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Maria und andere Ufos, oder: Der Erzählforscher

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Zusammenfassung

»Ich glaube, so um halb eins soll es sein«, erzählt einer, ein anderer aber meint, schon »um halb elf oder halb zwölf soll es kommen«.1 Nur eines ist sicher: Am 17. März 1949 geht die Welt unter. Das weiß man in den Tagen zuvor jedenfalls in der Region Südhannover. Die Bewohner von Göttingen, Duderstadt und Hannoversch Münden zittern und zagen: Atombomben oder Wirbelstürme, fürchtet man, geben der kriegsmüden Welt den Rest; mancher prophezeit Flugzeuge mit Todesstrahlen oder gleich die Spaltung der Erde. Geisteswissenschaftler, wird berichtet, glauben eher an die Apokalypse als Physiker, die »zu nüchternerem Denken« neigen. Auch die Sterne spielen mit; Sonne, Mars und Uranus oder Mond, Sonne und Uranus oder Jupiter, Mond und Sonne oder Mars, Sonne und Mond »kommen irgendwie zusammen« zum astrologischen Super-GAU. Sterndeuterisches, astronomisches und nukleares »Wissen« vermischen sich in der Erzählung von der nahen Apokalypse: »Von einem Stern bricht ein Stück ab und fällt auf die Erde, dadurch entsteht eine Kettenreaktion, infolge deren die Welt innerhalb von 24 Stunden vergeht. Atombomben werden auf dieses Sternstück geworfen. Sie vernichten dabei Niedersachsen.« Wer dem ins Auge blickt, muß sich wappnen; viele investieren ihr letztes Geld in Alkohol. Endlich dann ist es soweit: Am 17. März besteigen verängstigte Bürger die bescheidenen Hügel, Anhöhen, Mittelgebirge ihres Landes, um der drohenden Sündflut zu entgehen.

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Notizen

  1. 1.
    Dieck, Alfred: Der Weltuntergang am 17. März 1949 in Südhannover. Ein Beitrag zur Erforschung von Gerüchten, in: Archiv für Landes- und Volkskunde von Niedersachsen 20 (1950), S. 704–720, 711; die folgenden Zitate zu diesem Fall ibid., S. 719, 713, 708, 706, ibid.Google Scholar
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    Wenn nicht anders angegeben, folge ich hier Angelika Greß, Treibhaus im Winter. Lourdes in der frankophonen Literatur, Frankfurt a. M. 1996.Google Scholar
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© Springer-Verlag GmbH Deutschland 1999

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