Advertisement

Sprachliche Gewalt und soziale Ordnung: Metainvektive Debatten als Medium der Politik

  • Joachim Scharloth
Part of the Abhandlungen zur Sprachwissenschaft book series (ABSP)

Zusammenfassung

Sprache ist kein Werkzeug zur Beschreibung der Welt, sie ist ein Medium der Wirklichkeitskonstruktion. Indem wir Dinge benennen, kategorisieren wir sie, d. h. wir fassen sie als Vertreter einer bestimmten Klasse. Wenn wir Sachverhalte beschreiben, detaillieren wir subjektiv relevante Merkmale und kondensieren andere Darstellungsaspekte oder lassen sie gar weg. Wir signalisieren den Kommunikationspartnern, wie wir unsere Äußerungen aufeinander beziehen und welche Wissenskontexte interpretationsrelevant sind. Und wir geben unseren Gesprächspartnern zu verstehen, wie wir unsere Äußerungen verstanden wissen möchten – bspw. epistemisch, scherzhaft oder fiktional. Doch nicht allein durch die Gestaltung eigener Äußerungen konstruieren wir eine Wirklichkeit, auch durch den interaktiven und prozessualen Charakter der Kommunikation entsteht Wirklichkeit als ein soziales Konstrukt. So gestalten wir einerseits unsere Äußerung in Bezug auf unsere Kommunikationspartner (recipient design), andererseits signalisieren wir stets reziprok unser Verständnis des Gesagten und konstruieren so Intersubjektivität. Im gegenseitigen Ratifizieren oder dem Signalisieren von Differenz zum vorher Geäußerten handeln wir Wirklichkeit interaktiv aus.

Preview

Unable to display preview. Download preview PDF.

Unable to display preview. Download preview PDF.

Literatur

  1. Austin, John L. (1962): How to do things with words. The William James Lectures delivered at Harvard University 1955. Oxford: Calrendon Press.Google Scholar
  2. Bonacchi, Silvia (2012): Zu den idiokulturellen und polykulturellen Bedingungen von aggressiven Äußerungen im Vergleich Polnisch-Deutsch-Italienisch. In: Olpińska-Szkiełko, Magdalena u. a. (Hrsg.): Der Mensch und seine Sprachen. Frankfurt/Main: Peter Lang. S. 130–148.Google Scholar
  3. Bonacchi, Silvia (2013): (Un)Höflichkeit. Eine kulturologische Analyse Deutsch – Italienisch – Polnisch. Frankfurt/Main: Lang.Google Scholar
  4. Bousfield, Derek (2008): Impoliteness in Interaction. Amsterdam: John Benjamins.Google Scholar
  5. Brown, Penelope/Levinson, Stephen C. (1987): Politeness. Some universals in language usage. Cambridge: University Press.Google Scholar
  6. Butler, Judith (2006): Hass spricht. Zur Politik des Performativen. Frankfurt/Main: Suhrkamp.Google Scholar
  7. Culpeper, Jonathan (1996): Towards an anatomy of impoliteness. In: Journal of Pragmatics 25. S. 349–367.CrossRefGoogle Scholar
  8. Culpeper, Jonathan (2011): Impoliteness. Using Language to Cause Offence. Cambridge: Cambridge University Press.Google Scholar
  9. Dağabakan, Fatma Oztürk (2012): Die Fluchwörter und Verwünschungen im Deutschen und im Türkischen. In: Zeitschrift für die Welt der Türken, Heft 4. S. 79–98.Google Scholar
  10. Deppermann, Arnulf (2005): Glaubwürdigkeit im Konflikt. Rhetorische Techniken in Streitgesprächen. Prozessanalysen von Schlichtungsgesprächen. Radolfszell: Verlag für Gesprächsforschung.Google Scholar
  11. Ellerbrock, Dagmar/Koch, Lars/Müller-Mall, Sabine/Münkler, Marina/Scharloth, Joachim/ Schrage, Dominik/Schwerhoff, Gerd (2017): Invektivität: Konstellationen und Dynamiken der Herabsetzung. Antrag auf Einrichtung und Förderung des SFB 1285. Dresden.Google Scholar
  12. Enzensberger, Ulrich (2004): Die Jahre der Kommune I. Berlin 1967–1969. Köln: Kiepenheuer & Witsch.Google Scholar
  13. Feilke, Helmuth (1996): Sprache als soziale Gestalt. Ausdruck, Prägung und die Ordnung der sprachlichen Typik. Frankfurt/Main: Suhrkamp.Google Scholar
  14. Goffman, Erving (1967): Interaction ritual. Essays in face-to-face behavior. Chicago: Aldine.Google Scholar
  15. Goffman, Erving (1971): Interaktionsrituale. Über Verhalten in direkter Kommunikation. Frankfurt/Main: Suhrkamp.Google Scholar
  16. Hannover, Heinrich (1999): Die Republik vor Gericht 1955–1974: Erinnerungen eines unbequemen Rechtsanwalts. Berlin: Aufbau.Google Scholar
  17. Herrmann, Steffen Kitty/Kuch, Hannes (2007): Verletzende Worte. Eine Einleitung. Herrmann, Steffen Kitty/Krämer, Sybille/Kuch, Hannes (Hrsg.): Verletzende Worte. Die Grammatik sprachlicher Missachtung. Bielefeld: transcript.Google Scholar
  18. Hoffmann, Ludger (1983): Kommunikation vor Gericht. Tübingen: Narr.Google Scholar
  19. Holmig, Alexander (2007): Die aktionistischen Wurzeln der Studentenbewegung – Subversive Aktion, Kommune I und die Neudefinition des Politischen. In: Klimke, Martin/Scharloth, Joachim (Hrsg.): 1968. Ein Handbuch zur Kultur- und Mediengeschichte der Studentenbewegung. Stuttgart: Verlag J. B. Metzler. S. 107–118.CrossRefGoogle Scholar
  20. Horster, Detlef (2009): Anerkennung. In: Dederich, Markus/Jantzen, Wolfgang (Hrsg.): Behinderung und Anerkennung. Stuttgart. S. 153–159.Google Scholar
  21. Honneth, Axel (1992): Kampf um Anerkennung. Zur moralischen Grammatik sozialer Konflikte. Frankfurt/Main: Suhrkamp.Google Scholar
  22. Honneth, Axel (1989): Moralische Entwicklung und sozialer Kampf. Sozialphilosophische Lehren aus Hegels Frühwerk. In: Honneth, Axel/McCarthy, Thomas/Offe, Claus/Wellmer, Albrecht (Hrsg.): Zwischenbetrachtungen. Im Prozess der Aufklärung. Frankfurt/Main: Suhrkamp. S. 549–573.Google Scholar
  23. Hornscheidt, Lann (2006): Die sprachliche Benennung von Personen aus konstruktivistischer Sicht. Genderspezifizierung und ihre diskursive Verhandlung im heutigen Schwedisch. Berlin/New York: De Gruyter (Linguistik – Impulse und Tendenzen 15).Google Scholar
  24. Hornscheidt, Lann (2013): Der Hate Speech-Diskurs als Hate Speech: Pejorisierung als konstruktivistisches Modell zur Analyse diskriminierender Sprach_handlungen. In: Meibauer, Jörg (Hrsg.): Hate Speech/Hassrede. Interdisziplinäre Beiträge des gleichnamigen Workshops, Mainz 2009. Linguistische Untersuchungen. Gießener elektronische Bibliothek. S. 29–58. Online: http://geb.uni-giessen.de/geb/volltexte/2013/9251/pdf/HassredeMeibauer_2013.pdf.
  25. Hutchby, Ian (2008): Participants’ orientations to interruptions, rudeness and other impolite acts in talk-in-interaction. In: Journal of Politeness Research 4. S. 221–241.Google Scholar
  26. Iser, Mattias (2010): Honneth – Die Gewalt der Missachtung. In: Kuch, Hannes/Herrmann, Steffen Kitty (Hrsg.) Philosophien sprachlicher Gewalt. 21 Grundpositionen von Platon bis Butler. Weilerswist: Velbrück Wissenschaft. S. 387–407.Google Scholar
  27. Kapeller, Ludwig/Voigt, Helmut (1964): Das Schimpfbuch. Von Amtsschimmel bis Zimtziege. Herrenalb/Schwarzwald: Erdmann.Google Scholar
  28. Krämer, Sybille (2010): ›Humane Dimensionen‹ sprachlicher Gewalt oder: Warum symbolische und körperliche Gewalt wohl zu unterscheiden sind. In: Krämer, Sybille/Koch, Elke (Hrsg.): Gewalt in der Sprache. Rhetoriken verletzenden Sprechens. München: Fink. S. 21–44.Google Scholar
  29. Krämer, Sybille/Stahlhut, Marco (2001): Das »Performative« als Thema der Sprach- und Kulturphilosophie. In: Fischer-Lichte, Erika/Wulf, Christoph (Hrsg.): Theorien des Performativen. Paragrana. Berlin: Akademie-Verlag. S. 35–64.Google Scholar
  30. Kuch, Hannes (2010): Austin – Performative Kraft und sprachliche Gewalt. In: Kuch, Hannes/ Herrmann, Steffen Kitty (Hrsg.) Philosophien sprachlicher Gewalt. 21 Grundpositionen von Platon bis Butler. Weilerswist: Velbrück Wissenschaft. S. 219–240.Google Scholar
  31. Langhans, Rainer/Teufel, Fritz (1968): Klau mich. Strafprozeßordnung der Kommune I. Frankfurt/Main: Edition Voltaire.Google Scholar
  32. Link, Jürgen (1997): Versuch über den Normalismus. Wie Normalität produziert wird. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag.Google Scholar
  33. Lobenstein-Reichmann, Anja (2013): Sprachliche Ausgrenzung im späten Mittelalter und in der Frühen Neuzeit. Berlin/Boston: De Gruyter.Google Scholar
  34. Löbner, Sebastian (2003): Semantik. Berlin/New York: De Gruyter.Google Scholar
  35. Meier, Simon (2007): Beleidigungen. Eine Untersuchung über Ehre und Ehrverletzung in der Alltagskommunikation. Aachen: Skaker (= Essener Studien zur Semiotik und Kommunikationsforschung 20).Google Scholar
  36. Meier, Simon (2016): Wutreden – Konstruktion einer Gattung in den digitalen Medien. In: ZGL 44(1). S. 37–68.Google Scholar
  37. Nübling, Damaris/Vogel, Marianne (2004): Fluchen und Schimpfen kontrastiv. Zur sexuellen, krankheitsbasierten, skatologischen und religiösen Fluch- und Schimpfwortprototypik im Niederländischen, Deutschen und Schwedischen. In: Germanistische Mitteilungen. Zeitschrift für Deutsche Sprache, Literatur und Kultur, Heft 59. S. 19–33.Google Scholar
  38. Pfeiffer, Herbert (1997): Das große Schimpfenwörterbuch. Über 10000 Schimpf-, Spott- und Neckwörter zur Bezeichnung von Personen. Frankfurt/Main: Eichborn.Google Scholar
  39. Quine, Willard Van Orman (1951): Two Dogams of Empiricism. In: The Philosophical Review 60. S. 20–34.CrossRefGoogle Scholar
  40. Scharloth, Joachim (2017): Hassrede und Invektivität als Gegenstand der Sprachwissenschaft und Sprachphilosophie: Bausteine zu einer Theorie des Metainvektiven. In: Aptum, 2/2017. S. 116–132.Google Scholar
  41. Scheffler, Gabriele (2000): Schimpfwörter im Themenvorrat einer Gesellschaft. Marburg: Tectum.Google Scholar
  42. Schlosser, Horst Dieter (2013): Sprache unterm Hakenkreuz. Eine andere Geschichte des Nationalsozialismus. Köln, Weimar, Wien: Böhlau.Google Scholar
  43. Sornig, Karl (1975): Beschimpfungen. In: Grazer Linguistische Studien, Heft 1. S. 150–170.Google Scholar
  44. Wagner, Franc (2001): Implizite sprachliche Diskriminierung als Sprechakt. Lexikalische Indikatoren impliziter Diskriminierung in Medientexten. Tübingen: Gunter Narr Verlag.Google Scholar
  45. Wagner, Franc (2015): Soziale Kategorisierung und Diskriminierung; Sprachliche Diskriminierung. In: Galliker, Mark/Wolfradt, Uwe (Hrsg.): Kompendium psychologischer Theorien. Berlin: Suhrkamp (suhrkamp taschenbuch wissenschaft). S. 433–436; 461–463.Google Scholar
  46. Wagner, Franc (2011): Implizite Diskriminierung von Ausländern in Medientexten. In: Elspaß, S. / Maitz, P. (Hrsg.): Sprache und Diskriminierung. Themenheft der Zeitschrift Der Deutschunterricht, 63/6. S. 54–64.Google Scholar

Copyright information

© Springer-Verlag GmbH Deutschland, ein Teil von Springer Nature 2018

Authors and Affiliations

  • Joachim Scharloth
    • 1
  1. 1.Waseda Universität in TokyoTokyoJapan

Personalised recommendations