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Geschichte in Geschichten

Zu einer Anekdote Kleists
Chapter

Zusammenfassung

Wie nicht zuletzt die Berliner Abendblätter verraten, hatte Heinrich von Kleist eine Vorliebe für Anekdoten. War die kleine variantenreiche Erzählform um 1800 sehr beliebt, so reicht sie von Herrscheranekdoten um Friedrich IL bis zur kunstvollen Kalendergeschichte eines Johann Peter Hebel. Reiz, Geltung und Popularität gewinnt die Anekdote daraus, daß sie ein bedeutendes, singuläres und vor allem wirkliches Ereignis zum besten zu geben verspricht.1 Wie aber kommt das Wirkliche zu Bedeutung? Wie treffen Wirklichkeit und Wissen zusammen? Treffen sie sich überhaupt? Die erste Anekdote, die Kleist am 2. Oktober 1810 in die Berliner Abendblätter unter der Rubrik »Tagesbegebenheiten« einrückt, ist solchen Fragen auf der Spur. Sie hat folgenden Wortlaut:

Dem Capitain v. Bürger, vom ehemaligen Regiment Tauenzien, sagte der, auf der neuen Promenade erschlagene Arbeitsmann Brietz: der Baum, unter dem sie beide ständen, wäre auch wohl zu klein für zwei, und er könnte sich wohl unter einen Andern stellen. Der Capitän Bürger, der ein stiller und bescheidener Mann ist, stellt sich wirklich unter einen andern: worauf der &c Brietz unmittelbar darauf vom Blitz getroffen und getödtet ward.«2

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Notizen

  1. 1.
    Vgl. hierzu grundsätzlich Heinz Grothe, Anekdote, Stuttgart 1984;Google Scholar
  2. Walter E. von Schäfer, Anekdotische Erzählformen und der Begriff Anekdote im Zeitalter der Aufklärung, in: Zeitschrift für deutsche Philologie 104 (1985), S. 185–204.Google Scholar
  3. 3.
    Sembdner, Helmut: Die Berliner Abendblätter Heinrich von Kleists, ihre Quellen und ihre Redaktion, Berlin 1939, S. 137.Google Scholar
  4. 5.
    Vgl. zum Konzept von ›Detail‹ Werner Hamacher: Über einige Unterschiede zwischen der Geschichte literarischer und der Geschichte phänomenaler Ereignisse, in: Historische und aktuelle Konzepte der Literaturgeschichtsschreibung, hg. v. W. Vosskamp u. E. Lämmert, Tübingen 1986, S. 5–15, in: Akten des VII. Internationalen Germanisten-Kongresses, Göttingen 1985. Kontroversen, alte und neue, hg. v. A. Schoene, Bd. 11.Google Scholar
  5. 7.
    Goethe, Johann Wolfgang von: Dichtung und Wahrheit, in: Werke, Hamburger Ausgabe, hg. v. E. Trunz, Bd. 9, München 1988, S. 281.Google Scholar
  6. 9.
    Zit. n. Hermann Hengst, Die Ritter des schwarzen Adlerordens, Braunschweig 1901, S. 408.Google Scholar
  7. 10.
    Die Verzweigungen lassen sich weiter ausführen. So taucht in Lessings Nathan der Weise das Gleichnis von zwei Bäumen auf, die, wenn sie zu eng zusammenstehen, sich die Äste zerschlagen (G. E. Lessing, Nathan der Weise, in: Werke in 3 Bänden, hg. v. H. G. Göpfert, München und Wien 1982, Bd. I, S. 641). Mit diesem Gleichnis wiederum ist das Verhältnis zwischen Kant und dem dreißig Jahre jüngeren Christian Jakob Kraus charakterisiert worden, der seinerseits Gegenstand einer von Adam Müller am 12. Dezember 1810, also zwei Tage nach Erscheinen der in Rede stehenden Anekdote Kleists, gewesen ist. Die Anregung stammt von Kurt Röttgers.Google Scholar
  8. Vgl. Kurt Röttgers, Zwei Königsberger ›Bäume‹, in: Sozialphilosophie: Macht. Seele. Fremdheit, Hagen 1998.Google Scholar
  9. 11.
    Humboldt, Wilhelm von: Über die Aufgabe des Geschichtsschreibers, in: Werke in fünf Bänden, hg. v. A. Flitner u. K. Giel, Bd. I, Darmstadt 1966, S. 591; vgl. hierzu Hamacher, Unterschiede, S. 12.Google Scholar
  10. 12.
    Hier trifft sich meine Lektüre mit Überlegungen wie sie Joel Fineman im Hinblick auf die Korrespondenz zwischen dem methodischen Verfahren und Interesse des »New Historicism« und dem Genre ›Anekdote‹ hergestellt hat. Vgl. Joel Fineman, The History of the Anecdote: Fiction and Fiction, in: The New Historicism, hg. v. H. Aram Veeser, New York/London 1989, S. 49–76.Google Scholar

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© Springer-Verlag GmbH Deutschland 1999

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