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Kierkegaard: “Das Tagebuch des Verführers”

  • Birgit Haustedt
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Zusammenfassung

„Sua passion’ predominante/ e la giovin principiante (Don Giovanni Nr. 4 Aria)“1: Seine Leidenschaft ist die junge Anfängerin. Die Wahl dieser Sentenz aus Leporellos Registerarie als Motto für das „Tagebuch des Verführers“ stellt einen engen kompositioneilen Zusammenhang mit der Abhandlung „Die unmittelbaren erotischen Stadien oder das Musikalisch-Erotische“ her. Dort waren alle literarischen Bearbeitungen des Don-Juan-Stoffes verworfen worden. Die unmittelbare Leidenschaft ließe sich unmittelbar nur in einem Medium ausdrücken: der Musik. Dies sei Mozart mit seiner Oper „Don Giovanni“ in klassischer, d.h. nicht zu überbietender Weise geglückt. Eine literarische Gestaltung Don Juans müsse eine andere Verführerfigur erschaffen, den Stoff selbst verändern: „so eröffnet sich, wie ich glaube, erst die Aussicht auf eine bedeutungsvolle Auffassung des Don Juan, die ein Gegenbild zu dem musikalischen Don Juan bilden wird“ (130). Es ist dies der reflektierte Verführer. „Der unmittelbare Don Juan muß 1003 verführen, der reflektierte braucht nur eine einzige zu verführen, und was uns beschäftigt, ist, wie er es macht.“ (131).

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Anmerkungen

  1. 1.
    „Das Tagebuch des Verführers“ wird zitiert nach: Sören Kierkegaard, Entweder-Oder, hrsg. von Herman Diem und Walter Rest, übers. von Heinrich Fauteck, München 1975, S. 351–521. Das Motto findet sich dort auf S. 351.Google Scholar
  2. 2.
    Walther Rehm, Kierkegaard und der Verführer, München 1949, S. 122.Google Scholar
  3. 3.
    Vgl. zum folgenden Walther Rehm, Mottostudien. Kierkegaards Motti, in: ders., Späte Studien, Bern 1964; S. 215–248 (zuerst in: Helmut Höfling (Hrsg.), Beiträge zur Philosophie und Wissenschaft. Wilhelm Szilasi zum 70. Geburtstag, München 1960).Google Scholar
  4. 4.
    Zur Rolle der Buchmetaphorik vgl. Ernst Robert Curtius, Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter, 5. Aufl., Bern u. München 1948, Kap. 16, S. 306 ff.Google Scholar
  5. 6.
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  6. 9.
    Heinz-Georg Ortmanns hat nachgewiesen, daß der Teil A eine Radikalisierung und Durchführung der Phänomenologie des Ironischen aus der Dissertation darstellt. Die ästhetische Existenzform ist dann die ins Extrem getriebene ironische Haltung, vgl: Heinz-Georg Ortmanns, Die Ironie-Kritik bei Kierkegaard, Hegel und C. Schmitt. Staatsexamensarbeit (unveröffentlicht), Institut für Neue Deutsche Literatur, Universität Marburg 1983, S. 29 ff.Google Scholar
  7. 10.
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  8. 14.
    Vgl. z.B. Almut Tunker/Eva Stille, Zur Geschichte der Unterwäsche 1700–1960. Katalog der Ausstellung im Historischen Museum Frankfurt, Frankfurt/M. 1988, S. 67.Google Scholar
  9. 18.
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    Vgl. dazu auch Peter Szondi, Poetik und Geschichtsphilosophie, Bd. 1, Frankfurt/M. 1974, S. 116 ff.Google Scholar
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    Vgl. zum folgenden Walter Benjamin, Charles Baudelaire. Ein Lyriker im Zeitalter des Hochkapitalismus, in: ders., Gesammelte Schriften, hrsg. von Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser, Frankfurt/M. 1980, Bd. I/2, S. 509–690. Benjamins Analyse erweist sich immer noch als genauer als nachfolgende Untersuchungen, die sich auf seine Arbeiten stützen. So nimmt z.B.Google Scholar
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  20. Zum Kopenhagen der Zeit Kierkegaards vgl. Niels Thulstrup, The Copenhagen of Kierkegaard, Kopenhagen 1986 (= Bibiiotheca Kierkegaardiana, Bd. 11).Google Scholar
  21. 31.
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    Zum Begriff des Choks vgl. Benjamin, a.a.O. Karl Heinz Bohrer hat unter Bezugnahme auf Benjamin die Wahrnehmung im zeitlichen Modus der Plötzlichkeit als ästhetische Wahrnehmung der Moderne gekennzeichnet; vgl. Karl-Heinz Bohrer, Plötzlichkeit. Zum Augenblick des ästhetischen Scheins, Frankfurt/M. 1981, S. 43 ff. Vor diesem Hintergrund ließe sich die bedeutungstransformierende Strategie des Verführers auch als Versuch begreifen, die Erzeugung einer solchen ästhetischen Wahrnehmung zu beschreiben.Google Scholar
  26. 39.
    Zur Analyse des Interieurs vgl. Theodor W. Adorno, Kierkegaard. Konstruktion des Ästhetischen, in: ders., Gesammelte Schriften, hrsg. von Rolf Tiedemann, Bd. 2, Frankfurt/M. 1979, bes. Kap. II und III.Google Scholar
  27. 40.
    Vgl. Ute Arndt, Die Darstellung des Fremden bei Ida Hahn-Hahn, Magisterarbeit (unveröffentlicht), Literaturwissenschaftliches Seminar der Universität Hamburg 1987, S. 47 f.Google Scholar
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    Jean-Jacques Rousseau, Die Bekenntnisse, übers. von Alfred Semerau, München 1978.Google Scholar
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  30. 52.
    Johann Wolfgang von Goethe, Farbenlehre. Didaktischer Teil, § 802; zit. nach: ders., Werke, Hamburger Ausgabe, Bd. 13, 2. Aufl., Hamburg 1958, S. 501. Vgl. dazu auch Manthey, a.a.O., S. 394 ff.Google Scholar
  31. 55.
    Vgl. Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Wissenschaft der Logik I, in: ders., Sämtliche Werke, hrsg. von Hermann Glockner, Stuttgart 1927 ff., Bd. 4, S. 137 und ders., Vorlesungen über Ästhetik I, in: ebd., Bd. 12, S. 136 ff.Google Scholar
  32. Über den Bezug Kierkegaards auf Hegel an dieser Stelle gibt es in der Forschung unterschiedliche Positionen. Emanuel Hirsch z.B. (in: Sören Kierkegaard, Entweder-Oder, Gesammelte Werke, a.a.O., Abt. I, S. 509, Anmerkung 309) sieht darin nur eine possenhafte Verwendung Hegelscher Kategorien, bei denen ein Einzelnachweis niait lohne. Karin Pulmer, a.a.O., S. 117 ff. hingegen führt einen detaillierten Nachweis der Übereinstimmungen und kommt zu der Auffassung, daß der Verführer in das Hegeische System hineintäusche, indem er seine eigene subjektive Setzung verschleiere. Sie sieht in dieser Passage mehrere Bedeutungen: Zum einen eine theoretische Rechtfertigung des Verführers für sein Tun, zum anderen das spielerische Umwenden eines systematischen philosophischen Denkens, eine geistreiche Hegelparodie, die im Zusammenhang mit Kierkegaards Hegelkritik zu interpretieren sei. Zu Kierkegaards Verhältnis zu Hegel, auf das hier nicht weiter eingegangen werden kann, siehe auch Niels Thulstrup, Kierkegaards Verhältnis zu Hegel. Forschungsgeschichte, Stuttgart 1969.Google Scholar
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    Vgl. Jean-François Lyotard, Das Patchwork der Minderheiten. Für eine herrenlose Politik, Berlin 1977, S. 53.Google Scholar
  34. 59.
    Ovid, Metamorphosen (III/192 f.), hrsg. und übers. von Hermann Breitenbach, Zürich 1958, S. 167.Google Scholar
  35. 61.
    Giordano Bruno, Eroici Furori (Zwiegespräche vom Helden und Schwärmer), in: ders., Gesammelte Werke, hrsg. von L. Kuhlenbeck, Bd. 5, Jena 1907, S. 69–91 und 174–186.Google Scholar
  36. 64.
    Vgl. Hans Ehrenzeller, Studien zur Romanvorrede von Grimmeishausen bis Jean Paul, Bern 1955 (= Basler Studien zur deutschen Sprache und Literatur, Bd. 16), bes. S. 34.Google Scholar
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    Vgl. Wilhelm Vosskamp, Dialogische Vergegenwärtigung beim Schreiben und Lesen, in: Deutsche Vierteljahresschritt für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 45 (1971), S. 80–116, bes. S. 90 ff.CrossRefGoogle Scholar
  38. 67.
    In seiner Dissertation hatte Kierkegaard geschrieben: „Bei Tieck atme ich schon leichter, und wenn ich nun noch einmal auf die Lucinde zurückblicke, so ist mir, als ob ich aus einem beängstigenden, beunruhigenden Traume erwachte, in welchem ich in einem einzigen Augenblick die verführerischen Töne der Sinnlichkeit und das darin mitklingende wilde tierische Geheul vernommen (…).“ (Sören Kierkegaard, Über den Begriff der Ironie, a.a.O., S. 309 ff.) Kierkegaard verwendet auffällig häufig Zitate aus eigenen Schriften, so etwa auch aus seinen Tagebüchern. Z.B.: „Heirate oder heirate nicht, du wirst beides bereuen“ (Entweder-Oder, S. 49), ist Tagebuch-Notiz (ders., Die Tagebücher, hrsg. von Hayo Gerdes, Bd. 1, Düsseldorf 1962, S. 255). Dabei aber wertet er selbst seine Schriften als rein literarische Konstruktionen, nie als Ausdruck seiner Person, ebensowenig wie eines der Pseudonyme für ihn selbst spreche: „Ich bin nämlich unpersönlich oder persönlich in dritter Person ein Souffleur, der dichterisch Verfasser hervorgebracht hat, deren Vorwort wieder deren eigne Hervorbringung ist, ja deren Namen das sind.“ (ders., Gesammelte Werke, a.a.O., Abt. 16/II, S. 340; vgl. dazu auch Emanuel Hirsch, Kierkegaard-Studien, Gütersloh 1933, Bd. 1, S. 133 ff.) Wenn man das „Tagebuch des Verführers“ umstandslos aus dem Leben bzw. dem ‘realen’ Tagebuch Kierkegaards zu erklären sucht, dann unterschlägt man gerade das Spezifische des literarischen Verfahrens, auf das Kierkegaard hier aufmerksam macht. Im Unterschied dazu kommt es mir darauf an, dieses Verfahren erst einmal so genau wie möglich zu beschreiben. Erst auf dieser Grundlage wäre die Frage nach dem Verhältnis von Text und Biographie des Autors sinnvoll zu erörtern.Google Scholar
  39. 73.
    Vgl. Peter Boerner, Tagebuch, Stuttgart 1969 (dort auch weitere bibliographische Hinweise).Google Scholar
  40. 74.
    Ronald Grimsley, Sören Kierkegaard and French Literature. Eight Comparative Studies, Cardiff 1966, S. 26–44.Google Scholar
  41. 75.
    Vgl. Choderlos de Laclos, Schlimme Liebschaften, übertragen und eingeleitet von Heinrich Mann, Frankfurt/M. 1976. Der Roman wurde 1840 ins Dänische übersetzt. Kierkegaard dürfte ihn aber nicht gekannt haben; es fand sich zumindest kein Exemplar in seiner nachgelassenen Bibliothek; vgl.Google Scholar
  42. Niels Thulstrup (Hrsg.), Katalog over Sören Kierkegaards Bibliotek, Kopenhagen 1957.Google Scholar
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    Franz Kafka, Briefe an Milena. Erweiterte Neuausgabe, hrsg. von Jürgen Born und Michael Müller, Frankfurt/M. 1986, S. 315 f.Google Scholar
  44. Zum Verhältnis Kafkas zu Kierkegaard vgl. auch Franz Kafka, Briefe 1902–1924, hrsg. von Max Brod, Frankfurt/M. 1983, S. 235 und bes. S. 238 (Brief an Max Brod aus Zürau, Ende März 1918) undGoogle Scholar
  45. Wolfgang Lange, Über Kafkas Kierkegaard-Lektüre und einige damit zusammenhängende Gegenstände, in: Deutsche Vierteljahresschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 60 (1986), S. 286–308. Lange weist überzeugend nach, daß Kafkas Beschäftigung mit Kierkegaard seinen Grund nicht allein in biographischen Übereinstimmungen hatte, sondern daß Kafka vielmehr von Kierkegaards „ironische(m) Sprach- und Denkstil“ (286) fasziniert war.CrossRefGoogle Scholar

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  • Birgit Haustedt

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