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Der Autor als Verbrecher

  • Steffen Martus
Part of the Germanistische Symposien Berichtsbände book series (GERMSYMP)

Zusammenfassung

Am 9. November 1934 entwirft Max Kommerell das Projekt einer erkennungsdienstlichen Lektüre des Schillerschen Werks. »Auch dem Geistesforscher«, erklärt er in einer »Gedenkrede«, »sollte es erlaubt sein, in seltener und gewagter Stunde gewisse Sätze Schillers so zu lesen, wie ein Kriminalbeamter die Schriftstücke eines von ihm beobachteten Menschen«. Zwar lasse sich das »unbewachte Leben seiner Seele […] schwer aus seinem streng vom Willen bewachten Werk lesen. Doch die Spur ist nicht verwischt«. Und so sammelt der Literaturwissenschaftler im Durchgang vor allem durch das dramatische Werk Indizien, achtet darauf, ob Schiller ungewollt etwas »ausflüstert«, und macht sich daran, die »innere[ ] Absicht des Dichters« zu ermitteln. Der philologische ›Kriminalbeamte‹ liest »in Schiller mehr […], als dieser selbst zu sagen liebte«.1

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Notizen

  1. 1.
    Kommerell, Max: Schiller als Gestalter des handelnden Menschen. Frankfurt a. M. 1934, S. 5ff., 12, 21.Google Scholar
  2. 2.
    ›Detektorische Wahrnehmung‹ zielt wie Rainer Schönhaars Begriff des »detektorischen Erzählens« auf Überschneidungen zwischen institutionell, generisch o.a. unterschiedenen Bereichen (Novelle und Kriminalschema. Ein Strukturmodell deutscher Erzählkunst um 1800. Bad Homburg v.d.H./Berlin/Zürich 1969, S. 48).Google Scholar
  3. 4.
    Zit. nach Scholdt, Günter: »Gescheitert an den Marmorklippen. Zur Kritik an Ernst Jüngers Widerstandsroman«. In: ZfdPh 98 (1979), S. 543–577, S. 543.Google Scholar
  4. 5.
    Vgl. z.B. Jünger, Ernst: Siebzig verweht III. Stuttgart 1993, S. 247ff.Google Scholar
  5. 6.
    Vgl. dazu sowie zur Sekundärliteratur: Martus, Steffen: Ernst Jünger. Stuttgart/Weimar 2001, S. 215ff.Google Scholar
  6. 7.
    Jünger, Ernst: Eine gefährliche Begegnung. 2. Aufl. Stuttgart 1985, S. 87, 90, 95, 102, 108, 115, 125.Google Scholar
  7. 10.
    Nusser, Peter: Der Kriminalroman. 2. überarb. u. erw. Aufl. Suttgart/Weimar 1992, S. 46ff.Google Scholar
  8. 11.
    So in »The Adventure of the Greek Interpreter« (Doyle, Arthur Conan: The Original Illustrated ›Strand‹ Sherlock Holmes. The Complete Facsimile Edition. Hertfordshire 1989, S. 399). Zu Jüngers Holmes-Lektüre vgl. z. B. Sämtliche Werke, Bd.10 (= Subtile Jagden), S. 100.Google Scholar
  9. 15.
    Vgl. Schillers Vorrede zu den Merkwürdigen Rechtsfällen (Sämtliche Werke. Auf Grund der Originaldrucke hg. von Gerhard Fricke und Herbert G. Göpfert. 5.Bd. 9., durchges. Aufl. Darmstadt 1993, S. 865).Google Scholar
  10. 16.
    Hitzig, Julius E./Häring, Wilhelm (Willibald Alexis) (Hg.): Der neue Pitaval. Eine Sammlung der interessantesten Criminalgeschichten aller Länder aus älterer und neuerer Zeit. Sechster Theil. Leipzig 1844, S.VI;Google Scholar
  11. 17.
    Lorenz, Maren: Kriminelle Körper — gestörte Gemüter. Die Normierung des Individuums in Gerichtsmedizin und Psychiatrie der Aufklärung. Hamburg 1999, S. 256, 266, 318.Google Scholar
  12. 19.
    Linder, Joachim: »Deutsche Pitavalgeschichten in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Konkurrierende Formen der Wissensvermittlung und der Verbrechensdeutung bei W. Häring und W. L. Demme«. In: Erzählte Kriminalität. Zur Typologie und Funktion von narrativen Darstellungen in Strafrechtspflege, Publizistik und Literatur zwischen 1770 und 1920. Vorträge zu einem interdisziplinären Kolloquium, Hamburg, 10. — 12. April 1985. Hg. von Jörg Schönert in Zusammenarbeit mit Konstantin Imm und Joachim Linder. Tübingen 1991, S. 313–348., insbes. S. 339, 341.Google Scholar
  13. 20.
    Vgl. dazu Dainat, Holger: »Der unglückliche Mörder. Zur Kriminalgeschichte der deutschen Spätaufklärung«. In: ZfdPh 107 (1988), S. 517–541, S. 520ff.Google Scholar
  14. 21.
    Hügel, Hans-Otto: Untersuchungsrichter, Diebsfänger, Detektive. Theorie und Geschichte der deutschen Detektiverzählung im 19. Jahrhundert. Stuttgart 1978, S. 91ff.Google Scholar
  15. Foucault, Michel: Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses. Frankfurt a. M. 1994, S. 89f.Google Scholar
  16. 23.
    Ginzburg, Carlo: Spurensicherung. Die Wissenschaft auf der Suche nach sich selbst. Berlin 1995, S. 7–44, bes. S. 9, 14.Google Scholar
  17. 24.
    Schäffner, Wolfgang: »Nicht-Wissen um 1800. Buchführung und Statistik.« In: Vogl, Joseph (Hg.): Poetologien des Wissens um 1800. München 1999, S. 123–144.Google Scholar
  18. 25.
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  19. 27.
    Bernays, Michael: Über Kritik und Geschichte des Goetheschen Textes. Berlin 1866, S. 62, Anm. 54. Zur Autorenverfolgung in den philologischen Zentralgattungen Textkritik, Kommentar und biographische MonographieGoogle Scholar
  20. vgl. Weimar, Klaus: Geschichte der deutschen Literaturwissenschaft bis zum Ende des 19. Jahrhunderts. München 1989, S. 393ff., 448ff.Google Scholar
  21. 28.
    Vgl. z. B. Wielands Rezensions-Programm im Teutschen Merkur (Wieland, Christoph Martin: Von der Freiheit der Literatur. Kritische Schriften und Publizistik. Hg. und kommentiert von Wolfgang Albrecht. 2. Bd., Frankfurt a.M. 1997, S. 899).Google Scholar
  22. 29.
    Wieland, Christoph Martin: Sämmtliche Werke. Hg. von Hans Radspieler. Bd.X/30. Hamburg 1984 (Repr.), S. 450, 470ff., 495 (= Unterredung mit dem Pfarrer von ***)Google Scholar
  23. 31.
    Wieland: Sämmtliche Werke (s. Anm.29). Bd.V/15, S. 186. Zum Rousseau-Aufsatz im Werkkontext vgl. Erhart, Walter: Entzweiung und Selbstaufklärung. Christoph Martin Wielands »Agathon»-Projekt. Tübingen 1991, S. 239ff.CrossRefGoogle Scholar
  24. 33.
    Wieland, Christoph Martin: Sämmtliche Werke. Hg. von J. G. Gruber. Bd.1. Leipzig 1818, S.IXf., XII;Google Scholar
  25. 35.
    Scherer, Wilhelm: Poetik. Mit einer Einleitung und Materialien zur Rezeptionsanalyse. Hg. von Gunter Reiss. Tübingen 1977, S. 47. Zur entsprechenden positivistischen WissenschaftsprogrammatikGoogle Scholar
  26. vgl. Taine, Hippolyte: Philosophie der Kunst. 2. Aufl. Jena 1907, S. 16f.Google Scholar
  27. 36.
    Bernays, Michael: »Die Urschriften der Briefe Schillers an Dalberg« (1887). In: ders.: Zur neueren Litteraturgeschichte (= Schriften zur Kritik und Litteraturgeschichte. Bd.1). Stuttgart 1895, S. 395–449, S. 432;Google Scholar
  28. 38.
    Schiller, Friedrich: Sämtliche Schriften. Historisch-kritische Ausgabe. Hg. von Karl Goedeke. Bd.1. Jugendversuche. Stuttgart 1867, S.V.Google Scholar
  29. 39.
    Zit. nach Pechlivanos, Miltos: Literaturgeschichte(n). In ders. u.a. (Hg.): Einführung in die Literaturwissenschaft. Stuttgart/Weimar 1995, S. 170–181, S. 171.Google Scholar
  30. 40.
    Klopstock, Friedrich Gottlieb: Oden. Hg. von Franz Muncker u. Jarn Pawel. Bd.1. Stuttgart 1889, S.IV (Hervorhebung S.M.).Google Scholar
  31. Vgl. auch Muncker, Franz: Friedrich Gottlieb Klopstock. Geschichte seines Lebens und seiner Schriften. Mit dem Bildnis Klopstocks in Lichtdruck. Stuttgart 1888, S. V.Google Scholar
  32. 41.
    Im folgenden zitiere ich nach der 21. Auflage, die dem Stand der posthum erschienenen 6.Aufl. von 1902 entspricht: Grimm, Herman: Goethe. Fünfundzwanzig Vorlesungen, gehalten an der Königlichen Universität Berlin im Wintersemester 1874/75. 1.Bd. Winterbach 1989.Google Scholar
  33. 42.
    Vgl. als Beispielsammlung Grafton, Anthony: Fälscher und Kritiker. Der Betrug in der Wissenschaft. Frankfurt a.M. 1995. Weitere Literatur bei Höfele, Andreas: »Der Autor und sein Double. Anmerkungen zur literarischen Fälschung.« In: GRM N.F. 49 (1999), S. 79–101, S. 81 f.Google Scholar
  34. Als Fallstudie: Sembdner, Helmut: »Von der Möglichkeit und Methodik, anonyme Texte Kleist zuzuschreiben.« In: Kleist-Jahrbuch (1981/82), S. 130–142, vgl. hier auch die Rede von der »literarische[n] Kriminalistik« (S. 141).Google Scholar
  35. 43.
    So der Herausgeber in apologetischer Absicht in: Montaigne, Michel de: Essais [Versuche] nebst des Verfassers Leben nach der Ausgabe von Pierre Coste ins Deutsche übersetzt von Johann Daniel Tietz. Erster Theil. Zürich 1996, S.XVIIff. Mit diesen Zitat aus dem frühen 18. Jahrhundert soll markiert werden, daß es hier um längere Traditionslinien geht.Google Scholar
  36. 44.
    Bernays: Über Kritik und Geschichte des Goetheschen Textes (s. Anm. 27), S. 13. Zur historischen Verschiebung durch systematische Einbeziehung der Handschriften vgl. Kittler, Wolf: »Literatur, Edition und Reprographie.« In: DVjs 65 (1991), S. 205–235, S. 223ff.Google Scholar
  37. Minor, J./Sauer, A.: Studien zur Goethe-Philologie. Wien 1880, S.VII;Google Scholar
  38. Richard Hamel: Zur Textgeschichte des Klopstock’schen Messias. Rostock 1879, Motto u. S. 5f.Google Scholar
  39. 46.
    So im 19. Literaturbrief (Lessing, Gotthold Ephraim: Werke. Hg. von Herbert G. Göpfert. 5. Bd. Literaturkritik, Poetik und Philologie, München 1973, S. 79).Google Scholar
  40. 48.
    Goethe, Johann Wolfgang: Sämtliche Werke. Bd.14. Schriften zur Literatur. Einführung und Textüberwachung von Fritz Strich, München/Zürich 1977, S. 183 (= Literarischer Sansculottismus).Google Scholar
  41. 54.
    Zu Hoffmanns schlechtem Ruf vgl. Wolfgang Helds Nachwort in: Hitzig, Julius Eduard: E.T.A. Hoffmanns Leben und Nachlass. Mit Anmerkungen zum Text und einem Nachwort von Wolfgang Held. Frankfurt a. M. 1986, S. 455ff., 477.Google Scholar
  42. 59.
    Segebrecht, Wulf: »E.T.A. Hoffmanns Auffassung vom Richteramt und vom Dichterberuf. Mit unbekannten Zeugnissen aus Hoffmanns juristischer Tätigkeit.« In: Jahrbuch der deutschen Schillergesellschaft 11 (1967), S. 62–138, S. 89ff.Google Scholar
  43. 60.
    Vgl. Jutta Kolkenbrock-Netz’ Kritik an Segebrecht (s.o.): »Wahnsinn der Vernunft — juristische Institution — literarische Praxis.« In dies. u.a. (Hg.): Wege der Literaturwissenschaft. Bonn 1985, S. 122–144, S. 123 f., 133 f.Google Scholar
  44. 61.
    Hoffmann, E.T.A.: Briefwechsel. Gesammelt und erläutert von Hans von Müller u. Friedrich Schnapp. Hg. von Friedrich Schnapp. 3.Bd. München 1969, S. 217ff., hier insbes. S. 236.Google Scholar
  45. 65.
    Foucault, Michel: Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit 1. 9. Aufl., Frankfurt a. M. 1997, S. 111, 171 f.Google Scholar
  46. 66.
    Ich zitiere im folgenden die Erzählung und die Selbstzeugnisse nach der Ausgabe Fontane, Theodor: Unterm Birnbaum. Mit einem Nachwort neu hg. von Helmuth Nürnberger. Vollständige, im Kommentar revidierte und mit einem Nachwort versehene Ausgabe. 2. Aufl. München 1999.Google Scholar
  47. 67.
    Marsch, Edgar: Die Kriminalerzählung. Theorie — Geschichte — Analyse. München 1972, S. 191, 196ff.Google Scholar
  48. Sagarra, Eda: »Unterm Birnbaum.« In: Grawe, Christian/Nürnberger, Helmuth (Hg.): Fontane-Handbuch. Stuttgart 2000, S. 554–563, insbes. S. 555, 557f., 561 f.Google Scholar
  49. 70.
    So im Nachwort von Jürgen Kolbe in Fontane, Theodor: Sämtliche Werke. Hg. von Walter Keitel. Aufsätze, Kritiken, Erinnerungen. 1. Bd. Aufsätze und Aufzeichnungen. Hg. von Jürgen Kolbe. München 1969, z. B. S. 941 — nach dieser Ausgabe auch die folgenden Zitate.Google Scholar
  50. 72.
    Es scheint von hier aus gesehen in besonderer Weise aufschlußreich, daß sich das Modell der Gleichzeitigkeit von Subjektkonstitution und -dekonstitution durch »Anrufung« mit dem Modell des Polizeibeamten beschäftigt: Butler, Judith: Haß spricht. Zur Politik des Performativen. Berlin 1998, insbes. S. 51 ff.Google Scholar
  51. Vgl. auch die Beispielsammlung bei Jannidis, Fotis/Lauer, Gerhard/Martinez, Matias/Winko, Simone: »Rede über den Autor an die Gebildeten unter seinen Verächtern. Historische Modelle und systematische Perspektiven.« In: Jannidis, Fotis u.a. (Hg.): Rückkehr des Autors. Zur Erneuerung eines umstrittenen Begriffs. Tübingen 1999, S. 3–35, S. 9ff.;CrossRefGoogle Scholar

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© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2002

Authors and Affiliations

  • Steffen Martus
    • 1
  1. 1.BerlinDeutschland

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