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Medienwirkungsforschung und Mediensoziologie

Eine einleitende Übersicht
  • Michael Jäckel

Zusammenfassung

Zu Beginn dieser kompakten Einführung in das Thema „Medienwirkungen“ steht eine kompakte Übersicht zur Medienwirkungsforschung aus vorwiegend soziologischer Perspektive. Naheliegend ist in diesem Zusammenhang die Ausgangsfrage: Wann beginnt die Mediengesellschaft ? Wenn so formuliert wird, ist auch an die Anfänge der Medienwirkungsforschung gedacht. Würde man die Antwort an der Etablierung der wissenschaftlichen Disziplinen, die sich mit Fragen der Medienwirkung auseinandersetzen, orientieren, müsste man den Beginn im 20. Jahrhundert suchen. Wer dagegen den Blick in die Mediengeschichte lenkt, wird nicht umhinkommen festzustellen, dass die Frage, wie Medien die Verfasstheit einer Gesellschaft verändert haben, eine sehr lange Tradition hat. Hans Joas hat die Aufgabe der Soziologie darin gesehen, die „Arten und Weisen, wie das menschliche Leben sozial organisiert wird“ (2007, S. 14), zu untersuchen. Eine Mediensoziologie betont daher in besonderer Weise den Blick auf Phänomene, die ohne die Existenz von (Verbreitungs-)Medien entweder nicht vorstellbar waren oder zumindest in der Wahrnehmung ihrer Bedeutung durch eine Vielzahl weiterer Kanäle verstärkt wurden. Mit Medien sind allgemein Artefakte, die Vermittlungsleistungen übernehmen, gemeint: Bilder, Texte, aber z. B. auch Münzen. Beobachtungen, die sich auf die Wirkung von Medien im weitesten Sinne beziehen, waren bereits vor dem Aufkommen einer akademischen Disziplin, die sich Kommunikationswissenschaft oder Publizistikwissenschaft nannte, weit verbreitet. Aber die Pluralität der Auffassungen ist ohne Zweifel auch das Ergebnis einer funktionalen Differenzierung moderner Gesellschaften, in denen eben nicht nur Wissenschaftler (Medienwissenschaftler, Kommunikationsforscher, Wirkungsforscher, Soziologen) den Blick auf ein kontinuierlich expandierendes Wort- und Bildmaterial lenken, sondern die Medien selbst eben diese Funktion übernehmen: Sie werden nicht nur als gesellschaftliche Einrichtung analysiert, sondern liefern quasi täglich selbst Beschreibungen von Gesellschaft, die mit sozialwissenschaftlichen Diagnosen konkurrieren können. Damit engt sich auch die Bedeutung des (Massen-)Medien-Begriffs ein: Statt der Realität der Massenmedien als Realität der Organisationen, der Druckerpressen, Funktürme und Serverräume steht hier die „Realität der Massenmedien als die in ihnen ablaufenden, sie durchlaufenden Kommunikationen“ (Luhmann 1996, S. 13) im Vordergrund, deren Aufgabe es ist, Beschreibungen und Selbstbeschreibungen der Gesellschaft anzubieten. Die Sozialwissenschaften wären ärmer, wenn sie diese Beobachtungen nicht hätten, sie müssen aufgrund ihrer eigenen Ergebnisse aber auch zu der selbstkritischen Auffassung gelangen, dass die Welt anders aussehen könnte, weil sie stets ein Werk von Beschreibungen ist. Niklas Maak stellte in einem Beitrag fest: „Das Bewusstsein einer Gesellschaft entsteht in den Geschichten, die sie sich erzählt und in den Formen, die sie für ihre Zeit erfindet.“ (2011, S. 17) An diese Beobachtung ließe sich eine Vielzahl von Forschungsfragen, die die Medienwirkungsforschung heute, aber auch in der Vergangenheit beschäftigt haben, anschließen. Ein Erzähler mag für sich allein seine rhetorischen Fähigkeiten in gekonnter Weise gegenüber seinem Publikum zur Geltung bringen. Sein Wirkungsradius ist im mündlichen Zeitalter, das noch keine effizienten Medien für die Überwindung von Raum und Zeit kennt, sehr begrenzt. Dieselben rhetorischen Fähigkeiten können in einem Massenmedium, das ein disperses Publikum (vgl. Maletzke 1963) erreichen kann, ein Einflusspotenzial entfalten, das die Gesellschaft selbst und eben auch ihre Beobachter in Unruhe versetzt.

Leseempfehlungen

  1. Butsch, Richard (2008): The citizen audience. Crowds, publics, and individuals. New York.Google Scholar
  2. Jäckel, Michael/Grund Thomas (2005): Eine Mediensoziologie – aus Sicht der Klassiker. In: Jäckel, Michael (Hg.): Mediensoziologie. Grundfragen und Forschungsfelder. Wiesbaden, S. 15 – 32.Google Scholar
  3. Neuman, W. Russell (2010): Theories of Media Evolution. In: Neuman, W. Russell (Hg.): Media, technology, and society. Theories of media evolution. Ann Arbor, S. 1 – 21.Google Scholar

Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden 2012

Authors and Affiliations

  • Michael Jäckel
    • 1
  1. 1.Universität TrierTrierDeutschland

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