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Ein Prometheus im Schriftstellen?

Lukians Gattungspoetik im Spiegel des Mythos
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Zusammenfassung

Die vier großen Auftritte des Prometheus in der klassischen griechischen Literatur markieren zentrale Momente ihrer Gattungsgeschichte; zugleich durchläuft die mythische Figur in diesen Werken eine Kurve von Aufstieg und Verfall. Im theogonischen Epos des Hesiod als trickreicher Titan in die schriftliche Überlieferung eingeführt, kehrt Prometheus bei Aischylos als tragischer Held wieder. In Piatons philosophischem Dialog setzt Protagoras den Mythos als Mittel der Beweisführung ein: Um gegen Sokrates zu demonstrieren, daß die höchste bürgerliche Tugend (areté) ein Geschenk des Zeus an die Menschen sei, in dessen Gebrauch sie freilich von den Sophisten unterrichtet werden müssen, zieht er Prometheus den Mythos unter den Füßen weg. In einer Komödie des Aristophanes verrät der vollends zur lächerlichen Figur gewordene Rebell die Macht des Olymp an den Vogelstaat »Wolkenkuckucksheim«. — Philosophischen Dialog und Komödie, zwei diametral entgegengesetzte Gattungen, zu einer neuen und schönen Form verschmolzen zu haben, schrieb sich der Satiriker Lukian (ca. 120–180 n. Chr.) als ureigenes Verdienst zu.1 Von einem athenischen Kritiker wurde er deshalb gerühmt, ein »Prometheus im Schriftstellen« zu sein. In einem Brief, mit dem Lukian auf das Bonmot reagiert, setzt er alles daran, den Vergleich mit dem Titanen ironisch abzuwehren — und ihn schließlich doch zu akzeptieren.2

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Notizen

  1. 1.
    Zu Lukian vgl. bes. Jacques Bompaire, Luden écrivain. Imitation et création, Paris 1958, sowie den 1. Band der im Entstehen begriffenen griechisch-französischen Gesamtausgabe: Lucien, Œuvres.Google Scholar
  2. Texte établi et traduit par J. Bompaire, tome 1, Introduction générale, Paris 1993, S. XI–CLXIV.Google Scholar
  3. 2.
    Lukian: Prometheus. An jemand, der ihn einen Prometheus im Schriftstellen genannt hatte, in: Werke in drei Bänden. Aus dem Griechischen übersetzt v. Christoph Martin Wieland, hg. v. Jürgen Werner u. Herbert Greiner-Mai, Bd. 3, Berlin/Weimar 1974, S. 340–344; vgl. auch die griechisch-englische Ausgabe des Textes in: Lucian. With an English Translation by K. Kilburn, Bd. 6, Cambridge (Mass.)/London 1959, S. 418–427.Google Scholar
  4. 3.
    Aischylos: Der gefesselte Prometheus. Übersetzung u. Nachwort von Walther Kraus, Stuttgart 1965, S. 20.Google Scholar
  5. 4.
    Zur Literaturtheorie Lukians vgl. die Habilitationsschrift von Martin Weissenberger, Literaturtheorie hei Lukian, Stuttgart/Leipzig 1996;CrossRefGoogle Scholar
  6. Eugen Braun, Lukian. Unter doppelter Anklage, Frankfurt a. M. 1994, bes. S. 349–358.Google Scholar
  7. 5.
    Zur Wirkungsgeschichte vgl. Christopher Robinson, Lucian and his influence in Europe, London 1979; zu Wieland bes. S. 157–163;Google Scholar
  8. Gerhard Braunsperger, Aufklärung aus der Antike: Wielands Lukianrezeption in seinem Roman »Die geheime Geschichte des Philosophen Peregrinus Proteus«, Frankfurt a. M. 1993, bes. S. 15–25.Google Scholar
  9. 6.
    Vgl. Hans Blumenberg, Arbeit am Mythos, Frankfurt a. M. 1979, S. 374;Google Scholar
  10. Eberhard Lämmert, Die Entfesselung des Prometheus. Selbstbehauptung und Kritik der Künstlerautonomie von Goethe bis Gide, in: Literarische Symbolfiguren. Von Prometheus bis Svejk. Beiträge zu Tradition und Wandel, hg. v. Werner Wunderlich, Bern/Stuttgart 1989, S. 17–36.Google Scholar
  11. 7.
    Wieland, Christoph Martin: Ueber Lucians Lebensumstände, Charakter und Schriften, in: Lucian von Samosata, Sämtliche Werke, Bd. 1, Leipzig 1788–1789/Darmstadt 1971, S. III–XLVI; hier: S. XLII–XLIII.Google Scholar
  12. 15.
    Der Satiriker Menippos von Gadara (um 280 v. Chr.), den Lukian als frühen Miterfinder der neuen Prosaform gelten ließ, wird nicht erwähnt. Vgl. R. Helm, Lucian und Menipp, Leipzig 1906; E. Braun, Lukian, S. 356 ff.Google Scholar
  13. 19.
    Ähnlich wie Blumenberg vom »Herunterspielen« (z.B. Arbeit am Mythos, S. 351), spricht R. Bracht Branham vom »playing off«: »By playing off a special background of inherited forms and preconceptions, the humor of Lucian’s masks galvanizes a common sensibility; in the momentary recognition of that common ground of shared perspectives that alone enables the humor, a community acknowledges itself« (R. Bracht Branham, Unruly Eloquence. Lucian and the Comedy of Traditions, Cambridge (Mass.)/London 1989, S. 213–214).CrossRefGoogle Scholar

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