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Einleitung

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Zusammenfassung

In The Devil’s Dictionary, einem sarkastischen Wörterbuch, das der amerikanische Schriftsteller Ambrose Bierce in einer Zeitungskolumne zwischen 1875 und 1906 veröffentlichte, findet sich unter dem Stichwort Opiat die folgende Definition: „Eine aufgesperrte Tür im Kerker der Identität. Sie führt in den Gefängnishof.“1 Der Gehalt dieser Worte ist gewiß nicht tiefgründig, sondern entspricht eher dem feuilletonistischen Standard des „Geistreichen“; dennoch umreißt er recht treffend das problematische Verhältnis zwischen der gesellschaftlichen Realität unserer modernen westlichen Kultur und der „anderen“ Realität des Drogenrausches. So verweist die Definition darauf, daß es ein menschliches Bedürfnis gibt, die eigene Individualität als eine Beschränkung des Geistes zu überwinden, und daß der Versuch dieser Überwindung von der Gesellschaft bestraft wird. Gemeint ist damit natürlich zunächst die Kriminalisierung des Drogenkonsumenten, dessen freier Gebrauch von Opiaten als Verstoß gegen bestimmte Betäubungsmittelgesetze geahndet wird. Darüber hinaus wird aber auch impliziert, daß der gesetzliche Zwang Ausdruck und Folge einer grundlegenden Furcht vor dem Anderen ist, durch die sich die Gesellschaft veranlaßt sieht, all jene, die aus ihrem Gefüge auszubrechen versuchen, mit einem Bannspruch zu belegen. Denn wer sich auf die Suche nach einer anderen Realität begibt, konstatiert die Unzulänglichkeit der bestehenden und zieht damit die Gültigkeit der gesellschaftlichen Existenzgrundlagen in Zweifel. Es ist ein blanker Selbsterhaltungstrieb, der die Gesellschaft gegen den durch solche Zweifel drohenden kollektiven Sinnverlust vorgehen läßt, indem sie sozusagen ihre Republikflüchtlinge mit einer Ächtung belegt, so wie sie auch ihre Kranken und selbst die Toten in besondere Reservate einweist und dadurch gewissermaßen exkommuniziert.

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Anmerkungen

  1. 1.
    Bierce (1993), p.88. — Fremdsprachige Zitate werden in diesem Buch mit Rücksicht auf einen breiteren Leserkreis weitgehend in deutscher Übersetzung wiedergegeben. Informationen über die benutzten Übersetzungsausgaben sind dem Literaturverzeichnis zu entnehmen. Bei den Quellenangaben wird erst die Seitenzahl des Originals und dann die der deutschen Ausgabe genannt. Bei Zitaten, die ich selbst übersetzt habe, ist nur die Seitenzahl des Originals angegeben. — Zu dem Zitat von Bierce vgl. auch Kesting (1973), pp. 17 ff. Kesting nimmt die Definition zum Anlaß, auf Piranesi und de Sade hinzuweisen, die als erste „dieses Thema der unendlichen Projektion im Gefängnis des Ich in traumhaften Phantasmagorien formulierten.“Google Scholar
  2. 2.
    Ähnlich äußert sich der Psychologe Ronald D. Laing unter dem Hinweis auf Herbert Marcuses Schrift Der eindimensionale Mensch (1967): „Unsere Zivilisation unterdrückt nicht nur die ‚Triebe‘, nicht nur die Sexualität, sondern jede Form der Transzendenz. Unter eindimensionalen Menschen überrascht es nicht, daß jemand mit der eindringlichen Erfahrung anderer Dimensionen, die er nicht völlig leugnen oder vergessen kann, das Risiko eingeht, entweder von den anderen vernichtet zu werden oder das, was er weiß, zu verraten.“ (Laing [1972], p. 11.)Google Scholar
  3. 3.
    Jünger, Ernst: Annäherungen. Drogen und Rausch [A], p.48. — „Der Raub an der Gesellschaft wird nun spürbar, den wir mit solchem Exzeß begehen“, schreibt Jünger auch an anderer Stelle. „‚Excedo‘ — ich gehe hinaus, ich entferne mich, und zwar sowohl aus der eigenen Begrenzung wie aus dem sozialen Geheg. Excessus ist die Ausschreitung. Damit droht früher oder später exclusio, die Ausschließung.“ [A 208]Google Scholar
  4. 4.
    Schneider (1964), p. 147. — Über das Fantastische schreibt Jackson: „In einer Kultur, die das ‚Wirkliche‘ mit dem ‚Sichtbaren‘ gleichsetzt und dem Auge eine Vorherrschaft über alle anderen Sinnesorgane zuspricht, ist das Un-Wirkliche das, was un-sichtbar ist. Was nicht sichtbar ist oder sich dem Blick zu entziehen droht, kann innerhalb eines epistemologischen und metaphysischen Systems, das ‚Ich sehe‘ als ein Synonym von ‚Ich verstehe‘ definiert, nur eine subversive Funktion übernehmen. Erkenntnis, Wissen, Vernunft werden durch das Vermögen des Blickes, durch das ‚Auge‘ und das ‚Ich‘ des menschlichen Subjekts begründet, dessen Beziehung zu den Gegenständen durch sein Gesichtsfeld geprägt ist. In der fantastischen Kunst können die Gegenstände nicht ohne weiteres durch den Blick erfaßt werden: die Dinge entziehen sich dem Auge und Ich, das sie sich aneignen will und erscheinen darum verzerrt, in Auflösung begriffen, fragmentarisch und tauchen ab ins Unsichtbare.“ (Jackson [1981], pp. 45/46)Google Scholar
  5. 5.
    Klages (1981), p. 69.Google Scholar
  6. 6.
    Dabei wurde aber empfohlen, Besitzern einer bloß geringen Drogenmenge, sofern die Absicht des Weiterverkaufs auszuschließen sei, die Strafverfolgung zu ersparen. Was indessen unter einer „geringen“ Menge zu verstehen ist, wurde auch durch das jüngste Cannabis-Urteil des Lübecker Landgerichts nicht definitiv geklärt; dort gilt zwar eine Menge von bis zu drei Kilogramm der Droge (sofern sie nach ihrem THC-Gehalt von „mittlerer“ Qualität ist) als gering, dennoch bleibt die Entscheidung dieser Frage auch weiterhin dem jeweiligen Ermessen der Gerichte überlassen. (Vgl. u.a. Drieschner [1994], p. 90.) In der Öffentlichkeit wurde die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts vielfach als eine Legalisierung von Cannabisprodukten mißverstanden. Tatsächlich ist der Besitz von Haschisch und Marihuana in der Bundesrepublik aber nach wie vor strafbar.Google Scholar
  7. 7.
    Vgl. die kritische Haltung zum „Recht auf den Rausch“ in Täschner (1994), pp. 49 ff.Google Scholar
  8. 8.
    Schweppenhäuser (1979), pp. 14/15.Google Scholar
  9. 9.
    Das Wort ist hier mit Bedacht gewählt: De Quincey führte den Begriff des „Pariah“, des Angehörigen der niedrigsten Stufe im indischen Kastensystem, als ein Synonym für das isolierte Individuum ein; in diesem Sinn wurde er u.a. von Baudelaire und Lowry aufgegriffen. — Über Verlaines Essayband vgl. Burch (1961).Google Scholar
  10. 10.
    Abrams (1976), p. 103. — Weniger glücklich ist dagegen die Auffassung von Mario Praz, der den Begriff des poète maudit als eine Synonymbezeichnung für die Vertreter der literarischen Décadence versteht (vgl. Praz [1969], p. 76). Tatsächlich waren doch viele Autoren jener ästhetischen Schule des Fin de siècle bloß claqueurs, die keineswegs, wie es bei Huysmans heißt, a rebours („gegen den Strich“) lebten und dachten, sondern mit dem Strom schwammen und die gefeierten Vorbilder nur in den äußerlichen Details kopierten: Diese mit Baudelaire oder Rimbaud unter dem gemeinsamen Etikett des poète maudit zu führen, würde den echten Leiden und der Originalität jener Letzteren sicher nicht gerecht, zumal derjenige, der dem jeweils Modischen folgt, einen Weg des geringen Widerstandes geht und somit die Leidensbereitschaft nicht, wie der poète maudit, als Conditio sine qua non der Poesie anerkennt.Google Scholar
  11. 11.
    Huxley, Aldous: Island [I], p. 129.Google Scholar
  12. 12.
    Wenn es Wirklichkeitssinn gibt, so läßt Robert Musil seinen Protagonisten in dem Roman Der Mann ohne Eigenschaften überlegen, dann muß es auch einen Möglichkeitssinn geben, der das gestattet, was unserem gewöhnlichen Wirklichkeitsverständnis wie eine Quadratur des Kreises erscheint: eine Seinsform, die darauf gründet, daß das Mystische, das Unsagbare, das Unbewußte mit klarem Verstand und vollem Bewußtsein erkannt und erfahren wird. Das ungeschmälerte ekstatische Einheitserleben der unio mystica, gepaart mit einer ebenfalls uneingeschränkt operierenden Vernunft, die ihm durch den bewußten Erkenntnisakt Dauer verleiht — dies ist Musils Utopie des „anderen Zustands“. Diesem Ideal im menschlichen Dasein so nahe wie möglich zu kommen, also eine fast absolute Wirklichkeit zu erschaffen (oder doch wenigstens eine bessere als die herkömmliche ist), ist das sehnsüchtige Anliegen, das die Rauschautoren mit dem allgemeinen Streben der Moderne verbindet. Ein Beispiel für diese Gemeinsamkeit zeigt das Werk Ingeborg Bachmanns, das u.a. deutlich durch die Lektüre Wittgensteins und Musils geprägt ist. So gibt das große Ziel von Bachmanns Prosa — die Begründung einer neuen Sprache, die eine neue Wirklichkeit konstituieren mag — der Autorin in ihrem Roman Malina (1971) mehrfach Anlaß, die „andere“ Erfahrung des Drogenrausches als Tertium comparationis heranzuziehen: Das Reich der Phantasie, in dem die herrliche neue Wirklichkeit regieren soll, wird etwa als „trunkenes Land“ beschrieben, die Ich-Erzählerin bezeichnet die Lebenskraft, die ihr aus einer Liebesbeziehung erwächst, als „Injektionen von Wirklichkeit“ und vergleicht deren Wirkung mit der des Yage: „Meine Fantasie, reicher als die Yagefantasie, wird endlich durch Ivan in Bewegung gesetzt, etwas Immenses ist durch ihn in mich gekommen und strahlt nun aus mir, immerzu bestrahle ich die Welt, die es nötig hat …“ Analog dazu wird der Geliebte wie eine Droge betrachtet: „Sein Name ist ein Genußmittel für mich geworden, ein unentbehrlicher Luxus in meinem armseligen Leben …“ An einer späteren Stelle heißt es zwar beschwichtigend: „Nein, ich nehme keine Drogen, ich nehme Bücher zu mir“, doch haben einige Tagträume der Ich-Gestalt eine unübersehbare psychedelische Qualität (z.B. wenn sie sich von „Farben, leuchtend, knallig, rasend“ Übergossen fühlt oder wenn sie in Gedanken ausruft: „Mein Blau, mein herrliches Blau, in dem die Pfauen spazieren, und mein Blau der Fernen, mein blauer Zufall am Horizont! Das Blau greift tiefer in mich hinein …“) Das letzte Kapitel, in dem nur noch bildlich von einer „Morphiuminjektion“ die Rede ist, gestaltet sich in diesem Zusammenhang wie eine schmerzliche Entzugserfahrung, an der die sehnsüchtig empfindende Ich-Figur zugrunde geht; sie verschwindet in einem Riß in der Wand, übrig bleibt nur die in der Gestalt von Malina dargestellte kalte Sachlichkeit und Vernunft. (Die Zitate stammen der Reihe nach von den Seiten 26, 76, 87, 94, 183, 184 und 240 in Bachmann, Ingeborg: Malina, Frankfurt a.M. 31981.)Google Scholar
  13. 13.
    „Coleridges Opiumvisionen und Alpträume beeinflußten den größten Teil seiner Dichtung nur in geringem Maße, und durchaus nicht positiv.“ Allerdings habe die Opiumerfahrung einigen Einfluß auf seine „Feststellungen über den Sehmechanismus, besonders die Wahrnehmung von Flammen und Lichtmustern“ gehabt. (Hayter, p. 210; vgl. auch p. 197, sowie Schneider [1953], p. 71.)Google Scholar
  14. 14.
    Kant (1983), p.52 [139].Google Scholar
  15. 15.
    Wittgenstein (1963). Im vorhergehenden Satz 6.522 weist Wittgenstein außerdem darauf hin, daß das Unaussprechliche nur zeichenhaft erfahrbar sei: „Es gibt allerdings Unaussprechliches. Dies zeigt sich, es ist das Mystische.“Google Scholar
  16. 16.
    Thiel (1993), p. 125.Google Scholar
  17. 17.
    Kleber (1993), p. 131.Google Scholar

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