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Die Freiheit und ihr Schatten. Friedrich Nietzsches Subjektkritik

  • Dirk von Petersdorff
Part of the Germanistische Symposien Berichtsbände book series (GERMSYMP)

Zusammenfassung

Mit der Behauptung vom ›Tod des Subjekts‹ kann man in verschiedener Weise umgehen. Man kann diese Diagnose für wahr halten; gerät dann allerdings bei ihrer Begründung in eine Fülle von Selbstwidersprüchen, die Außenstehende zu Scherzen herausfordern. Man kann die Diagnose bestreiten und sie als merkwürdige Idee einiger philosophischer Exzentriker ansehen. Daran ist unbefriedigend, dass wir diese Exzentriker, Nietzsche zum Beispiel, in anderer Hinsicht sehr schätzen, ihnen außerordentliche Einsichten und Kunstwerke verdanken. Deshalb ist vielleicht ein dritter Weg plausibel, der die Rede vom toten Subjekt in ihrem Nennwert bestreitet,1 sie aber gleichwohl ernst nimmt, und zwar in Form einer Analyse. Die Frage lautet dann: Was war mit der Rede vom Tod des Subjekts, wenn es denn noch am Leben ist, eigentlich gemeint? Wie kam es zu dieser Idee, und welche Funktion hatte sie?

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Notizen

  1. 1.
    Im Anschluss an die philosophischen Argumente zur Unhintergehbarkeit von Subjektivität und Individualität. Vgl. dazu die Bemerkungen von Baumgartner, Hans Michael: »Welches Subjekt ist verschwunden? Einige Distinktionen zum Begriff der Subjektivität«. In: Schrödter, Hermann (Hg.): Das Verschwinden des Subjekts. Würzburg 1994, S. 26.Google Scholar
  2. 3.
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    Solche Überlegungen sind Teil einer Mentalitätsgeschichte der Verwestlichung, die aber noch nicht geschrieben ist. Die Politikgeschichte ist da schon weiter, vgl. Winkler, Heinrich August: Der lange Weg nach Westen. München 2000, der aber den Bereich der Kultur allenfalls streift.Google Scholar
  5. 6.
    Ein aktuelles Beispiel für die entsprechenden Auseinandersetzungen bietet Habermas, Jürgen: Wahrheit und Rechtfertigung. Philosophische Aufsätze. Frankfurt a. M. 1999. Habermas gesteht in Auseinandersetzung mit seinen Kritikern ein, dass wesentliche Teile seiner Diskursethik noch der Tradition metaphysischen Denkens entstammen. Sie sind von sprach- und handlungsfähigen Subjekten, wie wir sie kennen, auch nicht annäherungsweise zu realisieren;Google Scholar
  6. 8.
    Im Frühwerk ist der Begriff des Individuellen nur schwach entwickelt. Die Wende setzt dort ein, wo Nietzsche sich von der Vorstellung löst, auch in der Moderne könne der Mythos als religiös-ästhetisches Integrationsmedium fungieren. Lebensgeschichtlich ist diese Wende mit der Distanzierung von Wagners Kunstbegriff und Schopenhauers Metaphysik des Willens verbunden. Erst damit gerät die Notwendigkeit der Selbstgesetzgebung der modernen Geister in den Blick. Vgl. zu dieser Wende die klare und präzise Arbeit von Himmelmann, Beatrix: Freiheit und Selbstbestimmung. Zu Nietzsches Philosophie der Subjektivität. Freiburg/München 1996, S. 99 ff. Hier wird auch deutlich, dass Nietzsche Wagners Kunstbegriff mit dem Hinweis auf die gesellschaftlichen Verhältnisse des 19. Jahrhunderts für obsolet erklärt. Deshalb kann er sich auch gegen die seit dem 18. Jahrhundert grassierende Idee wenden, dass die Kunst Symbole hervorbringen könne, in denen eine Gesellschaft ihre höchsten Bestände symbolisiert findet. In diesem Zusammenhang spricht er von einer »Artisten-Gewissenlosigkeit, welche uns überreden möchte, da anzubeten, wo wir nicht mehr glauben« (3, S. 16).Google Scholar
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    Den Begriff der Ironie selber benutzt Nietzsche in uneinheitlicher Bedeutung und Bewertung. Die romantische Theorie war zu seiner Zeit editorisch nicht leicht fassbar und nicht rekonstruiert. Gekannt hat er die lyrische Umsetzung der Ironie bei Heine und auf ihre »göttliche Bosheit« hingewiesen (6, S. 286). Entscheidend sind hier aber nicht Einflüsse und Begriffe, sondern eine Haltung, die auf Bedingungen der Moderne reagiert und deshalb periodisch wiederkehrt. Vgl. dazu Bräutigam, Bernd: »Verwegene Kunststücke. Nietzsches ironischer Perspektivismus als schriftstellerisches Verfahren. In: Nietzsche-Studien 6 (1977), S. 45–63;Google Scholar
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Authors and Affiliations

  • Dirk von Petersdorff
    • 1
  1. 1.SaarbrückenDeutschland

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