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Der imaginierte Zeitort

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Zusammenfassung

Vermutlich im Januar 1933, kurz vor dem Erscheinen der ersten 38 Kapitel des 2.Bandes des MoE, verfaßt Musil ein Antwortschreiben an Bernard Guillemin, in dem er sich, angeregt durch einen zwei Jahre zurückliegenden Brief Guillemins, dezidiert mit der Frage beschäftigt, was es eigentlich mit der Behandlung der Zeit-Problematik in seinem Roman auf sich habe1:

“Wenn ich ihre Worte zusammenziehe, so sagen Sie: der erste Band verzichtet auf die Dimension der Zeit, des Ablaufs, der zeitlichen (u. wie ich gleich beifügen will: damit auch der kausalen) Entwicklung. Sie sehen dem richtigerweise einen Verzicht auf den ‘Stil der Erzählung’ vorangehen. Das Vorher und Nachher ist nicht zwingend, der Fortschritt nur intellektuell und räumlich. Der Inhalt breitet sich auf eine zeitlose Weise aus, es ist eigentlich immer alles auf ein Mal da” (PD/724).

Ein Roman ohne chronologische Entwicklung, ein “Ausschalten” der Zeit unter der Dominanz des Paradigmatischen: so sieht Musil die Struktur seines Textes zutreffend beschrieben; ein Inhalt, der “sich auf eine zeitlose Weise” ausbreitet und bei dem, wie schon im Eingangskapitel offensichtlich wurde, der Datierung der fiktionalen Ereignisse nur eine akzidentelle Funktion zukommt.

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Endnotes

  1. 4.
    E. Auerbach (19888): Mimesis. Dargestellte Wirklichkeit in der abendländischen Literatur, S. 500ff.Google Scholar
  2. 5.
    Vgl. U. Karthaus (1965): Der Andere Zustand. Zeitstrukturen im Werke Robert Musils. Karthaus’ akribische Untersuchung, der dieses Kapitel einige wichtige Beobachtungen verdankt, handelt sich durch das kategoriale Oszillieren der Leitbegriffe mitunter Schwierigkeiten ein, die sich bei genauerer Definition der Terminologie sicher vermeiden ließen. Auch interessiert Karthaus sich weniger für ästhetische Wirkungskomponenten, als vielmehr für einen Vergleich sowohl der beiden ersten Bände des MoE wie auch für einen Vergleich des MoE mit früheren Erzähiwerken Musils. Überlegungen zur Zeit-Problematik im MoE finden sich zudem bei P.Nusser (1967): Musils Romantheorie, S.90–99, der zu vergleichbaren Schlußfolgerungen über die Zeitdimension gelangt wie Karthaus. Einige Hinweise geben überdies W.Rasch (1963): Robert Musil. DMoE, S.362–364 und P.-A.AIt (1985): Ironie und Krise, S.197–203.Google Scholar
  3. 6.
    G.Müller (1950): Über das Zeitgerüst des Erzähiens; G.Müller (1953): Aufbauformen des Romans. Einen Versuch, mittels der zeit-morphologischen Methode G.Müllers die Chronologie des MoE zu erhellen, unternimmt mit Akribie die Arbeit von G.Berghahn (1956): Die essayistische Erzähltechnik Robert Musils. Berghahn rechnet nach, daß die im Roman verlaufende Zeit insgesamt ungefähr achteinhalb Monate umfaßt, den Zeitraum von Anfang August 1913 bis Mitte April 1914. Die Arbeit mißt das Verhältnis von ‘Erzählzeit’ und ‘etzählter Zeit’ in einer Auflistung der Seitenzahlen, die das Verstreichen der Zeit jeweils einnimmt. Das Ergebnis ist deshalb von Interesse, weil es zweierlei verdeutlicht: Zum einen die Erkenntnis, daß ein “Zeitgerüst im streng morphologischen Sinne” sich beim MoE gar nicht konstruieren läßt, da das einzelne Ereignis nur “punktuell in ein zeitliches Ungefähr gesetzt” ist, “ohne sich auf andere Handlungen zu beziehen”(vgl. ebd. S.75), und zum anderen die Insuftizienz der morphologischen Methode, die aus einem solchen Scheitern keine weiteren Konsequenzen zu ziehen vermag. Das von Berghahn stillschweigend vorausgesetzte mimetische Verhältnis von lebensweltlicher und literarischer Zeit ist nicht nur philosophisch höchst problematisch, sondern verdeckt zudem gerade die Momente, die für die Zeit-Gestaltung im MoE ästhetisch bedeutsam sind. Mit der Feststellung, daß Musil sich primär überhaupt nicht für eine zeitliche Verknüpfung der Romanhandlung interessiere, weiß Berghahn nichts weiter anzufangen, obgleich gerade diese Erkenntnis den Sinn seiner zeitmorphologischen Methode fragwürdig werden läßt. Vgl. dazu auch die Kritik von P.Nusser (1967): Musils Romantheorie, S.92 und U.Karthaus (1965): Der Andere Zustand, S.29, 37, 40.Google Scholar
  4. 8.
    Zu den allgemeinen Grundlagen der zeitlichen Dimension literarischer Texte, vgl. auch U.Japp (1977): Hermeneutik, S.129ff.Google Scholar
  5. 9.
    Vgl. an dieser Stelle auch die Kritik an K.Hamburgers Definition des ‘epischen Präteritums’ durch K.Stierle (1975): Text als Handlung, S.24. Stierle sieht in Hamburgers Diskussion des ‘epischen Präteritums’ eine Anzahl von Scheinproblemen, die auf die fehlende Einsicht zurückzuführen sind, daß sich das Präteritum in erster Linie dem Abgeschlossenheitscharakter des literarischen Werkes verdanke. “Das Tempus des Präteritums verweist immer schon auf diesen umgreifenden und abgeschlossenen Zusammenhang. Es unterscheidet sich darin vom Präsens und erhalt eine besondere Qualität als (kataphorisches) ‘Textzeichen’, indem es die Bedingung der Möglichkeit eines in der Zeit sich erstreckenden ‘Ganzen’ bezeichnet.”Google Scholar
  6. 10.
    Dominiert im epischen Präteritum der Vergangenheitsbezug nicht notwendig über die evokative Präsenz des Textes, so stellt sich die Frage nach dem Verhältnis zwischen den im literarischen Text artikulierten Verbalzeiten und der lebensweltlichen Zeiterfahrung. Dabei ist entscheidend, ob man der Überzeugung ist, die Verbalzeiten referierten mehr oder weniger auf die lebensweltliche Erlebniszeit, oder aber, dem entgegengesetzt, die Ansicht von H.Weinrich vertritt, die Eigenart der Verbalzeiten sei auschließlich kommunikationstheoretisch, nicht aber in Rekurs auf lebensweltliche Zeitkategorien zu bestimmen. (H.Weinrich (1964): Tempus. Besprochene und erzählte Welt). Nach Weinrich orientiert sich die Struktur der Verbalzeiten nicht an der alltagsweltlichen Erfahrung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, sondern erklärt sich aus ihrer Funktion in spezifischen Sprachhandlungen. Er unterscheidet zwei basale Sprechsituationen, Erzählen und Berichten, von denen erstere durch Distanz zum Geschehen und eine entsprechende ‘entspannte Haltung’, die zweite durch eine ‘gespannte Haltung’ gekennzeichnet ist. Die Sprechsituation des Erzählens unterteilt Weinrich in zwei Sprechperspektiven, denen eine Aktzeit und eine Textzeit entspricht. Die Aktzeit markiert die zeitliche Distraktion des Erzählvorgangs, wogegen die Textzeit aus der Sprachverkettung des Erzähltett besteht, mithin die Zeit umfaßt, die als imaginierter Zeitablauf den fiktionalen Geschehnissen in ihrer Erstreckung zukommt. Zwischen beiden Zeiten besteht ein Spannungsverhaltnis, das vielfältige Möglichkeiten subtiler Arrangements enthält, etwa durch Vorwegnahme, Koinzidenzen, Rückblicke etc. Auf einer dritten Differenzierungsstufe führt Weinrich schließlich die Reliefgebung ein, die Ereignisbildung des Textes durch jeweilige Vorder- und Hintergrundbildungen innerhalb von Aktzeit und Textzeit. Der Vorteil von Weinrichs Modell wird daran deutlich, daß eine strenge Zuordnung der Verbalzeiten zur lebensweltlichen Erlebniszeit nicht in der Lage ist, zu erklären, inwiefern sich die Zeiterfahrung bei der Lektüre literarischer Texte von lebensweltlichen Zeiterfahrungen unterscheidet. Nur dann, wenn man den Gebrauch der Verbalzeiten kommunikationstheoretisch fundiert, gewinnt man einen Ansatz, der die Spezifik literarischer Zeiterfahrung in den Blick bekommt. In der von Weinrich beschriebenen Sprechsituation des Erzählens bewirkt die bevorzugte Verbalzeit literarischer Fiktion, das Imperfekt, nur deshalb eine Suspension seines alltäglichen Gebrauchs, weil es gerade nicht auf diesen referiert. Nur so kann es als Zeitsignal die Funktion einer Veränderung der Rezeptionshaltung übernehmen, bei der zum einen die von K.Hamburger beschriebene Suspension des aktuellen Vergangenheitsbezugs (vgl. K.Hamburger (19803): Die Logik der Dichtung) und zum anderen eine Suspension des alltäglichen Bewandniszusammenhangs geschieht. Das epische Präteritum, das gerade durch diese beiden Momente zu einem ‘epischen’ wird, schafft die für das Zeitempfinden bei der Lektüre literarischer Texte so wichtige Distanz von der Alltagswelt, wobei, wie Ricoeur gegen Weinrich einwendet, der Bezug der Verbalzeiten (hier des Imperfekts) zur lebensweltlichen Erlebniszeit natürlich nicht vollkommen losgelöst ist, sondern “eine indirekte Beziehung zur erlebten Zeit durch die Vermittlung der Neutralisierung” bewahrt wird (P.Ricoeur (1989) Zeit und Erzählung II, S.126).Google Scholar
  7. 12.
    U.Japp (1975): Hermeneutik, S.134.Google Scholar
  8. 13.
    Zur Typologie der hier herausgesetellten Zeit-Relationen, vgl. O.Holl (1968): Der Roman als Funktion und Überwindung der Zeit, S.161ff.Google Scholar
  9. 15.
    Vgl.J.M.Lotman (1972): Die Struktur literarischer Texte, S.330ff.Google Scholar
  10. 16.
    Als einen historischen Roman, wenn auch als einen ‘anderen’ historischen Roman, hat zuletzt I.Gnetter den MoE bezeichnet. Vgl. I.Gnetter (1993): Vorkriegszeit im Roman einer Nachkriegszeit. Studien zu einem ‘anderen’ historischen Roman zwischen Vergangenheitsbewältigung und Zeitkritik in der Weimarer Republik.Google Scholar
  11. 17.
    Zur Bedeutung des 1. Weltkrieges für die Veränderung der Zeitwahrnehmung vgl. B.Hüppauf (1990): Der Erste Weltkrieg und die Destruktion von Zeit.Google Scholar
  12. 18.
    Daß die Kunst in dem Moment zur Antifiktion werde, wenn sie die Fiktionalität der Wirklichkeit ästhetisch transparent mache, ist die These von O.Marquard (1983): Kunst als Antifiktion. — Versuch über den Weg der Wirklichkeit ins Fiktive.Google Scholar
  13. 19.
    Vgl. F.Schlegel (1970): insbes. S.601–605.Google Scholar
  14. 20.
    J.Tynjanov (1969): Das literarische Faktum, S.409.Google Scholar
  15. 22.
    Das Unbestimmte dieser Zeitangaben stellt auch U.Karthaus (1965): Der Andere Zustand, S.14ff. in einer ausführlichen Diskussion heraus.Google Scholar
  16. 24.
    Vgl. U.Karthaus (1965): Der Andere Zustand, S.19ff.Google Scholar
  17. 26.
    Vgl. dazu T.Luckmann (1983): Lebensweltliche Zeitkategorien, Zeitstrukturen des Alltags und der Ort des historischen Bewußtseins, S.16ff.Google Scholar
  18. 27.
    N.Elias (1984): Ober die Zeit.Google Scholar
  19. 28.
    K.Laermann (1975): Alltags-Zeit. Bemerkungen über die unautiälligste Form sozialen Zwangs.Google Scholar
  20. 29.
    W.Iser (1990): Fingieren als anthropologische Dimension der Literatur, S.23.Google Scholar
  21. 30.
    Vgl. P.Ricoeur (1989): Zeit und Erzählung II, S.13: “Der Stellenwert des Begriffs der fiktiven Erfahrung ist äußerst prekär: denn einerseits bleiben die zeitlichen Arten und Weisen, die Welt zu bewohnen, insofern imaginär, als sie nur im und durch den Text existieren; andererseits bilden sie eine Art Transzendenz in der Immanenz, die eben die Konfrontation mit der Welt des Lesers ermöglicht. Vgl. auch S.171f.Google Scholar
  22. 31.
    W.Iser (1990): Fingieren als…, S.24.Google Scholar
  23. 1.
    Zur neueren literaturwissenschaftlichen Urbanitätsforschung vgl. u.a.: V.Klotz (Hrsg.) (1968): Die erzählte Stadt. Ein Sujet als Herausforderung des Romans von Lesage bis Döblin; S.Vietta (1974): Großstadtwahrnehmung und ihre literarische Darstellung. Expressionistischer Reihungsstil und Collage; B.Pike (1981): The Image of the City in modem Literature; A.Freisfeld (1982): Das Leiden an der Stadt. Spuren der Verstädterung in deutschen Romanen des 20.Jhs.; C.Meckseper u. E.Schraut (Hrsg.) (1983): Die Stadt in der Literatur; H.Brüggemann (1985): ‘Aber schickt keinen Poeten nach London!’ Großstadt und literarische Wahrnehmung im 18. und 19.Jahrhundert. Texte und Interpretationen; H.Brüggemann (1989): Das andere Fenster: Einblicke in Häuser und Menschen. Zur Literaturgeschichte einer urbanen Wahrnehmungsform; H. Kähler (1986): Berlin, Asphalt und Licht. Die große Stadt in der Literatur der Weimarer Republik; K.R.Scherpe (1988): Von der erzählten Stadt zur Stadterzählung. Der Großstadtdiskurs in Alfred Döblins ‘Berlin Alexanderplatz’; K.R.Scherpe (Hrsg.) (1988): Die Unwirklichkeit der Städte. Großstadtdarstellungen zwischen Moderne und Postmoderne; K. R.Scherpe (1988): Ausdruck, Funktion, Medium. Transformationen der Großstadterzählung in der deutschen Literatur der Moderne; M.Smuda (Hrsg.) (1992): Die Großstadt als ‘Text’.Google Scholar
  24. 2.
    So der Titel des 1927 entstandenen Films von Werner Ruttmann, der das ästhetisch Innovative des modernen Großstadterlebens cinematografisch ins Bild zu setzen versucht. 3 Google Scholar
  25. 3.
    G.Simmel (1957): Die Großstädte und das Geistesleben, S.228.Google Scholar
  26. 8.
    Zur diskursiven und strukturellen Erzähltechnik in Alfred Döblins ‘Berlin Alexanderplatz’, vgl. K.R.Scherpe (1988): Von der erzählten Stadt zur Stadterzählung.Google Scholar
  27. 9.
    Als einen von der “Korrelation von individueller Geschichte und großstädtischem Erfahrungshintergrund” geprägten Großstadtroman, hat S.Ledanff (1981): Bildungsroman versus Großstadtroman. Thesen zum Konfikt zweier Romanstrukturen, dargestellt am Beispiel von Döblins ‘Berlin Alexanderplatz’, Rilkes ‘Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge’ und Musils ‘Mann ohne Eigenschaften’, S.143, den MoE interpretiert. Ledanff sieht in Musils Roman “metaphorische Lösungsmöglichkeiten” der Vermittlung von Stadt- und Bewußtseinstopographie, denen die relativ problematische Annahme unterliegt, Musil gehe es tatsächlich um eine adäquate Repräsentation moderner Großstadterfahrung.Google Scholar
  28. 10.
    Das wird auch in den Beiträgen, des vom 12. bis 14.Mai 1980 von der Östetreichischen Gesellschaft für Literatur veranstalteten internationalen Musil-Symposion über das Thema “Stadt und Urbanität im Werk Robert Musils” nicht zureichend deutlich. (Vgl. C.David (1980): Musil und die Stadt; J.P.Stern (1980): Die Wiener “Wirklichkeit” im Roman DMoE; M.-L.Roth (1980): Robert Musil: Im Schatten fremder Städte. Gartenidyllik oder letzter Protest?; W. Welzig (1980): Vom Glück in Wien; U.Karthaus (1980): Die Anonymität des Stadters; J.Strelka (1980): Stadt und Urbanität bei Robert Musil; W. Weiss (1980): Eindeutigkeit und Gleichnis, Beiträge zur geistigen Bewältigung der (modernen) Welt; H.Mayer (1980): Zwei Städtebewohner: Robert Musil und Thomas Mann. Ansätze in diese Richtung formuliert allenfalls J.P.Stern, der bemerkt, daß das Bild der Stadt Wien im MoE in erster Linie als ein “Konglomerat von Möglichkeiten” (hier S.527) erscheine. Wenig Berührungspunkte ergeben sich mit U.Karthaus Interesse an der moralischen Problematik der seiner Meinung nach im MoE zur Sprache gebrachten Anonymität großstädtischen Lebens, die bereits von B.Pike (1979): Musil and the City, vorgezeichnet worden ist. Vgl. auch B.Pike (1981): The Image of the City in Modern Literature, S.100–116. Unter den positivistisch interessierten Rekonstruktionen von Indizien zeitgenössischer urbaner Milieus im MoE am aufschlußreichsten: K.P.Polheim (1985): Das Bild Wiens im Werk Robert Musils.Google Scholar
  29. 11.
    G.Simmel (1983): Soziologie des Raumes, S.229.Google Scholar
  30. 12.
    Zur Typologie rationalistischer und metaphorischer Wahrnehmungsmuster der literarischen Aneignung und Verarbeitung von Stadtkomplexität, vgl. H.Brüggemann (1985): ‘Aber schickt keinen Poeten nach London!’, insbes. S.11 ff.Google Scholar
  31. 13.
    F.T.Marinetti (1972): Zerstörung der Syntax, Drahtlose Phantasie, Befreite Worte, Die futuristische Sensibilität, S.120.Google Scholar
  32. 14.
    Vgl. E.Mach (1912): Die Mechanik in ihrer Entwicklung.Google Scholar
  33. 15.
    Ob sich daraus allerdings Schlußfolgerungen ziehen lassen, wie Hüppaufs Feststellung, der Leser bekomme zwar mitunter Anhaltspunkte der räumlichen Szenerie “aber nie soviel, daß er sich eine Vorstellung machen könnte, daß seine Phantasie erregt würde” ist fraglich; denn Hüppauf geht von der in der Literaturwissenschaft bislang immer noch wenig reflektierten Vorstellung aus, der Leseakt produziere ein anschauliches Korrelat in der Phantasie des Rezipienten. Der Aussagewert einer Beobachtung wie jener, daß in Musils Roman “kein empirischer Raum” entstehe, wird dann problematisch, wenn man bedenkt, daß ohnehin bei keiner Textlektüre und keinem Roman je ein empirischer Raum in der Leserphantasie konstituiert werden kann; und zwar deshalb nicht, weil solche Vorstellungen der Imaginationstätigkeit von Textrezeption kategorisch widersprechen. (B.-R.Hüppauf (1971): Von sozialer Utopie zur Mystik. Zu Robert Musils DMoE, S.22 u. 25f.). Schon Theodor Meyer definierte den Akt des Lesens als einen Vorgang der “Entanschaulichung des Sinnlichen”, für den dem eigentlichen “Wesen der Sprache” nach die Fragmentarisierung und Abstraktion des sinnlichen Materials charakteristisch sei. Der Gedanke einer sinnlichen Vergegenwärtigung sprachlich produzierter Bilder im Maßstab eins zu eins widerspreche der Tatsache, daß Phantasie prinzipiell vom “Grundsatz möglichster Kraftersparnis” geleitet werde und sich folglich mit abstrahierender selektiver Bildproduktion begnüge. (T.A.Meyer (1990): Das Stilgesetz der Poesie (1901), S.74 u. 76). Wie weit Meyer mit dieser Feststellung seiner Zeit voraus war, zeigt noch Ingardens Entgegensetzung literarisch entworfener Räume mit dem empirischen Raum, der ihn zu der These verführt, im literarischen Kunstwerk seien die expliziten “wirklich dargestellten Räume … wie durch Lücken getrennt”, sie wiesen “sozusagen Unbestimmtheitsstellen auf. Alles Sachlagen, die in einem realen Raume durchaus unmöglich sind.” (R.Ingarden (19602): Das literarische Kunstwerk, S.236). Unbestritten scheint es auch bei der Raumdarstellung im literarischen Kunstwerk sinnvoll zu sein, von Unbestimmtheitsstellen zu sprechen, problematisch allerdings ist, literarische Räume mit dem empirischen Raum und nicht mit dem Wahmehmungsraum zu vergleichen; denn der empirische Raum ist ja nicht anders denn als subjektiver Wahmehmungsraum, d.h. perspektivisch begrenzt, erlebbar; und diesen Wahmehmungsraum kennzeichnet es, daß auch er nicht allseitig bestimmt, sondern lediglich ausschnitthaft in wechselnder Konzentration auf ausgewahlte Gegenstände bezogen ist. Unbestimmtheitsstellen sind kein Spezifikum literarischer Räume, sondern Kennzeichen subjektiver Raumwahmehmung im allgemeinen. (Zur Psychologie des Wahmehmungsraums vgl. u.a. K.v.Dürckheim (1932): Untersuchungen zum gelebten Raum; W.Metzger (1957): Das Raumproblem in der Psychologie; J.Linschoten (1958): Anthropologische Fragen zur Raumproblematik; C.F.Graumann (1960): Grundlagen einer Phänomenologie und Psychologie der Perspektivität; L.Kruse (1974): Räumliche Umwelt. Die Phänomenologie des räumlichen Verhaltens als Beitrag zu einer psychologischen Umwelttheorie; A.Gurwitsch (1975): Das Bewußtseinsfeld).Google Scholar
  34. 16.
    J.M.Lotman (1973): Die Struktur des künstlerischen Textes, S.22f.Google Scholar
  35. 17.
    W.lser (1991): Das Fiktive und das Imaginäre, S.70.Google Scholar
  36. 19.
    Vgl. E.A.Schmidt (1975): Arkadien: Abendland und Antike, S.43f. Wie stark auch die Musilsche Beschreibung des anderen Zustands von einer Metaphorik lebt, die vornehmlich Optisches hervorhebt, zeigt vor allem folgender Passus: “Als sie sich am Morgen wiedersahen, war es von weitem zuerst so, wie wenn man in einer gewöhnlichen Wohnung auf ein ungewöhnliches Bild stößt, ja, wie wenn man in der freien Natur ein bedeutendes Bildwerk sichtet; da erhebt sich unvermutet in sinnlicher Verwirklichung eine Insel der Bedeutung, eine Erhöhung und Verdichtung des Geistes aus der flüssigen Niederung des Daseins! (…) Trotzdem war die Freude, die sie aneinander fanden, … auch eine Erregung des Auges: Die Farben und Formen, die sich darboten, waren aufgelöst und grundlos, und doch scharf hervorgehoben, wie ein Strauss von Blumen, der aujeinem dunklen Wasser treibt. Sie waren nachdrücklicher begrenzt als sonst, aber auf eine Weise, daß sich nicht sagen ließ, ob es an der Deutlichkeit der Erscheinung liege, oder an deren tieferer Bewegtheit”(1087, Hervorhebungen R.P.).Google Scholar
  37. 20.
    K.-H.Bohrer (1981): Utopie des’Augenblicks’ und Fiktionalität, S. 186f.Google Scholar

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