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Gralshüter und ihre Kritiker. Beobachtungen zum literaturwissenschaftlichen Dialog und ein Selbstversuch

  • Sebastian Neumeister
Part of the Germanistische Symposien Berichtsbände book series (GERMSYMP)

Zusammenfassung

Das Echo der beiden Geschichten, die im folgenden erzählt werden sollen, dürfte, auch wenn der Protagonist der ersten von ihnen mit einem weit ausgreifenden kulturkritischen Anspruch auftritt, kaum über die Grenzen einer hochspezialisierten Fachdiskussion hinausgelangt sein. Dennoch können die hier geschilderten Argumentationsabläufe für die Wissenschaftsforschung vielleicht als Fallstudien von Interesse sein. Fallstudien dienen im allgemeinen dazu, wissenschaftstheoretische Konzeptionen zu überprüfen oder Paradigmenwechsel innerhalb einer Disziplin zu illustrieren.1 Dies geschieht meist im Rückblick, als ein Beitrag zur Wissenschaftsgeschichte. Häufig führen dabei unterschiedliche Zielsetzungen — wissenschaftsgeschichtlich dokumentierende zum einen, wissenschaftstheoretisch verallgemeinernde zum anderen — auch zu einer unterschiedlichen Objekt- und Methodenwahl. Im folgenden soll es jedoch nicht so sehr um historische Entwicklungen innerhalb der Literaturwissenschaft gehen wie um Beobachtungen zu deren Argumentationsstil — im Interesse argumentativer und methodologischer Ehrlichkeit ebenso wie im Dienste eines möglichen Erkenntnisfortschritts: ›historia magistra vitae‹.

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Literaturverzeichnis

  1. 2.
    Ein naiver Beobachter könnte der Meinung sein, daß ein solcher Streit über den Wortlaut der in Frage stehenden Werke zu entscheiden sei. Daß dies nicht grundsätzlich so ist und der Text als untrügliche Kontrollinstanz häufig versagt, ist für den, der um die hermeneutischen Probleme jeder Lektüre weiß, nicht verwunderlich. Dennoch, und dies ist die Utopie der folgenden Ausführungen, sollte es möglich sein, gewisse Mindeststandards für eine korrekte Textlektüre zu etablieren und zu respektieren; vgl. dazu grundsätzlich Umberto Eco: I limiti dell’ interpretazione. (Dt.: Die Grenzen der Interpretation. 1992). Milano 1990.Google Scholar
  2. 3.
    Vgl. dazu einführend die immer noch lesenswerte Darstellung von Reto R. Bezzola: Liebe und Abenteuer im höfischen Roman. Reinbek 1961 (gekürzt; zuerst frz.: Le sens de l’aventure et de l’amour [Chrétien de Troyes]. Paris 1947).Google Scholar
  3. 4.
    Vgl. dazu einführend Ulrich Mölk: »Die sizilianische Lyrik«. In: Henning Krauß (Hrsg.): Europäisches Hochmittelalter. (Neues Handbuch der Literaturwissenschaft 7). Wiesbaden 1981, S. 49–60.Google Scholar
  4. 6.
    *** Die im folgenden erörterten Beiträge von Michael Nerlich, Henning Krauß, Heinz Thoma, Sebastian Neumeister und Friedrich Wolfzettel werden im Text mit den folgenden Kürzeln zitiert: N I: Michael Nerlich: Kritik der Abenteuer-Ideologie. Beitrag zur Erforschung der bürgerlichen Bewußtseinsbildung 1100–1750. 2 Bde. Berlin 1977; N II:Google Scholar
  5. Michael Nerlich: »Der Kaufmann von Galvaide oder die Sünden der Chrestien-Forschung. Ein Essay über die Ursprünge der Moderne-Mentalität in der literarischen Gestaltung«. In: lendemains 12 (1987) H. 45, S. 12–39;Google Scholar
  6. N III: Michael Nerlich: »Ein Hauch von Posthistoire? Antwort auf zwei Kenner des Guillaume d’Angleterre«. In: lendemains 12 (1987) H. 48, S. 109–129;Google Scholar
  7. N IV: Michael Nerlich: Abenteuer oder das verlorene Selbstverständnis der Moderne. München 1997;Google Scholar
  8. K I: Henning Krauß: »Gattungssystem und Sitz im Leben. Zur Rezeption der altprovenzalischen Lyrik in der sizilianischen Dichterschule«. In: LiLi. Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik 2 (1973), S. 37–70;Google Scholar
  9. K II: Henning Krauß: »Der überschätzte Bürger und der unterschätzte König — Zu Michael Nerlichs Versuch, den Guillaume d’Angleterre postmodern zu deuten«. In: lendemains 12 (1987) H. 48, S. 77–96; K III: »Wider den Narziß in der Sackgasse. Zu einer Interpretation der Sizilianischen Dichterschule und einer Kritik an der Literatursoziologie«. In: Cahiers d’Histoire des Littératures Romanes/Romanistische Zeitschrift für Literaturgeschichte 18 (1994), S. 1–24;Google Scholar
  10. Th: Heinz Thoma: »Der König von England — Überlegungen zur Interpretation des Guillaume d’Angleterre«. In: lendemains 12 (1987) H. 48, S. 97–108;Google Scholar
  11. SN: Sebastian Neumeister: »Die ›Literarisierung‹ der höfischen Liebe in der sizilianischen Dichterschule des 13. Jahrhunderts«. In: Joachim Heinzle (Hrsg.): Literarische Interessenbildung im Mittelalter. DFG-Symposion 1991. (Germanistische Symposien, Berichtsbände XIV). Stuttgart/Weimar 1993, S. 385–400;Google Scholar
  12. W: Friedrich Wolfzettel: ›»Funktion der Funktionslosigkeit‹: Zur Sizilianischen Dichterschule«. In: Cahiers d’Histoire des Littératures Romanes/Romanistische Zeitschrift für Literaturgeschichte 20 (1996), S. 461–479.Google Scholar
  13. 7.
    Vgl. den Artikel »Köhler, Erich«. In: Ansgar Nünning (Hrsg.): Metzler Lexikon Literatur-und Kulturtheorie. Ansätze — Personen — Grundbegriffe. Stuttgart/Weimar 1998, S. 264f.,Google Scholar
  14. ferner die Rezension von Ulrich Schulz-Buschhaus: »Erich Köhler — Literatursoziologische Perspektiven. Gesammelte Aufsätze. Vorlesungen zur Geschichte der französischen Literatur«. In: Romanistisches Jahrbuch 35 (1984), S. 150–156.Google Scholar
  15. 14.
    Dies wäre angesichts der Risiken einer jeden Schul- oder Generationsgemeinschaft auch einer elfbändigen Reihe von Interpretationen zur französischen Literaturgeschichte zu wünschen, an der mit Ausnahme des Verfassers alle hier genannten Kontrahenten als Herausgeber von Einzelbänden beteiligt sind — vgl. Henning Krauß (Hrsg.): Französische Literatur. Tübingen 1999ff.Google Scholar
  16. 15.
    Krauß knüpft mit dem Hinweis auf solche Dienst- und Abhängigkeitsformeln an eine Grundsatzdebatte der Altgermanistik an, die nach der literarischen Produktivität der sog. Ministerialen fragt und in die Erich Köhler 1964 maßgebend mit seiner These eingriff, die »psychologische Struktur des ›amour courtois‹ [sei] bedingt durch die soziale, wirtschaftliche und politische Lage des Kleinadels« — E. K.: »Die Rolle des niederen Rittertums bei der Entstehung der Trobadorlyrik.« In: E. K.: Esprit und arkadische Freiheit. Aufsätze aus der Welt der Romania. 2. Aufl. München 1984, S. 9–27, hier S. 25. Vgl. dazu Joachim Heinzle: »Literatur und historische Wirklichkeit. Zur fachgeschichtlichen Situierung sozialhistorischer Forschungsprogramme in der Altgermanistik«. In: Eckart Conrad Lutz (Hrsg.): Das Mittelalter und die Germanisten. Zur neueren Methodengeschichte der Germanischen Philologie. Freiburger Colloquium 1997. Freiburg (Schweiz) 1998, S. 93–114, hier S. 108 ff.Google Scholar
  17. 16.
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  18. 23.
    Alberto Varvaro: »La cultura di Federico II«. In: Federico II e l’Italia. Percorsi, Luoghi, Segni e Strumenti. (Ausstellungskatalog). Roma 1995, S. 134.Google Scholar
  19. 25.
    Gerhard Pasternack: »Zur Rationalität der Interpretation«. In: Lutz Danneberg/Friedrich Vollhardt (Hrsg.): Vom Umgang mit Literatur und Literaturgeschichte. Positionen und Perspektiven nach der »Theoriedebatte«. Stuttgart 1992, S. 149–168, hier S. 160.Google Scholar
  20. 26.
    Bei den von Krauß kursivierten Worten handelt es sich bis auf die Emphatisierung des neutralen Epithetons »epochebildenden« zu »epochemachenden« um Zitate aus einer in den 1970er Jahren vielzitierten Streitschrift von Hans Robert Jauß: »Literaturgeschichte als Provokation der Literaturwissenschaft«. In: H. R. J.: Literaturgeschichte als Provokation. Frankfurt a.M. 1970, S. 144–207, hier S. 195.Google Scholar

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  • Sebastian Neumeister

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