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Magi und Litterati: Die Melancholie der Gelehrten. Marsilio Ficino

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Zusammenfassung

Die Melancholiereflexion des Mittelalters zeichnet sich auf der einen Seite durch ein Weiterleben der antiken medizinischen Tradition aus. Es sind vor allem die hippokratischen und die galenischen Schriften, die durch byzantinische Autoren wie Oribasius von Pergamon, Alexander von Tralleis und Paulus von Aegina in kompilatorischer Form dem Mittelalter überliefert werden.1 Die pseudo-aristotelische Position der genialen Melancholie gerät in den Hintergrund; sie lebt vor allem im gelehrten Zitat weiter, das »mehr der Vollständigkeit halber denn aus Überzeugung«2 angeführt wird. Auf der anderen Seite tritt ein neues, nicht mehr medizinisch, sondern theologisch fundiertes Paradigma auf den Plan, das Konzept der ακηδία, das vor allem die Situation der anachoretischen Mönche reflektiert und erstmals bei Evagrius Ponticus (345–399) ausführlicher erörtert wird.3 ακηδία bezeichnet den lähmenden geistigen Zustand des von sinnlicher Anfechtung heimgesuchten einsamen Mönchs. Man führte die ακηδία auf die Wirksamkeit eines Mittagsdämons zurück, da man sie insbesondere zur Mittagsstunde auftreten sah, zu einem Zeitpunkt also, zu dem die Sonne und mit ihr die Welt erbarmungslos stillzustehen schien. Bader hat die ακηδία als ein »Nichtlesenkönnen«4 interpretiert, d.h. als Verlust der vom Gläubigen geforderten Lesbarkeit der Welt als heiliger Text, als solche ist sie »Unfähigkeit zur Metapher«5. Bald schon aber beginnen sich Melancholie und ακηδία konzeptuell und terminologisch zu durchmischen, und man beginnt, auch die ακηδία physiologisch zu betrachten und umgekehrt Fälle von Melancholie ακηδία zu nennen.6

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Notizen

  1. 3.
    vgl. auch die Arbeit von Rainer Jehl, Melancholie und Acedia. Ein Beitrag zu Anthropologie und Ethik Bonaventuras, Paderborn, München, Wien, Zürich 1984.Google Scholar
  2. 8.
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    Vgl. Hildegard von Bingen, Ursachen und Heilungen, in: Schriften der Heiligen Hildegard von Bingen, ausgewählt und übertragen von Johannes Bühler, Leipzig 1922, 40–126, 63 f., 68.Google Scholar
  4. 15.
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  5. 16.
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  6. 17.
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  7. 20.
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  9. 28.
    Vgl. Paul Oskar Kristeller, »Die mittelalterlichen Voraussetzungen des Renaissancehumanismus«, in: ders., Acht Philosophen der italienischen Renaissance. Petrarca, Valla, Ficino, Pico, Pomponazzi, Telesio, Patrizi, Bruno, übers, von Elisabeth Blum, Weinheim 1986, 125–140, 127 ff.Google Scholar
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  11. 32.
    Vgl. Wilhelm Kahl, »Die älteste Hygiene der geistigen Arbeit. Die Schrift des Marsilius Ficinus De vita sana sive de cura valetudinis eorum, qui incumbunt studio litterarum (1482)«, Neue Jahrbücher für das klassische Altertum, Geschichte und deutsche Literatur und für Pädagogik, 18 (1906), 482–491, 525–546, 599–619, 537.Google Scholar
  12. 38.
    Marsilio Ficino, Lettere, I: Epistolarum familiarum liber I, a cura di Sebastiano Gentile, Istituto nazionale di studi sul rinascimento, Firenze 1990, 182 f.Google Scholar
  13. 63.
    Zur Schöpfermetaphorik des Autors vgl. E.N. Tigerstedt, »The Poet as Creator. Origins of a Metaphor«, Comparative Literature Studies, 5 (1968), 455–488.Google Scholar
  14. Vgl. auch Jürgen Fohrmann, »Dichter heißen so gerne Schöpfer. Uber Genies und andere Epigonen«, Merkur, 39/11 (1985), 980–989, der die Konzeption vom Dichter als Schöpfer für den deutschsprachigen Bereich erst im ausgehenden 18.Google Scholar
  15. 65.
    vgl. insbes. Günter Bandmann, Melancholie und Musik. Ikonographische Studien, Köln, Opladen 1960 undCrossRefGoogle Scholar
  16. Jean Starobinski, Histoire du traitement de la mélancolie des origines à 1900, Basel 1960, 72 ff.Google Scholar
  17. 72.
    Vgl. auch André Chastel, Marsile Ficin et l’art, Geneve 1975, 163Google Scholar

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