischedel, Darmstadt 1956, Bd. 4, S. 478.Google Scholar

Copyright information

© VS Verlag für Sozialwissenschaften | GWV Fachverlage GmbH, Wiesbaden 2007

Authors and Affiliations

  • Dieter Senghaas
    • 1
  1. 1.Professor für internationale Politik und internationale Gesellschaft, insbesondere Friedens-, Konflikt- und Entwicklungsforschung am Institut für Interkulturelle und Internationale Studien an der Universität BremenDeutschland

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