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Der Traditionsbegriff des Judentums: Schrifttum, mündliche Lehre und Kabbala

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Zusammenfassung

Das Selbstverständnis des Judentums beruht auf der steten Vergegenwärtigung der mündlich und schriftlich überlieferten Lehre. Die jüdische Überlieferung ist kein gesicherter und für alle Zeit festgelegter Kanon, sondern sie muß beständig durch die Interpretation der Quellen aktualisiert werden. Es ist diese Vergegenwärtigung der Lehre selbst, die im Zentrum des religiösen Lebens steht. Zwar läßt sich historisch die Entstehung der Lehre als ein Nacheinander der für das Judentum zentralen Texte schildern; der jüdische Glaube jedoch geht von der Gleichursprünglichkeit seiner tradierten Quellen aus. Der gesamte Bestand der jüdischen Tradition ist auf die individuelle Aneignung durch den Gläubigen angewiesen. Damit wird der Begriff der historischen Offenbarung als eines einmaligen Geschehens problematisch. Offenbarung und Tradition verweisen aufeinander: die Offenbarung Gottes — verstanden als das Geben der Thora (Mathan Thora) — stiftet die Tradition, kann jedoch selbst nur aus dieser heraus verstanden werden. Die Überlieferung der Lehre und ihre schriftliche Fixierung treten gewissermaßen an die Stelle der ursprünglichen Offenbarung, die doch keinen anderen Inhalt hatte als das Geben dieser Lehre selbst. Das Paradoxe dieses Verhältnisses läßt sich an dem Umstand ablesen, daß Moses am Sinai die Thora empfängt, dieses Geschehen aber selbst in der Thora berichtet wird. Die Tradition gründet ihre Autorität in der Offenbarung, die ihrerseits ausschließlich in der Tradition verbürgt ist. Dieses Spannungsverhältnis macht es unmöglich, die Frage nach dem Ursprung der Lehre befriedigend zu beantworten. Andererseits begründet es die stete Fortentwicklung der Überlieferung und die Lebendigkeit des Judentums, das sich in seiner Tradition überhaupt erst konstituiert (vgl. Scholem 1970a, S. 112).

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© Springer-Verlag GmbH Deutschland 1999

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