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Mach keine Geschichten

Die Historie und der Trost des Erzählens in Jurek Beckers »Jakob der Lügner«
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Zusammenfassung

»Die Sachen selbst sprechen nicht, wir lassen sie sprechen.«1 Niemand kann Droysens Dictum so sprechend machen wie Eberhard Lämmert. Er verfolgt eine mit der Aufklärung einsetzende Entwicklung: Wenn die Geschichte keine Heilsgeschichte mehr ist, ihre Quellen und die Interessen ihrer Darstellung kritisch befragt werden müssen, ihr Erzähler sich nicht mehr allwissend geben kann, schlägt die Stunde einer narrativen Selbstreflexion, welche die Geschichtsschreibung mit der Epik verbindet wie konkurrieren läßt. Zum Sprechen bringt die Sachen erst, wer sie zu Daten erhebt, indem er sie sichtet und konfiguriert. Der Befürchtung, die Masse des Tradierten könne der erzählerischen Imagination den Raum verstellen, begegnet der historische Roman dadurch, daß er diese Masse als eine nicht-kompakte auffaßt, die erst durch ihre epische Motivation zu einer erzählenswerten Geschichte wird. Darin besteht der Spielraum für »diese Dichtung«, die, so Arnim über den ersten Teil seiner Kronenwächter (1817), »sich keineswegs für eine geschichtliche Wahrheit, sondern für eine geahndete Füllung der Lücken in der Geschichte, für ein Bild im Rahmen der Geschichte (gibt)«.2

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Notizen

  1. 1.
    Zit. n. Eberhard Lämmert, Geschichten von der Geschichte. Geschichtsschreibung und Geschichtsdarstellung im Roman, in: Poetica 17 (1985), S. 228–254, hier: S. 254.Google Scholar
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© Springer-Verlag GmbH Deutschland 1999

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