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Das lyrische Ich. Verteidigung eines umstrittenen Begriffs

  • Matías Martínez
Part of the Germanistische Symposien Berichtsbände book series (GERMSYMP)

Zusammenfassung

Das ›lyrische Ich‹ wurde nach gängiger Meinung im Jahre 1910 von Margarete Susman eingeführt, um den Autor (das »Ich im real empirischen Sinne«) zu unterscheiden von der literarischen »Form […], die der Dichter aus seinem gegebenen Ich erschafft«.1 Der Begriff erschien in der Germanistik lange Zeit gerechtfertigt, um biographistische Gedichtinterpretationen abzuwehren. In den letzten Jahren wird er jedoch nahezu einhellig als irreführend oder überflüssig verworfen.2 Im Gegensatz dazu plädiere ich für seine, allerdings eingeschränkte und modifizierte, Weiterverwendung. Der Begriff eignet sich dafür, eine besondere Form literarischer Rede zu bezeichnen, die jedenfalls für einen maßgeblichen Teil lyrischer Texte charakteristisch ist.

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Notizen

  1. 1.
    Susman, Margarete: Das Wesen der modernen deutschen Lyrik. Stuttgart 1910, S. 18 u. 16.Google Scholar
  2. 2.
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© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2002

Authors and Affiliations

  • Matías Martínez
    • 1
    • 2
  1. 1.MainzDeutschland
  2. 2.BremenDeutschland

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