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„Die Erscheinung der Gewalt ist seltsam schön“

Caravaggio als Ikone tödlicher Obsession bei Christoph Meckel und Christoph Geiser
  • Claudia Öhlschläger
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Zusammenfassung

Michelangelo Merisi da Caravaggio (1571–1610), als Künstler gleichsam zwischen den Zeiten — der Renaissance einerseits, dem Barock andererseits — stehend, avanciert in der fiktionalen, aber auch theoretischen Literatur der vergangenen Jahre zum Gegenstand eines Verfahrens, das man mit der Formel „Ikonisierung des Begehrens“ umschreiben könnte. Zunächst ist damit die literarische Auseinandersetzung mit Gemälden Caravaggios angezeigt, in der Möglichkeiten und Grenzen einer Sprache des Begehrens ausgelotet und ikonische Muster poetologisch erprobt werden. Auffällig ist nun, daß den Bildern Caravaggios hierbei die Funktion einer Ikone zukommt: Als Zeugnisse von biographisch-künstlerischer Authentizität, als der Realität enthobene Garanten von Alterität, als Präsentationsmedien unmittelbarer Anschauung suggerieren sie die Realpräsenz des Dargestellten,1 das eine andere Lebenswirklichkeit jenseits von Raum und Zeit zu eröffnen scheint. Insofern das Thema der Ikonik in der Vermittlung eines durch nichts anderes zu ersetzenden Sinns besteht,2 transportieren Ikonen eindeutige Bedeutungsinhalte, was jedoch nicht unbedingt ausschließt, daß bei ihrer Betrachtung auch Imagination und Projektion wirksam werden.

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Endnoten

  1. 1.
    Zur Ästhetik und Typologie von Ikonen vgl. Hans Belting: Bild und Kult. Eine Geschichte des Bildes vor dem Zeitalter der Kunst. München 1990. Außerdem die Rezensionen zu dieser Studie von Günter Metken: Vera icon oder Die Macht der Bilder. In: SZ Nr. 160 (13./14.7.1991) und Eckhard Nordhofen: Das Leben der Bilder. In: Die Zeit Nr. 9 (22.2.1991).Google Scholar
  2. 2.
    Vgl. Max Imdahl: Ikonik. Bilder und ihre Anschauung. In: Gottfried Boehm (Hrsg.): Was ist ein Bild? München 1994, S. 300–324, hier S. 300.Google Scholar
  3. 4.
    Christoph Meckel: Wissen Sie, wie Caravaggio gestorben ist? In: ders.: Ein roter Faden. Gesammelte Erzählungen. München 1983, S. 368–372, hier S. 368. Im folgenden als „M“ im Text zitiert.Google Scholar
  4. 8.
    Helga Finter: San Pier Paolo oder „Alles ist Paradies in der Hölle“ (Sade). Über Pier Paolo Pasolini. In: Hans-Jürgen Heinrichs (Hrsg.): Der Körper und seine Sprachen. Frankfurt a. M. 1989, S. 61–91, hier S. 80.Google Scholar
  5. 9.
    Vgl. hierzu Roland Barthes: Die Lust am Text. Aus dem Französischen von Traugott König. Frankfurt a.M. 71992.Google Scholar
  6. 12.
    Herwarth Röttgen: Caravaggio. Der irdische Amor oder der Sieg der fleischlichen Liebe. Frankfurt a. M. 1992, S. 64f. Röttgen verweist außerdem auf die raumgreifende Plastizität der Bilder Caravaggios, die durch die Öffnung des Bildraumes nach vorne erzielt wird. Vgl. Röttgen, Caravaggio, S. 71. Daß der Betrachter am Bildgeschehen teilhat, betont auch Stefano Zuffi in: Caravaggio. Mailand 1991, S. 7.Google Scholar
  7. 13.
    Zur narzißtischen Lust an der ästhetischen Illusion vgl. Karl Stockreiter: Narzißmus und Kunst. Das erotische Bündnis der ästhetischen Illusion. Wien 1992. Zur Verweigerung einer narzißtischen Begehrensposition bei Caravaggio vgl. Finter, San Pier Paolo (Anm. 8), S. 79ff.Google Scholar
  8. 21.
    Roberto Longhi, Caravaggio. Prefazione di Giovanni Previtali. Roma 1982, S. 72. Zit. nach Finter, San Pier Paolo (Anm. 8), S. 79.Google Scholar
  9. 23.
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  11. 27.
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  12. 38.
    Vgl. hierzu Gert Mattenklott: Das gefräßige Auge. In: Dietmar Kamper und Christoph Wulf (Hrsg.): Die Wiederkehr des Körpers. Frankfurt a. M. 1982, S. 224–240.Google Scholar
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  14. 43.
    Vgl. hierzu Georges Bataille: Der heilige Eros. Übersetzt von Max Hölzer. Frankfurt a. M. 1974.Google Scholar

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© Springer-Verlag GmbH Deutschland 1997

Authors and Affiliations

  • Claudia Öhlschläger

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