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„Da ist halt einfach so ‘ne Bindung“ Familiäre Ablösungsprozesse junger Frauen im generationenübergreifenden Einwanderungskontext

  • Susanne Gerner
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Auszug

Für Jugendliche, die heute in der dritten Einwanderergeneration in Deutschland heranwachsen, gehört die Migration der Familie nicht mehr zum unmittelbaren Erfahrungsschatz der eigenen Biografie. Sie sind in Deutschland groß geworden, besuchen dort die Schule und orientieren sich großteils an einer dauerhaften Lebensperspektive im Migrationsland ihrer Eltern und Großeltern. Deren Muttersprache sowie kulturelle Traditionen und Deutungsmuster sind den Jugendlichen aus der alltäglichen Praxis des Familienlebens vertraut. Ebenso sind die Bindungen zum Herkunftsland im transnational geprägten Familiengefüge präsent. Das Leben vor der Migration und der Einwanderungsprozess gehören aus ihrer Sicht dennoch einer vergangenen Epoche der Familiengeschichte an. Damit verbundene Hintergründe, Erfahrungen und Brüche sind für sie nur vermittelt wahrnehmbar im Rahmen der familiären Tradierung. Wie Herkunft und familiengeschichtliche Vergangenheit in die Gegenwart hineinragen, ist insofern nicht unbedingt einer biografischen Reflexion zugänglich. Sie spielen für die Jugendlichen dennoch eine wichtige Rolle, wenn es um die Bildung eigener Lebensentwürfe geht. Die Bedeutung der Herkunft zeigt sich dabei in einer transkulturellen Beziehungs- und Loyalitätspraxis, die über den Prozess von Tradierung und Transformation mit der Familiengeschichte verbunden bleibt. Sie ist eine Bindung, ‚die man nicht schneiden kann‚. Wohl aber wird sie im gesellschaftlichen Kontext des Migrationslandes neu gestaltet. Ebru, die ich später vorstellen werde, bringt so im Interview prägnant zum Ausdruck, was ich in meinem Aufsatz in den Vordergrund stellen möchte: die Frage nach der biografischen Bedeutung familiärer und transkultureller Bindungen im adoleszenten Ablösungsprozess junger Frauen und ihr Wandel im mehrere Generationen übergreifenden Einwanderungsprozess.

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Copyright information

© VS Verlag für Sozialwissenschaften | GWV Fachverlage GmbH,Wiesbaden 2007

Authors and Affiliations

  • Susanne Gerner
    • 1
  1. 1.Institut für Erziehungswissenschaft der Philipps-Universität MarburgDeutschland

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