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Rezeptionsästhetik

  • Tilmann Köppe
  • Simone Winko
Chapter

Zusammenfassung

›Rezeptionsästhetik‹ ist ein Sammelbegriff für die Theorie und Analyse der Beziehungen zwischen literarischem Text und Leser. Innerhalb dieser Forschungsrichtung lassen sich zwei enger umrissene Ansätze unterscheiden:
  • Eine Wirkungstheorie untersucht, inwiefern literarische Texte über eine implizite ›Leserrolle‹ verfügen, die steuert, wie Leser einen Text aufnehmen und verstehen. Der Ansatz ist insofern ›texttheoretisch‹, da die Konstitution und Wirkungsbedingungen konkreter literarischer Texte im Vordergrund stehen (vgl. Iser 1994, I, IV, 8).

  • Die Rezeptionsgeschichte untersucht dagegen die Aufnahme, die ein literarischer Text im Laufe der Zeit bei seinem Publikum gefunden hat. Sie ist insofern historisch bzw. literaturgeschichtlich orientiert (vgl. ebd.).

Als ein neues Forschungsparadigma wurde die Rezeptionsästhetik in ihrer wirkungstheoretischen (Iser 1970) und rezeptionsgeschichtlichen (Jauß 1967) Spielart Ende der 1960er lahre in Konstanz ausgerufen und im Rahmen eines Forscherkreises, der ›Konstanzer Schule‹, ausgearbeitet. Beide Spielarten der Rezeptionsästhetik beanspruchen, die Literaturwissenschaft durch eine Aufwertung der Leserrolle von einer Fixierung auf eine ›Darstellungs-‹ und ›Produktionsästhetik‹ zu befreien (vgl. ebd., 26; Iser 1975, 329; Jauß 1997, 736f.): Bezug genommen wird damit auf eine literaturwissenschaftliche Fachtradition, die sich entweder den Hervorbringungsbedingungen eines Werkes oder aber den Werkstrukturen gewidmet, die Größe des Lesers jedoch ausgeblendet habe.

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Literatur

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Copyright information

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2008

Authors and Affiliations

  • Tilmann Köppe
    • 1
  • Simone Winko
    • 2
  1. 1.School of Language and LiteratureFreiburg Institute for Advanced Studies (FRIAS)Deutschland
  2. 2.Universität GöttingenDeutschland

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