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Die Zeichen der Melancholie und das Licht der Vernunft

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Zusammenfassung

Dieses Kapitel unterscheidet sich von den vorausgegangenen dadurch, daß es, obwohl die Rede von Melancholie im 18. Jahrhundert inflationär zunimmt, kein neues Konzept, keinen paradigmatischen Text vorzustellen hat. Der Melancholiediskurs der Aufklärung ist gekennzeichnet durch Neubesetzung der überkommenen aristotelischen und galenischen Modelle1 und ihre systematisierende Festschreibung. Foucault2 hat darauf hingewiesen, daß Melancholie und Manie nicht mehr auf die kausale Substanz eines Körpersaftes zurückgeführt werden, sondern daß aus der Bildqualität der schwarzen Galle eine Palette von Eigenschaften des Melancholikers für »ein bestimmtes Profil der Traurigkeit, der Schwärze, der Langsamkeit und der Unbeweglichkeit«3 hervorgeht. Dies ist ein Ergebnis weniger der Beobachtung von Symptomen, sondern auf »Landschaften der Vorstellungskraft« und wahrnehmungsstrukturelle Systemzwänge zurückzuführen.4 Damit ist zwar nicht unbedingt ein Spezifikum des 18. Jahrhunderts beschrieben, sondern eine schon früher zu beobachtende Erscheinung benannt, richtig aber ist, daß die attributive Zuweisung und Ausfaltung von Eigenschaften, die den Melancholiker aufgrund seiner topischen Traditionalität in besonderer Weise trifft, mit neuen Wertungs- und Machtansprüchen auftritt.

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Notizen

  1. 2.
    Vgl. Michel Foucault, Wahnsinn und Gesellschaft. Eine Geschichte des Wahns im Zeitalter der Vernunft, aus dem Franz. von Ulrich Köppen, Frankfurt a. M. 1973, 268 ff.Google Scholar
  2. 11.
    Vgl. Norbert Elias, Über den Prozeß der Zivilisation. Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen, 2 Bde., Frankfurt a. M. 1981 f., II, 236 ff.Google Scholar
  3. 20.
    (Karl Krolow, Gesammelte Gedichte, Bd. II, Frankfurt a. M. 1975, 220.)Google Scholar
  4. 21.
    Kritisch zuvor schon Gerhart v. Graevenitz, »Innerlichkeit und Öffentlichkeit. Aspekte deutscher ›bürgerlichen Literatur im frühen 18. Jahrhundert«, DVjs, 49 (1975), Sonderheft 18. Jahrhundert, 1–82, 76.Google Scholar
  5. 45.
    Vgl. dazu Immanuel Kant, Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen, in: Werke in zehn Bänden, hrsg. von Wilhelm Weischedel, Darmstadt 1963, I, 821–884, 839 ff.Google Scholar
  6. 48.
    Vgl. Lothar Müller, Die kranke Seele und das Licht der Erkenntnis. Karl Philipp Moritz’ Anton Reiser, Frankfurt a. M. 1987, 88 ff.Google Scholar
  7. 51.
    vgl. auch Hartmut Böhme und Gernot Böhme, Das Andere der Vernunft. Zur Entwicklung von Rationalitätsstrukturen am Beispiel Kants, Frankfurt a. M. 1983, 406.Google Scholar
  8. 52.
    Vgl. Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher, Schriften und Briefe, hrsg. von Franz H. Mautner, 4 Bde., Frankfurt a. M. 1983, I, 63–526, 407 (J 673);Google Scholar
  9. 60.
    Vgl. Ulrich Nassen, »Trübsinn und Indigestion — Zum medizinischen und literarischen Diskurs über Hypochondrie im 18. Jahrhundert«, Fugen. Deutsch-Französisches Jahrbuch für Text-Analytik, 1 (1980), 171–186, 180.Google Scholar
  10. 68.
    Vgl. Adam Bernd, Ursachen, warum A4. Bernd seine bisher herausgegebene Lebens-Beschreibung nicht fortzusetzen gesonnen, [Leipzig 1745], 198.Google Scholar
  11. 72.
    Götz Müller, »Die Einbildungskraft im Wechsel der Diskurse. Annotationen zu Adam Bernd, Karl Philipp Moritz und Jean Paul«, in: Der ganze Mensch. Anthropologie und Literatur im 18. Jahrhundert. DFG-Symposion 1992, hrsg. von Hans-Jürgen Schings, Stuttgart, Weimar 1994, 697–723, 704, 707.Google Scholar
  12. 73.
    Vgl. Martina Wagner-Egelhaaf, »Melancholischer Diskurs und literaler Selbstmord. Der Fall Adam Bernd«, in: Gabriela Signori (Hrsg.), Trauer, Verzweiflung und Anfechtung. Selbstmord und Selbstmordversuche in mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Gesellschaften, Tübingen 1994, 282–310.Google Scholar
  13. 78.
    Vgl. Giovanni Battista Vico, Prinzipien einer neuen Wissenschaft über die gemeinsame Natur der Völker, Teilbd. II, übers, von Vittorio Hösle und Christoph Jermann und mit Textverweisen von Christoph Jermann, mit einer Einleitung (im Teilbd. I) von Vittorio Hösle, Hamburg 1990, 397 f.Google Scholar
  14. 82.
    M. Adam Bernds Fortsetzung seiner eigenen Lebens-Beschreibung, in: M. Adam Bernds Abhandlung von Gott und der Menschlichen Seele und derselben natürlichen, und sittlichen Verbindung mit dem Leibe; wobey zugleich einige Sätze der heutigen Weltweisen untersucht werden, ob, und wiefern dieselbigen mit der Heiligen Schrifft streiten; samt angehängter Fortsetzung Seiner eigenen Lebens-Beschreibung, Leipzig 1742.Google Scholar
  15. 84.
    Zu Zimmermanns Konservatismus vgl. Edith Rosenstrauch-Königsberg, »Die Denunziation der Aufklärung durch Johann Georg Zimmermann. Zimmermanns Mémoire an Kaiser Leopold II. (Jahreswende 1791/92)«, in: »Sie, und nicht Wir«. Die Französische Revolution und ihre Wirkung auf Norddeutschland und das Reich, 2 Bde., hrsg. von Arno Herzig, Inge Stephan und Hans G. Winter, Hamburg 1989, I, 227–243.Google Scholar
  16. 85.
    Vgl. Johann Georg Zimmermann, Ueber die Einsamkeit, 4 Teile, Carlsruhe 1784 f., II, 156, 216, 217; IV, 38, 41, 263 (Nachweise künftig im Text).Google Scholar
  17. Jean-Jacques Rousseau, Les rêveries du promeneur solitaire (1782).Google Scholar
  18. 86.
    Vgl. Aleida Assmann, »Vae Soli. Über die Entdeckung sozialer Tugenden in der frühen Neuzeit«, in: Festschrift Walter Haug und Burghart Wachinger, 2 Bde., Tübingen 1993, I, 87–102, 88, Anm. 1.Google Scholar
  19. 87.
    Vgl. Werner Milch, Die Einsamkeit. Zimmermann und Ohereit im Kampf um die Überwindung der Aufklärung, Frauenfeld, Leipzig 1937, 31.Google Scholar
  20. 88.
    Zur Systematik des Werks vgl. auch Gerhart v. Graevenitz, Eduard Mörike. Die Kunst der Sünde. Zur Geschichte des literarischen Individuums, Tübingen 1978, 32.Google Scholar

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© Springer-Verlag GmbH Deutschland 1997

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