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Topoi der historisierenden Aufführungspraxis

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Zusammenfassung

Zum besseren Verständnis der Wege, die zur heutigen Bach-Interpretation geführt haben, ist es ratsam, zunächst die entscheidenden Topoi und Kriterien beim Widerstreit der beiden konträren Lager zu benennen. Dieser seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bestehende Widerstreit basierte auf der Tatsache, dass nicht wenige Musiker „Entstellungen der Musik Bachs“ konstatierten und sich damit nicht zufrieden geben wollten. Folgerichtig sind sie bis heute auf der Suche nach „der vom Schöpfer erträumten Realisierung“ geblieben.14 Die Argumente pro und contra haben sich nicht fundamental geändert, sie werden immer wieder, nur in anderen Worten, seit fast 150 Jahren diskutiert, wobei es freilich zu keinem Konsens kommen kann. Denn der Ausgangspunkt aller Kontroversen besteht darin, dass wir ein unreflektiertes Verhältnis zu den Kompositionen Bachs, zur Alten Musik schlechthin, nie gehabt haben und nie wieder zurückgewinnen können. Statt also den Wechsel des Aufführungsstils völlig pragmatisch mit dem Wechsel von Moden zu erklären, haben seit diesen anderthalb Jahrhunderten Musiker immer wieder versucht, ihren neuen Stil mit Hilfe einer hermeneutischen Umsetzung von historischen Anweisungen und Beschreibungen zu legitimieren. John Eliot Gardiners Statement, „was historisch falsch ist, ist in neun von zehn Fällen auch ästhetisch falsch“, zielt auf das heute allgemein verbreitete ästhetische Bewusstsein. Gardiners 10 %-Klausel gestattet dem unter dem Druck der Authentizitätsverpflichtung stehenden Musiker einerseits, die vage gehaltenen historischen Traktate in seinem Sinne zu lesen und etwaige Abweichungen seines Vortrages zu legitimieren — sofern er der Fraktion der historisierenden Aufführungspraxis zugehört —, andererseits aber auch, sich innerlich von dem bewussten Traditionsverständnis zu lösen und im gegenwartsästhetischen Sinne zu musizieren.

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Notizen

  1. 14.
    Camille Saint-Saëns: Musikalische Reminiszenzen. Leipzig: Reclam 1978, S. 141 (Französischer Originaltext in: Ders.: Harmonie et Mélodie, Paris 1885.)Google Scholar
  2. 17.
    Alice Ehlers: The value of the harpsichord in musical education. In: The musical times. 78 (1937) No. 1134, S. 698.Google Scholar

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