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„Geistvolle musikalische Palyngenesie“: Heines Lyrik in den Vertonungen Johann Vesques von Püttlingen alias (Johann) Hoven

  • Sonja Gesse-Harm
Part of the Heine-Studien book series (HEINEST)

Zusammenfassung

Eine sowohl überaus ungewöhnliche als auch intensive Rezeption der Lyrik Heinrich Heines repräsentieren die Vertonungen Johann Vesques von Püttlingen, die, obgleich sie sich zu Lebzeiten des Komponisten einer großen Beliebtheit erfreuten, schon bald nach dessen Tod im Jahre 1883 in Vergessenheit gerieten.2 Die Gründe für dieses schnelle Verblassen der Wahrnehmung seiner Lieder (und seines gesamten musikalischen Œuvres, das im wesentlichen noch aus neun — teils ungedruckt gebliebenen — Opern3 und Kammermusik besteht) liegen kaum allein in der Tatsache, daß Vesque im Vergleich zu den anderen Heine-Vertonern seiner Zeit eher als Dilettant oder — positiv ausgedrückt — als ‘Halbprofi’ einzustufen ist. Das schnelle Vergessen seiner Heine-Lieder ist vor allem wohl auf ein aufführungstechnisches Problem zurückzuführen. Sie waren auf ein spezifisches Publikum zugeschnitten, das des ‘Wiener Salons’, und richteten sich damit an eine Hörerschaft, die empfänglich war für einen subtilen Esprit, dessen Vermittlung wesentlich vom komödiantischen Talent des Sängers abhing und abhängt. Es war Vesque selbst, der diese Kunst laut zeitgenössischen Berichten offenbar virtuos beherrschte und als bester Interpret seiner Vertonungen gefeiert wurde. Demzufolge starb die Popularität seiner Lieder mit ihm und mit dem Niedergang der Salonkunst. Bemerkenswert ist, daß Vesque die staatsdienstlichen Aufgaben, mit denen er als promovierter Jurist hauptberuflich betraut war, keineswegs nachlässig erfüllt hat. Zwar war nach der Darstellung Eduard Hanslicks insbesondere im „vormärzlichen Österreich […] jedermann Beamter, den die Liebe zu künstlerischem Schaffen verzehrte, während er selbst nichts zu verzehren gehabt hätte ohne ein nebenbei betriebenes, gemütliches Staatsamt“,4 doch gilt dies nicht für Vesque: Dessen juristische Schriften und zahlreiche Auszeichnungen5 deuten auf eine bemerkenswerte Karriere, die mit den Ernennungen zum Staatskanzleirat (ab 1838), Hofrat, geheimen Staatsoffizial (1847) sowie zum Sektionschef des Außenminsteriums (nach 1848) für ein berufliches Engagement spricht, das schließlich 1876 mit der Ehrenmitgliedschaft im österreichischen Herrenhaus gekrönt wurde.6

Anmerkungen

  1. 4.
    Eduard Hanslick: Aus meinem Leben, hg. von Peter Wapnewski, Kassel 1987, S. 67.Google Scholar
  2. 7.
    Johann Vesque von Püttlingen: Das musicalische Autorrecht. Eine juristisch-musicalische Abhandlung, Wien 1864.Google Scholar
  3. 13.
    Vgl. Helmut Schultz: Johann Vesque von Püttlingen. 1803-1883, Regensburg 1930 (Forschungsarbeiten des Musikwissenschaftlichen Instituts der Universität Leipzig, Bd. 1), S. 29, sowie Lebensskizze, S. 129.Google Scholar
  4. 30.
    Vgl. hierzu Dezsó Legány (Hg.): Franz Liszt. Unbekannte Presse und Briefe aus Wien 1822–1886, Graz / Wien / Köln 1984, S. 116.Google Scholar
  5. 32.
    Dabei handelte es sich um die Lieder Ständchen nach einem Text von Uhland und Ermunterung nach einen Gedicht von Ebert (Dezsó Legány (Hg.): Franz Liszt. Unbekannte Presse und Briefe aus Wien 1822–1886, S. 48f.).Google Scholar
  6. 33.
    Zur Korrespondenz zwischen Vesque und Liszt vgl. Dezsó Legány (Hg.): Franz Liszt. Unbekannte Presse und Briefe aus Wien 1822–1886, sowie Lebensskizze, S. 135–147.Google Scholar
  7. 36.
    Sich zu amüsieren und „Dummheiten zu treiben“ gehörte offenbar zu den obersten Direktiven dieser Vereinigungen, deren politisch-konspirative Sprengkraft somit doch relativiert wird (vgl. dazu Hertha Ibl: Studien zu Johann Vesque von Püttlingen’s Leben und Opernschaffen, S. 60). Von staatlicher Seite hatte man freilich dennoch wenig Verständnis für derlei Amüsement. Deutlich wird dieser humoristische ‘Vorsatz’ beispielsweise in der ersten Ausgabe der von Vesque verfaßten Musikzeitung der Baumannshöhle vom 2.2.1853, die den zweideutig ironisierenden Untertitel „Conservatives Oppositions-Blatt für Musik und Sozialismus“ trägt. Dabei wird mit gespieltem Ernst darauf hingeweisen, daß der doppelte Titel nur bestehen bleibe, „bis wir genau sehen werden, woher der Wind bläst um danach unseren Mantel und unseren Bart zu modifizieren“ (Hertha Ibl: Studien zu Johann Vesque von Püttlingen’s Leben und Opernschaffen, Anhang, S. 82); s. hierzu auch Helmut Schultz: Die Musikzeitung der Wiener Baumannshöhle, in: Jahrbuch Peters 43 (1936), S. 49–67.Google Scholar
  8. 44.
    Helmut Schultz: Johann Vesque von Püttlingen. 1803–1883, S. 16. Zu Sechters Schülern zählte beispielsweise auch Anton Brackner.Google Scholar
  9. 42.
    Lebensskizze, S. 19; vgl. dazu auch Helmut Schultz: Johann Vesque von Püttlingen. 1803–1883, S.Google Scholar
  10. 45.
    Siehe Lebensskizze, S. 22f., sowie Helmut Schultz: Johann Vesque von Püttlingen. 1803–1883, S. 16.Google Scholar
  11. 47.
    Helmut Schultz: Johann Vesque von Püttlingen. 1803–1883, S. 16. Zu Sechters Schülern zählte beispielsweise auch Anton Bruckner.Google Scholar
  12. 49.
    Ebd., S. 25f. Vgl. auch den von Constant von Wurzbach herausgegebenen Vesque-Artikel im Biographischen Lexikon des Kaiserthums Oesterreich, Bd. 50, S. 198, sowie Helmut Schultz: Johann Vesque von Püttlingen. 1803–1883, S. 26,Google Scholar
  13. und Erich Wolfgang Partsch: Im Banne des Vorbilds: Johann Vesque von Püttlingen und Schubert, in: Musicologica Austriaca 13 (1995), S. 63.Google Scholar
  14. 52.
    Brief Vesques an Constant von Wurzbach vom 15.11.1876 (Hertha Ibl: Studien zu Johann Vesque von Püttlingen’s Leben und Opernschaffen, S. 26). Vgl. darüber hinaus auch Lebensskizze, S. 19, sowie Helmut Schultz: Johann Vesque von Püttlingen. 1803–1883, S. 26.Google Scholar
  15. 53.
    Vgl. hierzu Helmut Schultz: Johann Vesque von Püttlingen. 1803–1883, S. 87 und S. 106, sowie Hermann Rosenwald: Das deutsche Lied zwischen Schubert und Schumann, Diss. phil. Heidelberg 1929, S. 17: „[...] es ist die harmlose Welt der Katzlerschen Stiche, der Leander Russchen Aquarelle, von Goebels Bildern, von Pettenkofers Lithographien. Aus der Fülle des Materials seien hier nur in nuce schäferhaft schmachtende Liebeslieder mit arkadischer Terminologie und den graziösen, etwa Mozarts ‘Als ich noch im Flügelkleide’ oder ‘Mädchen sind wie der Wind’ in der Melodik nahestehenden Liedchen und in der Form simplen Serenaden genannt, deren Kenntnis auf das künstlerische Schaffen manchen Musikers einflußreich wurde“.Google Scholar
  16. 55.
    Vgl. hierzu Helmut Schultz: Johann Vesque von Püttlingen. 1803–1883, S. 88.Google Scholar
  17. 58.
    Vgl. hierzu Alice M. Hanson: Die zensurierte Muse. Musikleben im Wiener Biedermeier, Wien / Köln / Graz 1987, S. 140ff.Google Scholar
  18. 63.
    Hermann Schultz: Johann Vesque von Püttlingen. 1803–1883, S. 106f.Google Scholar
  19. 68.
    Helmut Schultz: Johann Vesque von Püttlingen. 1803–1883, S. 24.Google Scholar
  20. 72.
    Die Oper ist nur bruchstückhaft erhalten (eine Szene und eine Arie) und wurde nicht öffentlich aufgeführt (vgl. Helmut Schultz: Johann Vesque von Püttlingen. 1803–1883, S. 50).Google Scholar
  21. 75.
    Siehe hierzu Helmut Schultz: Johann Vesque von Püttlingen. 1803–1883, S. 58.Google Scholar
  22. 83.
    Vgl. Helmut Schultz: Johann Vesque von Püttlingen. 1803–1883, S. 83.Google Scholar
  23. 97.
    Helmut Schultz: Johann Vesque von Püttlingen. 1803–1883, S. 84.Google Scholar
  24. 102.
    Helmut Schultz: Johann Vesque von Püttlingen. 1803–1883, S. 84.Google Scholar
  25. 108.
    Siehe Helmut Schultz: Johann Vesque von Püttlingen. 1803–1883, S. 266.Google Scholar
  26. 119.
    Helmut Schultz: Johann Vesque von Püttlingen. 1803–1883, S. 217 (s. auch Anm. 56 des vorliegenden Kapitels).Google Scholar
  27. 129.
    Da das Lied als Beilage der NZfM 4/43 (1838) veröffentlicht wurde (siehe Helmut Schultz: Johann Vesque von Püttlingen. 1803–1883, S. 188), bildet dieser Beleg entstehungsgeschichtlich einen terminus ante quem.Google Scholar
  28. 131.
    Siehe dazu ebd., S. 70–72, S. 76, sowie Helmut Schultz: Johann Vesque von Püttlingen. 1803–1883, S. 239.Google Scholar
  29. 140.
    Hier zitiert nach Helmut Schultz: Johann Vesque von Püttlingen. 1803–1883, S. 78; Schultz verweist hier auf die „Jahresaufzeichnungen 1847“.Google Scholar
  30. 147.
    Friedrich Theodor Vischer: Aesthetik oder Wissenschaft des Schönen. Viertes Heft: „Die Musik“, Stuttgart 1857, S. 914 (s. bei Vesque von Püttlingen: Das musicalische Autorrecht, S. 14).Google Scholar
  31. 149.
    Eduard Hanslick: Vom Musicalisch-Schönen. Ein Beitrag zur Revision der Aesthetik der Tonkunst, Leipzig 1854 (s. bei Vesque von Püttlingen: Das musicalische Autorrecht, S. 14).Google Scholar
  32. 159.
    Vgl. Helmut Schultz: Johann Vesque von Püttlingen. 1803–1883, S. 78.Google Scholar
  33. 162.
    Helmut Schultz: Johann Vesque von Püttlingen. 1803–1883, S. 174f.Google Scholar
  34. 165.
    Aufführungsstätten waren 1850 das Kärtnertortheater Wien, das Hoftheater Weimar, das Friedrich-Wilhelmstädtische Theater Berlin und das Stadttheater in Leipzig. 1851 wurde die Oper auch in Dresden und Wiesbaden gespielt (s. Helmut Schultz: Johann Vesque von Püttlingen. 1803–1883, S. 69).Google Scholar
  35. 166.
    Hoftheater Weimar 1852 (s. Helmut Schultz: Johann Vesque von Püttlingen. 1803–1883, S. 70).Google Scholar
  36. 204.
    Brief Kückens an Vesque vom 4.5.1843, Randnotiz (Helmut Schultz: Johann Vesque von Püttlingen. 1803–1883, S. 183f.).Google Scholar
  37. 214.
    Siehe Helmut Schultz: Johann Vesque von Püttlingen. 1803–1883, S. 211, sowie Johann Vesque von Püttlingen: 45 Lieder. Ausgewählt und herausgegeben von Helmut Schultz, Bd. 1, S. 76. Annemarie Eckhoff: Dichterliebe. Heinrich Heine im Lied, Hamburg 1972, S. 85, datiert die Vertonung mit 1864. Auf diese Angabe stützt sich auch Günter Metzner: Heine in der Musik, Bd. 4, S. 437. Da unklar ist, worauf Eckhoffs Angabe basiert, Schultz aber in unterschiedlichen Publikationen wiederholt mit eindeutigen Manuskriptdatierungen (1846) operiert, liegt die Vermutung nahe, daß bei Eckhoff ein Druckfehler (Vertauschung der Jahreszahlen) vorliegt.Google Scholar
  38. 215.
    Siehe dazu Helmut Schultz: Johann Vesque von Püttlingen. 1803–1883, S. 276f., sowie Günter Metzner: Heine in der Musik, Bd. 4, S. 437.Google Scholar
  39. 237.
    Helmut Schultz: Johann Vesque von Püttlingen. 1803–1833, S. 185.Google Scholar
  40. 242.
    Helmut Schultz: Johann Vesque von Püttlingen. 1803–1833, S. 184f.Google Scholar
  41. 243.
    Vgl. Helmut Schultz: Johann Vesque von Püttlingen. 1803–1883, S. 185.Google Scholar
  42. 270.
    Helmut Schultz: Johann Vesque von Püttlingen. 1803–1883, S. 189f.Google Scholar
  43. 332.
    Dabei verweist Helmut Schultz: Johann Vesque von Püttlingen. 1803–1883, S. 253, auf die Voreingenommenheit, mit der man zu Vesques Zeit der Fuge begegnet sei. So habe man sie etwa „als Inbegriff [...] des magisterlich Gespreizten“ bewertet.Google Scholar
  44. 342.
    Helmut Schultz: Johann Vesque von Püttlingen. 1803–1883, S. 241, bezeichnet diese achttaktige Einleitung als „Teufelsbeschwörung in nuce“.Google Scholar
  45. 357.
    Helmut Schultz: Johann Vesque von Püttlingen. 1803–1883, S. 238.Google Scholar
  46. 392.
    Vgl. dazu etwa Werner Thomas: ‘Der Doppelgänger’ von Franz Schubert, in: Archiv für Musikwissenschaft 11 (1954), S. 261. Darüber hinaus ist mit Blick auf Vesques Kompositionsstil zu bedenken, daß die Orientierung an der Vokalstimme generell immer wieder von besonderer Bedeutung ist (s. dazu auch Helmut Schultz: Johann Vesque von Püttlingen. 1803–1883, S. 257, der hier Vesques „Grundsatz vom Überwiegen des Gesangsparts über die Begleitung“ betont.Google Scholar
  47. 401.
    Helmut Schultz: Johann Vesque von Püttlingen. 1803–1883, S. 173.Google Scholar

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Authors and Affiliations

  • Sonja Gesse-Harm

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