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Der Autor und sein Label. Überlegungen zur fonction classificatoire Foucaults (mit Fallstudien zu Langbehn und Kracauer)

  • Dirk Niefanger
Part of the Germanistische Symposien Berichtsbände book series (GERMSYMP)

Zusammenfassung

Spätestens die Popkultur und ihre Autoren (von Bret Easton Ellis über Nick Hornby zur deutschen Tristesse Royal1) haben uns ins Gedächtnis gerufen, welche Macht Markennamen und Labels in der modernen Gesellschaft haben können. Die jüngste Aufregung um die kanadische Journalistin Naomi Klein und ihre »Kampfschrift«2 gegen die Mode-Signets zeigt, daß die Positionen dabei bisweilen bizarr oszillieren. Kleins eingängigen Buchtitel No Logo!3 liest man heute genauso wie ›CK‹, ›Gap‹ oder ›Nike‹ als Schriftzug auf der Kleidung der Heranwachsenden; und das ›No Logo‹-Logo hat dort längst einen ähnlichen Identifikationswert erhalten wie die Designer-Labels und die Schriftzüge der Sportartikelhersteller. Die Autorin des Bestsellers wurde quasi über Nacht zum neuen Popstar: die Süddeutsche nennt sie eine »Ikone der Globalisierungsgegner«, in englischen Zeitungen wird sie als »einflussreichste Person der Welt unter 35« gehandelt.4 Der Pop-Diskurs um Markennamen und Logos sensibilisiert für die Wirkung von Etiketten im Bereich der Kultur; er nutzt Autor-Labels und symbolisch verstandene Logos für öffentliche Auseinandersetzungen unter ökonomischen und kulturellen Vorzeichen. So stehen die Modenamen ›Gucci‹ und ›Prada‹ — im Popdiskurs — nicht nur für Kleidungstile, sondern für gänzlich differente Welthaltungen.

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Notizen

  1. 8.
    Scholz, Bernhard F.: »Alciato als emblematum pater et princeps. Zur Rekonstruktion des frühmodernen Autorbegriffs!. In: Jannidis, Fotis u. a. (Hg.): Rückkehr des Autors. Zur Erneuerung eines umstrittenen Begriffs. Tübingen 1999, S. 321–351;Google Scholar
  2. 9.
    Vgl. Barthes, Roland: »La mort de l’auteur«. In: Manteia (1968), S. 12–17;Google Scholar
  3. deutsche Übers. v. Matias Martinez: »Der Tod des Autors«. In: Jannidis u.a. (Hg.): Texte zur Theorie der Autorschaft. Stuttgart 2000, S. 185–193.Google Scholar
  4. 10.
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  5. Zitat, S. 100. Der Text liegt in verschiedenen Fassungen vor. Um die Diskussion gekürzte deutsche Fassung: »Was ist ein Autor?«. In: Foucault, Michel: Schriften zur Literatur. Übers. v. Karin v. Hofer u. a. Frankfurt/M. 1988, S. 7–31;Google Scholar
  6. 17.
    Zum hier durchaus gemeinten editorischen Begriff ›Autorisation‹ vgl. den Artikel von Klaus Grubmüller und Klaus Weimar im Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft, hg. v. Klaus Weimar u.a. Berlin, New York, 1997ff., Bd. 1, S. 182–83.Google Scholar
  7. 18.
    Vgl. Genette, Gérard: Seuils. Paris 1987;Google Scholar
  8. deutsch: Paratexte. Das Buch vom Beiwerk des Buches. Übers. v. Dieter Hornig. Frankfurt 1989;Google Scholar
  9. vgl. auch die Überblicksdarstellung: Moennighoff, Burkhard: »Paratexte«. In: Arnold, Heinz Ludwig/Detering, Heinrich (Hg.): Grundzüge der Literaturwissenschaft. München 1996, S. 349–356.Google Scholar
  10. 21.
    Vgl. Jannidis, Fotis u. a.: »Rede über den Autor an die Gebildeten unter seinen Verächtern. Historische Modelle und systematische Praktiken.« In: Jannidis u. a. (Hg.) 1999 (s. Anm. 8), S. 3–35;Google Scholar
  11. 22.
    Vgl. Bourdieu, Pierre: Zur Soziologie der symbolischen Formen. Übs. v. Wolfgang Fietkau. Frankfurt/M. 61997;Google Scholar
  12. ders.: »Le champ littéraire«. In: Actes de la recherche en sciences sociales 89 (1991), S. 4–46;CrossRefGoogle Scholar
  13. ders.: Die Regeln der Kunst. Genese und Struktur des literarischen Feldes. Übs. v. Bernd Schwibs u. a. Frankfurt 1999.Google Scholar
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  15. 23.
    Der Autor nennt es 1902 »eine Agitationsschrift«, zitiert nach: Nissen, Benedikt Momme: Der Rembrandtdeutsche Julius Langbehn. Freiburg 281929, S. 112. Den ideologischen Kontext des Werks erläutern: Chatellier, Hildegard: »Julius Langbehn — Un réactionnaire a la mode en 1890«. In: Revue d’Allemagne 14 (1982), S. 55–70;Google Scholar
  16. Mendlewitsch, Doris: Volk und Heil. Vordenker des Nationalsozialismus im 19. Jahrhundert. Rheda-Wiedenbrück 1988;Google Scholar
  17. Stern, Fritz: Kulturpessimismus als politische Gefahr. Eine Analyse nationaler Ideologie in Deutschland. Bern u. a. 1963;Google Scholar
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    Vgl. Puschner, Uwe: Art. »Langbehn«. In: Literaturlexikon. Autoren und Werke in deutscher Sprache, hg. v. Walther Killy, Bd. 7. München 1988, S. 137–138.Google Scholar
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    Hepp, Corona: Avantgarde. Moderne Kunst, Kulturkritik und Reformbewegungen nach der Jahrhundertwende. München 1987, S. 63–69;Google Scholar
  23. 27.
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  26. 34.
    Vgl. schon Bartels, Adolf: Geschichte der Deutschen Literatur. In zwei Bänden. Leipzig 51909, Bd. 2, S. 514: »Einen ungewöhnlichen Erfolg errang im Jahre 1890 das Buch eines Anonymus, der sich später als ein Dr. Julius Langbehn enthüllte: ›Rembrandt als Erzieher‹. […] Die Fülle der Ideen und die Macht des Ausdrucks […] machten es in der Tat zu einer bedeutenden Erscheinung.« Das Lob des antisemitischen Literaturhistorikers macht den Kontext deutlich. In dem die Schrift von Langbehn rezipiert wurde: Bartels bespricht auf der gleichen Seite seiner Literaturgeschichte die Rassentheorien von Gobineau und Chamberlain. Langbehn glaubt er von Nietzsche und Lagarde beinflußt. Die antisemitischen Passagen in Langbehns Rembrandtbuch finden sich erst seit der 37. Auflage (1891);Google Scholar
  27. sie sollen einerseits auf Paul Wilhelm von Keppler, andererseits auf ein gewisses »Geschäftskalkül« (Heinrich C. Seeba: »Deutschtum. Zur Rhetorik des nationalen Narzißmus beim sogenannten Rembrandt-Deutschen (Julius Langbehn)«. In: Interpretation 2000: Positionen und Kontroversen. FS Horst Steinmetz, hg. v. Henk de Berg u. a. Heidelberg 1999, S. 215–222, Zitat: 220)Google Scholar
  28. 37.
    Langbehn strebte 1890 offenbar für zwei Jahre die Vormundschaft für den in einer Jenaer Heilanstalt lebenden Nietzsche an. »Ende Februar kommt Overbeck (Freund Nietzsches) nach Jena und bereitet dem Spuk mit Langbehn ein Ende.« (Schlechta, Karl: Nietzsche-Chronik. Daten zu Leben und Werk. München 1984, S. 114). Kurt Tucholsky bereitet dieser Vorfall sichtlich Vergnügen: »Dann war da noch der Doktor Langbehn, ein Schweißfuß und Nebelkönig, der drauf und dran war, sich der Person und der Werke Nietzsches zu bemächtigen … um ein Haar ist das vorübergegangen.« (»Fräulein Nietzsche« [1932]. In: Ausgewählte Werke. Aus dem Ärmel geschüttelt. Reinbek 1960, S. 277).Google Scholar
  29. 40.
    Benedikt Momme Nissen: »Der Verfasser und sein Werk« [1922]. In: Rembrandt als Erzieher. Von einem Deutschen. Stuttgart 85 1936, S. 1–44;Google Scholar
  30. 43.
    Alle Zitate: Rembrandt als Erzieher 851936 (s. Anm. 40), S. 36.Google Scholar
  31. 52.
    Breuer, Hans: »Herbstschau 1913 — plus ultra«, zitiert nach: Speiser, H. (Hg.): Hans Breuer — Wirken und Wirkungen. Burg Ludwigstein 1977, S. 79f.Google Scholar
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  33. Mülder, Inka: Siegfried Kracauer — Grenzgänger zwischen Theorie und Literatur. Seine frühen Schriften 1913–1933. Stuttgart 1985;Google Scholar
  34. Winkler, Michael: »Über Siegfried Kracauers Roman Ginster, mit einer Coda zu Georg«. In: Kessler/Levin (Hg.) 1990, S. 297–306;Google Scholar
  35. Niefanger, Dirk: »Transparenz und Maske. Aussenseiterkonzeptionen in Siegfried Kracauers erzählender Prosa«. In: Jahrbuch der deutschen Schillergesellschaft 38 (1994), S. 253–282;Google Scholar
  36. Günter, Manuela: Anatomie des Anti-Subjekts. Zur Subversion autobiographischen Schreibens bei Siegfried Kracauer, Walter Benjamin und Carl Einstein. Würzburg 1996, S. 61–110;Google Scholar
  37. Oschmann, Dirk: Auszug aus der Innerlichkeit. Das literarische Werk Siegfried Kracauers. Heidelberg 1999, S. 77–237 und Hogen, Hildegard: Die Modernisierung des Ich. Individualitätskonzepte bei Siegfried Kracauer, Robert Musil und Elias Canetti. Würzburg 2000, S. 51–88.Google Scholar
  38. 60.
    Die im folgenden verwendete erzählanalytische Terminologie orientiert sich an: Genette, Gérard: Die Erzählung. Übers. v. Andreas Knop. München 1994, vgl. hier S. 174ff.Google Scholar
  39. und Martinez, Matias/Scheffel, Michael, Einführung in die Erzähltheorie. München 1999, vgl. hier S. 82ff.Google Scholar
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    Lau, Jörg: »›Ginsterismus‹. Komik und Ichlosigkeit. Über filmische Komik in Siegfried Kracauers erstem Roman ›Ginster‹«. In: Soziographie 1/2 (Heft 8/9), 7 (1994), S. 13–42.Google Scholar
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    Goethe, Johann Wolfgang: Werke. Hamburger Ausgabe, hg. v. Erich Trunz. München 101982, Bd. 9, S. 570. Der Originaltitel des autobiographischen Textes lautet Lebens-Beschreibung Herrn Gözens von Berlichingen, zugenannt mit der eisernen Hand, […] worinnen derselbe 1.) alle seine von Jugend auf gehabte Fehden, und im Krieg ausgeübte That=Handlungen, 2.) seine im Bauern=Krieg A. 1525. wiederwillig geleistete Dienste [.]aufrichtig erzehlet, und dabey seine erlebete Fatalitäten mit anführet [.]. Hg. v. Wilhelm Friedrich Pistorius. Nürnberg 1731 [Neudruck: Lebensbeschreibungen des Ritters Götz von Berlichingen. Stuttgart 1962].Google Scholar
  43. vgl. Benjamin, Walter: Briefe an Siegfried Kracauer. Hg. vom Theodor W. Adorno Archiv. Marbach/N. 1987, S. 71.Google Scholar
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    Kracauer, Siegfried: »The Gold Rush« [Erstdruck in der Frankfurter Zeitung v. 6. 11. 1926 unter dem Titel Chaplin]. In ders.: Der verbotene Blick. Beobachtungen, Analysen, Kritiken. Hg. v. Johanna Rosenberg. Leipzig 1992, S. 291–293, Zitat: 291.Google Scholar
  45. 81.
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  47. wieder veröffentlicht in: Siegfried Kracauer: Das Ornament der Masse. Essays. Frankfurt 1977, S. 279–294.Google Scholar
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    Roth, Joseph: »Wer ist Ginster?«. In: Frankfurter Zeitung, 25. 11. 1928, zitiert nach Belke/Renz (Hg.) 1988, (s. Anm. 70), S. 52–54,Google Scholar
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    Kesten, Hermann: »Stilisten. Ginster«. In: Die Weltbühne 26 (1930), S. 399–400, Zitat: 399Google Scholar
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    Thormann, Werner: »Ginster verrät sein Geheimnis«. In: Rhein-Mainische Volkszeitung v. 30. 11. 1928,Google Scholar
  51. zitiert nach Köhn, Eckhardt: »Die Konkretionen des Intellekts. Zum Verhältnis von gesellschaftlicher Erfahrung und literarischer Darstellung in Kracauers Romanen«. In: Text+Kritik 68 (1980), S. 41–54, hier: S. 42Google Scholar

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Authors and Affiliations

  • Dirk Niefanger
    • 1
  1. 1.GöttingenDeutschland

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