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Ein erotischer Brief: Clemens Brentano an Karoline von Günderrode

  • Birgit Haustedt
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Zusammenfassung

„Sein Brief ist eigentlich so wenig die Meinung seiner Seele daß Du Dich nicht schlimmer täuschen könntest als wenn Du glaubtest es sey wirklich sein Streben in innige Berührung zu Dir zu gelangen; (…) traue den süßen Tönen des Sirenenliedes nicht.“ Begründet wird diese eindringliche Warnung damit, daß der Autor, von dessen Brief die Rede ist, ein Künstler sei und „zu eitel um ein Apostel der Wahrheit zu seyn“, skrupellos wolle er die Freundin nur als ein „neues Spielwerk“ benutzen. Auf der anderen Seite findet das künstlerische Werk des betreffenden Mannes durchaus die Wertschätzung der besorgten Schreiberin. Auch wenn sie von seinen menschlichen Qualitäten nicht überzeugt ist, hindert sie dies nicht daran, ein ausgesprochen positives Urteil über sein kürzlich erschienenes Lustspiel zu fällen. Sie hält es für das beste der deutschen Sprache und ist besonders von den „überraschendsten Wortspiele(n) und Wendungen“ begeistert. Doch solche (Wort)Kunst scheint sich mit wahrer Liebe nicht zu vertragen.

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Anmerkungen

  1. 1.
    Der Brief ist abgedruckt in: Max Preitz, Karoline von Günderrode in ihrer Umwelt I, in: Jahrbuch des Freien Deutschen Hochstifts 1962, S. 208–306 (abgekürzt: Preitz I), S. 232Google Scholar
  2. 2.
    Dies berichtet der schwedische Dichter Per Daniel Amadeus Atterbom an Geijer von einem Gespräch mit Jean Paul am 18. Dezember 1817, in: Eduard Berend (Hrsg), Jean Pauls Persönlichkeit in Berichten der Zeitgenossen, Berlin und Weimar 1956, S. 212, vgl. auch S. 424, Anm. 212.Google Scholar
  3. 4.
    Vgl. dazu die Briefe an Gunda Brentano, Nr. 10, S. 168, Nr. 11, 169, Nr. 13, S. 171, Nr. 15, S. 174, alle in: Max Preitz, Karoline von Günderrode in ihrer Umwelt II, in: Jahrbuch des Freien Deutschen Hochstifts 1964, S. 158–235 (abgekürzt: Preitz II).Google Scholar
  4. 7.
    Zitiert bei Gabriele Brandstetter, Erotik und Religiosität. Eine Studie zur Lyrik Clemens Brentanos, München 1986 (= Münchner Germanistische Beiträge, Bd. 33), S. 226.Google Scholar
  5. 8.
    In einem Brief an seine Schwester Bettine schreibt Brentano: „Sollte die Günderode Dir einen sehr wunderbaren Brief von mir zeigen, so verwundre Dich nicht, ich bin begierig was sie darauf spricht.“ Zit. nach dem von Bettine von Arnim 1844 herausgegebenen Buch „Clemens Brentano’s Frühlingskranz“, in: dies.: Werke und Briefe in 3 Bänden, hrsg. von Walter Schmitz und Sybille von Steinsdorff, Frankfurt/Main 1986, Bd. 1, S. 143. Da es aber in den folgenden Briefen keinerlei weiteren Hinweise gibt und es sich beim „Frühlingskranz“ um nachträglich bearbeitete Briefe handelt, bleibt also auch hier nur die Spekulation. Der Kommentar der zitierten Werkausgabe von Bettine von Arnim vermerkt: „Beispielsweise hat sie anscheinend nie von dem bis zur erotischen Kraßheit gesteigerten Originalbriefwechsel ihres Bruders Clemens mit der Günderrode erfahren. So bemühte sie sich, die Entfremdung zwischen beiden zu übertünchen, und fingierte durch gelegentliche Winke in ihrer Buchbearbeitung einen Briefaustausch, nachdem er längst abgebrochen war.“ (ebd. S. 980)Google Scholar
  6. 9.
    Clemens Brentano, Brief an Karoline von Günderrode vom 2. Juni 1804, zit. nach Ludwig Geiger, Karoline von Günderrode im Umkreis ihrer Freunde, Stuttgart u.a. 1895, S. 96.Google Scholar
  7. 13.
    Zur Kritik an Geigers moralisierender Verurteilung vgl. bereits Reinhold Steigs Rezension von Geigers Buch, in: Euphorion 2 (1895), S. 406–419, bes. S. 412 ff., wo auch die falsche Datierung korrigiert wird.Google Scholar
  8. 14.
    Vgl. Karl Heinz Bohrer, Der romantische Brief. Die Entstehung romantischer Subjektivität, München, Wien 1987, S. 173. Eine solche Herauslösung eines Wortes aus einem Zusammenhang, der eine entgegengesetzte Intention verfolgt, ist natürlich eigentlich nicht zulässig; vgl. deshalb die ausführliche Auseinandersetzung mit Bohrers Buch im Forschungsbericht zu diesem Kapitel.Google Scholar
  9. 15.
    Annalisa Viviani (Hrsg.), „In tausend Formen magst du dich verstecken“. Erotische Briefe der Weltliteratur, Frankfurt/M. 1986, Vorwort der Herausgeberin, S. 7. Hier findet sich auch ein Abdruck des Briefes von Brentano an Günderrode, allerdings fehlt bezeichnenderweise ein Nachsatz, den Brentano dem Brief zugefügt hat. Gerade dieser Nachsatz jedoch läßt, wie die Analyse zeigen wird, allzu biographistische Interpretationen zweifelhaft werden.Google Scholar
  10. 16.
    Immer noch beispielhaft für eine Briefanalyse, die — wenn auch unter anderer Fragestellung — vom Sprachlichen ausgeht, ist Albrecht Schönes Aufsatz „Über Goethes Brief an ehrisch vom 10. November 1767“, in: Herbert Singer/Benno von Wiese (Hrsg.), Festschrift für Richard Alewyn, Köln, Graz 1967, S. 193–229.Google Scholar
  11. 17.
    Der Wortlaut des Briefes ist wiedergegeben nach der Historisch-Kritischen Frankfurter Brentano-Ausgabe: Clemens Brentano, Sämtliche Werke und Briefe, hrsg. von Jürgen Behrens u.a., Bd. 29, Stuttgart, Berlin, Köln, Mainz 1988, S. 444–446. Im Frankfurter Hochstift wurde mir freundlicherweise Einblick in die dort archivierte Handschrift des Briefes gewährt. Dabei zeigte sich allerdings, daß die gedruckte Wiedergabe in der Kritischen Ausgabe nicht immer ganz korrekt ist. Wo es für meine Interpretation von Bedeutung ist, beziehe ich deshalb die Handschrift mit ein. Für entgegenkommende Hilfe danke ich den Herren Dr. Jürgen Behrens und Prof. Dr. Harwtig Schulz.Google Scholar
  12. 20.
    Vgl. z.B. den Brief an Sophie Mereau vom 18.–21.8.1799, in: „Lebe der Liebe und liebe das Leben“. Der Briefwechsel von Clemens Brentano und Sophie Mereau, hrsg. von Dagmar von Gersdorff, Frankfurt/M. 1981, S. 81. Dem Motiv des Marmordenkmals im „Godwi“ hat Marlies Tanz mehrere Kapitel ihrer Arbeit: Marmorbilder. Weiblichkeit und Tod bei Clemens Brentano und Hugo von Hofmannsthal, Frankfurt/M. 1986, gewidmet. Sie interpretiert das häufige Vorkommen des Bildes der steinernen Mutter als Symbolisierung des unbewußten Wunsches Brentanos, die Mutter zu töten. Dies hätte sozialhistorische Gründe in der realen Überforderung der Mutter in der sich bildenden bürgerlich-patriarchalischen Familie. Eine solch sozialhistorisch-psychoanalytische Interpretation läßt Literatur nur als Abbildung (und Ausdruck der Versagungen) des realen Lebens gelten. Genauer im Herausarbeiten der literarischen Funktion dieser Motive im Umkreis des Marmorbildes sind die entsprechenden Kapitel bei Brandstetter (a.a.O., S. 15–32) und der Aufsatz von Hannelore Schlaffer, Mutterbilder, Marmorbilder. Die Mythisierung der Liebe in der Romantik, in: Germanisch-Romanische Monatsschrift 67 (1986), S. 304–319. Anhand der Motivgeschichte des Marmorbildes (Brentano, Eichendorff, Heine, Stifter) zeigt sie, daß Brentano hier christliche und antike Merkmale auf signifikante Weise miteinander mischt. Die (Zwitter-)Figur der Venus-Marienmutter leite eine neue Epoche der sinnlichen Liebe ein. Diese sei nicht mehr körperlich, sondern wandele sich zur psychischen Energie. In der Abwehr des ‘realen’ Sinnlichen sieht Schlaffer eine Abwehr der Realität, die sich in einer entschieden anti-realistischen Literatur zeige. Auch dieses Realitätsverständnis freilich wird dem Text von Brentanos Brief nicht gerecht, wie die weitere Analyse zeigen wird.Google Scholar
  13. 23.
    Ein besonders signifikantes Beispiel, wie Brentano in völlig verschiedenen Zusammenhängen ähnliche Formulierungen benutzt, gibt es in einer Parallestelle in Brentanos Rezension von „Kabale und Liebe“ aus dem Jahr 1814: „Dieses Trauerspiel gehört in die Periode Schillers, in welcher er noch mit sich selber kämpfte; es ist die Arbeit eines jungen Gefühlshelden; der Pegasus, statt mit goldenem Hufe den kastilischen Quell aus grüner Erde hervor zu schlagen, beträgt sich wie ein arabisches Roß, das, sich die strotzenden Adern zu erleichtern, sie aufbeißt, und wir erhalten daher oft etwas Pferdeblut, zwar von edelster Abkunft, aber es ist doch nur Pferdeblut.“ (Clemens Brentano, Werke, hrsg. von Friedhelm Kemp, Bd. 2, München 1963, S. 1109). Daraus läßt sich zum einen schließen, daß Brentano über ein Repertoire an Bildern und Bildfeldern verfügte, das er in unterschiedlichsten Zusammenhängen einsetzte, ob literarischer Text, Rezension oder Brief, ist dabei egal. Zum anderen enthält diese Passage die Kennzeichnung und Kritik eines Stils, einer Schreibweise, wie sie auch auf Brentanos eigenen Brief zu beziehen wäre. Zur Motivkonstanz bei Brentano v.a. in bezug auf die Blutmetaphorik vgl. auch Bernhard Gajek, Homo poeta. Zur Kontinuität der Problematik bei Clemens Brentano, Frankfurt/M. 1971 und Brandstetter, a.a.O.Google Scholar
  14. 24.
    Hannelore Schlaffer sieht in dieser Art von Mündlichkeit das Verführerische an Brentano: „Vom Bild also über die Stimme bis zum Geist und zur Geistreichelei schöpft Brentano alle Möglichkeiten einer verführerischen Improvisation aus, die sich gegen die Erstarrung der Phantasie auf bedrucktem Papier richtet.“ (Hannelore Schlaffer, Gitarre und Druckerei. Clemens Brentanos Schwierigkeiten beim Publizieren, in: Albrecht Schöne (Hrsg.), Kontroversen, alte und neue. Akten des 7. internationalen Germanisten-Kongresses Göttingen 1985, Tübingen 1986, S. 51–58, hier S. 56.Google Scholar
  15. 26.
    Clemens Brentano, Sämtliche Werke und Briefe, hrsg. von Jürgen Behrens u.a., Stuttgart u.a. 1975 ff., Bd. 16, S. 470.Google Scholar
  16. 33.
    Auch Gisela Lermann, Clemens Brentanos Selbstverständnis als Briefschreiber, Frankfurt/M. 1988, zitiert diese Briefstelle (S. 5. f.), nimmt sie aber als Beleg für die These, daß der Brief für Brentano ein Substitut für das Gespräch darstelle. Durch die ihr eigene Zitiertechnik, alles in Einzelsätze auseinanderzureiisen, entgeht ihr, daß sich der Satz über das Gespräch auf die Vorteile von Roman und Drama gegenüber dem Brief (und nicht auf ‘wirkliche’ Gespräche) bezieht.Google Scholar
  17. 34.
    Vgl hierzu und zum folgenden Marianne Schuller, Dialogisches Schreiben. Zum literarischen Umfeld Rahel Levin Varnhagens, in: dies., Im Unterschied, Frankfurt/M. 1990, S. 127–142.Google Scholar
  18. 35.
    Vgl. dazu den Begriff des Dialogs in: Michael Bachtin, Probleme der Poetik Dostojewskis, München 1971, bes. S. 202 ff. undGoogle Scholar
  19. Julia Kristeva, Bachtin, das Wort, der Dialog und der Roman, in: Jens Ihwe (Hrsg.), Literaturwissenschaft und Linguistik. Ergebnisse und Perspektiven, Bd. 3, Frankfurt/M. 1972, S. 345–375.Google Scholar
  20. 37.
    Zur Geschichte und Theorie des Briefes im 18. Jahrhundert vgl. besonders: Georg Steinhausen, Geschichte des deutschen Briefes. Zur Kulturgeschichte des deutschen Volkes, Bd. 2, Berlin 1891, 4. Buch undGoogle Scholar
  21. R.M.G. Nickisch, Die Stilprinzipien in den deutschen Briefstellern des 17. und 18. Jahrhunderts, Göttingen 1986.Google Scholar
  22. 39.
    Zur Rolle von Frauen und ihren Briefen innerhalb dieses Briefkonzepts vgl. den schönen Aufsatz von Marianne Schuller, „Es sind wunderliche Dinge, meine Briefe“. Randbemerkungen zur Schreibweise Meta Klopstocks, in: dies., Im Unterschied, a.a.O., S. 111–125 (zuerst in: Inge Stephan und Hans-Gerd Winter (Hrsg.), Hamburg im Zeitalter der Aufklärung, Berlin, Hamburg 1989).Google Scholar

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Authors and Affiliations

  • Birgit Haustedt

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