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Das Volk als Autor? Der Ursprung einer kulturgeschichtlichen Fiktion im Werk Johann Gottfried Herders

  • Franz-Josef Deiters
Part of the Germanistische Symposien Berichtsbände book series (GERMSYMP)

Zusammenfassung

Bis weit ins achtzehnte Jahrhundert hinein schöpft der Dichter seine Identität und Autorität aus einer Tradition, die im wesentlichen als diachrone »textual community«1 auftritt Die Schrift ist das Medium, das die Kontinuität der Tradition sichert. Das Ideal des Dichters ist jenes des poeta doctus.2 Schrift bezieht sich auf Schrift: »[S]einen Wert und seine Autorität« konstatiert etwa Martha Woodmansee, »bezog neu Geschriebenes […] aus der Angliederung an zeitlich vorausgehende Texte, d.h. den Maßstab bildete viel mehr die Ableitung von früheren Texten als die Abweichung von diesen.«3 Wer außerhalb dieses Universums steht, wer zum Archiv der Schrift keinen Zugang hat, ist gedächtnislos, kann seine Individualität, kann seine Subjektivität nicht realisieren, ist allenfalls Objekt der Belehrung. Noch die aufklärerischen Konzepte der Volkserziehung — etwa bei Gottsched — speisen sich aus dieser Auffassung und beruhen auf dem Prinzip der In- bzw. Exklusion durch Teilhabe an der Schriftkultur.4

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Notizen

  1. 1.
    Stock, Brian: The Implications of Literacy. Written Language and Models of Interpretation in the Eleventh and Twelfth Centuries. Princeton 1983, S. 88 ff.Google Scholar
  2. 2.
    Vgl. hierzu die ausführliche Studie von: Grimm, Gunter E.: Literatur und Gelehrtentum in Deutschland. Untersuchungen zum Wandel ihres Verhältnisses vom Humanismus bis zur Frühaufklärung. Tübingen 1983.CrossRefGoogle Scholar
  3. 3.
    Woodmansee, Martha: »Der Autor-Effekt. Zur Wiederherstellung von Kollektivität«. In: Texte zur Theorie der Autorschaft. Hg. und kommentiert von Fotis Jannidis, Gerhard Lauer, Matias Martinez u. Simone Winko. Stuttgart 2000, S. 298–314, hier: S. 301.Google Scholar
  4. 5.
    Luhmann, Niklas: »Individuum, Individualität, Individualismus«. In ders.: Gesellschaftsstruktur und Semantik. Studien zur Wissenssoziologie der modernen Gesellschaft. Bd. 3. Frankfurt a.M. 1989, S. 149–258, hier: S. 155.Google Scholar
  5. 6.
    Hierzu Winckler, Lutz: »Entstehung und Funktion des literarischen Marktes«. In ders.: Kulturwarenproduktion. Aufsätze zur Literatur- und Sprachsoziologie. Frankfurt a.M. 1973, S. 12–75;Google Scholar
  6. sowie Kiesel, Helmuth/Münch, Paul: Gesellschaft und Literatur im 18. Jahrhundert. Voraussetzungen und Entstehung des literarischen Markts in Deutschland. München 1977.Google Scholar
  7. 7.
    Zum Aufkommen dieses neuen Paradigmas in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts vgl. Schmidt, Jochen: Die Geschichte des Genie-Gedankens in der deutschen Literatur, Philosophie und Politik 1750–1945. Bd. 1: »Von der Aufklärung bis zum Idealismus». Darmstadt 1985. 21988.Google Scholar
  8. 8.
    Herders Schriften werden im folgenden zitiert nach der Ausgabe des Frankfurter Klassiker-Verlags: Herder, Johann Gottfried: Werke in zehn Bänden. Hg. von Günter Arnold, Martin Bollacher, Jürgen Brummack [u.a.]. Frankfurt a.M. 1985 ff. Die römische Ziffer bezeichnet dabei die Band-, die arabische die Seitenzahl der Fundstelle.Google Scholar
  9. 9.
    Erst 1795 erscheinen Friedrich August Wolfs Prolegomena ad Homerum sive de operum homericum prisca et genuina forma variisque mutationibus et probabili ratione emendandi, in deren Folge es zu einer Diskussion über die sog. Homerische Frage kommt. Zu Herders Homer-Rezeption vgl. Wohlleben, Joachim: Die Sonne Homers. Zehn Kapitel deutscher Homer-Begeisterung. Von Winckelmann bis Schliemann. Göttingen 1990, S. 15–26.Google Scholar
  10. außerdem die Beiträge von: Heinz, Marion: »Herders Volksbegriff zwischen Lebensmetaphysik und Humanitätsidee«. In: Burger, Rudolf [u.a.]: Gesellschaft, Staat, Nation. Wien 1996, S. 141–158;Google Scholar
  11. u. Große, Rudolf: »Zur Verwendung des Wortes ›Volk‹ bei Herder«. In: Dietze, Walter [u.a.]: Herder-Kolloquium 1978. Weimar 1980, S. 289–293 u. 304–314;Google Scholar
  12. Koepke, Wulf: »Das Wort ›Volk‹ im Sprachgebrauch Johann Gottfried Herders«. In: Lessing Yearbook XIX (1987), S. 209–221.Google Scholar
  13. 12.
    Zu Herders Verhältnis zu Spinoza siehe Herz, Andreas: Dunkler Spiegel — helles Dasein. Natur, Geschichte, Kunst im Werk Johann Gottfried Herders. Heidelberg 1996, insbes. S. 233 f.Google Scholar
  14. Vgl. auch: Heinz, Marion: Sensualistischer Idealismus. Untersuchungen zur Erkenntnistheorie des jungen Herder (1763–1778). Hamburg 1994.Google Scholar
  15. 14.
    Inka Mülder-Bach hebt zu Recht die Bedeutung des Sensualismus für die Ausbildung von Herders Position hervor: »In der deutschen Tradition ist Herder der erste, der die sensualistische ›Kritik der Sinne‹ nicht allein zur Kenntnis nimmt, sondern theoretisch verarbeitet und fortführt.« Mülder-Bach, Inka: Im Zeichen Pygmalions. Das Modell der Statue und die Entdeckung der »Darstellung« im 18. Jahrhundert. München 1998, S. 62.Google Scholar
  16. 16.
    Vgl. Gottsched, Johann Christoph: Versuch einer Critischen Dichtkunst vor die Deutschen. 1. Teil. Das eilfte Kapitel: »Von Komödien oder Lust-Spielen«. In: ders.: Schriften zur Literatur. Hg. v. Horst Steinmetz. Stuttgart 1972, S. 176–196.Google Scholar
  17. Lessing, Gotthold Ephraim: Hamburgische Dramaturgie. 18. Stück. In: ders.: Werke. Herbert G. Göpfert. München 1973. Bd. 4: »Dramaturgische Schriften«, S. 312 ff.;Google Scholar
  18. Möser, Justus: Harlekin, oder Vertheidigung des Groteske-Komischen. Neudr. hg. v. Henning Boetius. Bad Homburg [u. a.] 1968.Google Scholar
  19. 17.
    »Der Mensch, in den Zustand von Besonnenheit gesetzt, der ihm eigen ist, und diese Besonnenheit (Reflexion) zum erstenmal frei würkend, hat Sprache erfunden. Denn was ist Reflexion? Was ist Sprache? Diese Besonnenheit ist ihm charakteristisch eigen, und seiner Gattung wesentlich: so auch Sprache und eigne Erfindung der Sprache. […] Der Mensch beweiset Reflexion, wenn die Kraft seiner Seele so frei würket, daß sie in dem ganzen Ozean von Empfindungen, der sie durch alle Sinnen durchrauschet, Eine Welle, wenn ich so sagen darf, absondern, sie anhalten, die Aufmerksamkeit auf sie richten, und sich bewußt sein kann, daß sie aufmerke. Er beweiset Reflexion, wenn er aus dem ganzen schwebenden Traum der Bilder, die seine Sinne vorbeistreichen, sich in ein Moment des Wachens sammlen, auf Einem Bilde freiwillig verweilen, es in helle ruhigere Obacht nehmen, und sich Merkmale absondern kann, daß dies der Gegenstand und kein andrer sei. […] Wodurch geschahe die Anerkennung? Durch ein Merkmal, was er absondern mußte, und was, als Merkmal der Besinnung, deutlich in ihn fiel. Wohlan! lasset uns ihm das e????a zurufen! Dies Erste Merkmal der Besinnung war Wort der Seele! Mit ihm ist die menschliche Sprache erfunden« (I, S. 722 f.). — Zur Sprachursprungsschrift vgl. die akribische Untersuchung von Gaier, Ulrich: Herders Sprachphilosophie und Erkenntniskritik. Stuttgart-Bad Cannstatt 1988.Google Scholar
  20. 19.
    Wenn Paul de Man von der »organischen Kohärenz der Synekdoche« als wichtigstem Konstituens der Symbolästhetik spricht, und in diesem Zusammenhang auch der Name Herders fällt, so meint er im Prinzip genau das gleiche, was ich im folgenden unter Metonymie fasse. Der Begriff der Metonymie scheint mir deshalb geeigneter zu sein, weil er ein etwas weiteres Spektrum semiotischer Operationen zu fassen vermag als jener meist auf ein ›pars pro toto‹ oder ›totum pro parte‹ eingeschränkte Terminus der Synekdoche. Man, Paul de: »Die Rhetorik der Zeitlichkeit«. In ders.: Die Ideologie des Ästhetischen. Hg. von Christoph Menke. Frankfurt a.M. 1993, S. 83–130, hier: S. 83–88.Google Scholar
  21. 20.
    Hans Blumenberg stellt Herder in diesem Sinne in die Reihe jener Denker, die sich von der »Bücherwelt« ab- und dem »Weltbuch« zuwenden. Siehe Blumenberg, Hans: Die Lesbarkeit der Welt. Frankfurt a.M. 1981, 21983, insbes. S. 176–179.Google Scholar
  22. 21.
    Hamann, Johann Georg: »Aesthaetica in nuce«. In ders.: Ausgewählte Schriften. Hg. von Hans Eichner. Berlin 1994, S. 7.Google Scholar
  23. 23.
    Hamann (s. Anm. 21), S. 9. — Zu Hamanns Konzeption vgl. Ringleben, Joachim: »Gott als Schriftsteller. Zur Geschichte eines Topos«. In: Gajek, Bernhard (Hg.): Johann Georg Hamann. Autor und Autorschaft. Acta des sechsten Internationalen Hamann-Kolloquiums im Herder-Institut zu Marburg/Lahn 1992. Frankfurt a.M. 1996, S. 215–275.Google Scholar
  24. 24.
    Zur Rezeption Hamanns durch Herder vgl. Kemper, Hans-Georg: »Gott als Mensch — Mensch als Gott. Hamann und Herder«. In: Bayer, Oswald (Hg.): Johann Georg Hamann. »Der hellste Kopf seiner Zeit«. Tübingen 1998, S. 156–189.Google Scholar
  25. 25.
    Daß Herders Konzept einer Nationalkultur und Nationalliteratur ganz und gar nichts Chauvinistisches hat, stellt Hans Adler heraus, wenn er dem Zusammenhang von Welt-, National- und Volksliteratur in Herders Denken auf den Grund geht. Vgl. Adler, Hans: »Weltliteratur — Nationalliteratur — Volksliteratur. Johann Gottfried Herders Vermittlungsversuch als kulturpolitische Idee«. In: Otto, Regine (Hg.): Nationen und Kulturen. Zum 250. Geburtstag Johann Gottfried Herders. Würzburg 1996, S. 271–284;Google Scholar
  26. außerdem: Herrmann, Hans Peter: »›Mutter Vaterland‹. Herders Historisierung des Germanenmythos und die Widersprüchlichkeit des Vaterlandsdiskurses im 18. Jahrhundert«. In: Herder Jahrbuch/Herder Yearbook 1998, S. 97–122;Google Scholar
  27. Dann, Otto: »Drei patriotische Gedichte Herders«. In: Frühwald, Wolfgang/Martino, Alberto (Hg.): Zwischen Aufklärung und Restauration. Sozialer Wandel in der deutschen Literatur (1700–1848). Festschrift für Wolfgang Martens zum 65. Geburtstag. Tübingen 1989, S. 211–224.Google Scholar
  28. 27.
    Hierzu bemerkt Heinrich Bosse: »Die Schreibsituation ist gekennzeichnet durch einen fundamentalen Mangel: Ihr fehlt die Mitteilungsgewalt des Affekts. Als körperliches Ereignis bleibt der Affekt an seine körperlichen, mimischen und gestischen, Indizien gebunden, unübertragbar im Hier und Jetzt.« Bosse, Heinrich: »Der Autor als abwesender Redner«. In Goetsch, Paul (Hg.): Lesen und Schreiben im 17. und 18. Jahrhundert. Studien zu ihrer Bewertung in Deutschland, England und Frankreich. Tübingen 1994, S. 277–290, hier: S. 285.Google Scholar
  29. 28.
    Zu Situation und Plurimedialität poetischer Kommunikation im archaischen Griechenland siehe die erhellende Darstellung von Barmeyer, Eike: Die Musen. Ein Beitrag zur Inspirationstheorie. München 1968, insbes. Kap. II: »Empfänger und Vermittler der Inspiration«, S. 69–90.Google Scholar
  30. 29.
    Unter dem Aspekt von Herders Konzept kulturellen Gedächtnisses thematisiert Ralf Simon den medialen Wechsel von Mündlichkeit zur Schriftlichkeit der Kommunikation. Siehe Simon, Ralf: Das Gedächtnis der Interpretation. Gedächtnistheorie als Fundament für Hermeneutik, Ästhetik und Interpretation bei Johann Gottfried Herder. Hamburg 1998, S. 5.Google Scholar
  31. 34.
    Eine gemeinsame Spinoza-Lektüre Herders und Goethes in Straßburg behauptet Martin Bollacher. Vgl. Bollacher, Martin: Der junge Goethe und Spinoza. Studien zur Geschichte des Spinozismus in der Epoche des Sturms und Drangs. Tübingen 1969;CrossRefGoogle Scholar
  32. dagegen: Wolf, Norbert Christian: Streitbare Ästhetik. Goethes kunst- und literaturtheoretische Schriften 1771–1789. Tübingen 2001, S. 90 u. 103–106.Google Scholar
  33. 36.
    Vgl. Schröder, Jürgen: Geschichtsdramen. Die »deutsche Misere« — von Goethes Götz bis Heiner Müllers Germania? Eine Vorlesung. Tübingen 1994, S. 21.Google Scholar
  34. 37.
    Vgl. Pfister, Manfred: Das Drama. Theorie und Analyse. München 81994, S. 19–24.Google Scholar
  35. 38.
    Daß der Anthologist die von ihm ausgewählten Texte durch ihre Einstellung in den von ihm eröffneten Textraum ›Anthologie‹ überschreibt und gleichzeitig bemüht ist, diesen Akt des Überschreibens zu kaschieren, bemerkt schon Dietger Pforte: »Aufgrund der subjektiven Verfügung des Herausgebers funktionalisiert die Anthologie jeden in sie aufgenommenen Text, wobei die Funktion durch die jeweilige Intention des Anthologisten weitgehend bestimmt wird.« Jedoch: »Es ist eine Subjektivität, die […] ›objektiv‹ daherkommt«. Pforte, Dietger: »Die deutschsprachige Anthologie. Ein Beitrag zu ihrer Theorie«. In Bark, Joachim/Pforte, Dietger (Hg.): Die deutschsprachige Anthologie. 2 Bde. Frankfurt a. M. 1969/70. Bd. 1, S. XIII–CXVI, hier: S. XXV u. XXXVI.Google Scholar
  36. 39.
    Zu Herders Verhältnis zur Aufklärung vgl. Brummack, Jürgen: »Herders Polemik gegen die ›Aufklärung‹«. In: Schmidt, Jochen (Hg.): Aufklärung und Gegenaufklärung in der europäischen Literatur, Philosophie und Politik von der Antike bis zur Gegenwart. Darmstadt 1989, S. 277–293.Google Scholar

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Authors and Affiliations

  • Franz-Josef Deiters
    • 1
  1. 1.TübingenDeutschland

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