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Ansichten eines modernen Heiligen: Aldous Huxley und die Droge

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Zusammenfassung

Unter den hier besprochenen Schriftstellern, die im Drogenrausch eine Erkenntnis der geheimen Zusammenhänge des Universums suchten, ist Aldous Huxley wohl der einzige, dessen Werk dem Grundsatz Meister Eckharts nachkommt, „daß, was durch die Versenkung empfangen wurde, in Liebe wieder ausgegeben werden soll.“1 Fern vom Ennui der poètes maudits2 und ihrer künstlerisch kultivierten Daseinsqual, stellte er sein Schaffen in den Dienst einer pragmatischen Zivilisationskritik und suchte nach allgemein zugänglichen Auswegen aus der bedrückenden Enge unseres Alltags. Mit seinen begeisterten Äußerungen über das Erlebnis des Meskalin- und LSD-Rausches geriet er in der westlichen Gesellschaft jedoch an ein Publikum, das Erleuchtungen aller Art mit großem Mißtrauen begegnet. Was Huxley zu sagen hatte, wurde als skandalös empfunden, dabei meinte er es doch nur gut. Nicht so sehr Originalität, sondern Beharrlichkeit wurde unter dieser Bedingung seine vornehmste Tugend. Unbeirrt von der oft recht harschen zeitgenössischen Kritik3 blieb Huxley Fürsprecher einer spirituellen Bewußtwerdung, die er als Korrektiv und unerläßliche Ergänzung unseres materiellen Weltbildes empfand, und forschte weiter nach praktikablen Möglichkeiten einer harmonischen Verbindung von kosmischer und alltäglicher Erfahrung. Ein wohlmeinender Kritiker meinte daher, Huxley sei in erster Linie ein moderner Heiliger, und erst in zweiter Linie ein schreibender Künstler.4

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Anmerkungen

  1. 1.
    Huxley nennt das Zitat in einem Brief an Albert Hofmann; vgl. Seite 636.Google Scholar
  2. 2.
    Das hinderte ihn jedoch keineswegs daran, sich bei Bedarf auf solche einschlägigen Autoritäten zu berufen. In dem Essay „A Treatise on Drugs“ werden Poe und Baudelaire zwar nicht namentlich genannt, aber durch die Verwendung bekannter Zitate unmißverständlich ins Spiel gebracht: „Die Geschichte der Anwendung von Drogen stellt eines der merkwürdigsten und, wie ich finde, eines der bedeutsamsten Kapitel in der Naturgeschichte des Menschen dar. Überall und zu allen Zeiten haben Männer und Frauen Mittel gesucht und gefunden, um einen Urlaub von der Realität ihres allgemein dumpfen und oft erheblich unangenehmen Daseins zu nehmen. Ein Urlaub außerhalb des Raumes, außerhalb der Zeit, in der Ewigkeit des Schlafes oder der Ekstase, im Himmel oder in der Vorhölle der visionären Phantasie. ‚Anywhere, anywhere out of the world‘.“ [M 26. — Die Zitate aus Moksha werden hier lediglich durch Seitenangabe in eckigen Klammern bezeichnet]. — „Außerhalb des Raumes, außerhalb der Zeit“ („Out of space, out of time“) ist ein Zitat aus Poes Gedicht „Dream-Land“, „Any where out of the world“ ist der Titel des Prosagedichts XLVIII aus Baudelaires Le Spleen de Paris.Google Scholar
  3. 3.
    Die bemerkenswerteste dieser kritischen Reaktionen ist die des Oxforder Professors für Asiatische Religion und Philosophie R.C. Zaehner, dessen Unmut über Huxleys Äußerungen den Anlaß zu einem Selbstversuch mit Meskalin und zur Verfassung eines Buches gab, das eine Gegendarstellung versuchte: Mysticism, Sacred and Profane. An Enquiry into Some Varieties of Religious Experience, Oxford 1957.Google Scholar
  4. 4.
    Dennis Gabor in dem von Julian Huxley 1965 herausgegebenen Band Aldous Huxley: A Memorial Volume, p. 72; zit. nach Bowering (1970), p. 233.Google Scholar
  5. 5.
    Bowering charakterisiert Huxleys Island als einen Ideenroman, der durchaus verdienstvoll sei, „doch es ist der eine große Roman, auf den der kritische Vorwurf, es handele sich um ‚einen langatmigen Essay mit beigefügten Unterhaltungseinlagen‘ einigermaßen zutrifft.“ (p. 15)Google Scholar
  6. 6.
    Diese im wesentlichen pragmatistische Auffassung vertritt auch William James bereits in seinen Varieties of Religious Experience; vgl. die XVIII. Vorlesung, pp. 444 ff.Google Scholar
  7. 7.
    Bowering, p. 236. — Mit Bezug auf Krishnamurti und Meister Eckhart schreibt Huxley in „The Education of an Amphibian“: „Wiederholte Wahrheit ist keine Wahrheit mehr; sie wird nur dann wieder Wahrheit, wenn sie vom Sprecher als unmittelbare Erfahrung realisiert wird. Die organisierte Religion hat viel Gutes getan, sie hat aber auch viel Schaden angerichtet.“ (p. 36; Adonis and the Alphabet, and Other Essays, London 1956, pp. 9–38.)Google Scholar
  8. 8.
    Op. cit., p. 235.Google Scholar
  9. 9.
    Das Zitat stammt aus dem Essay „Downward Transcendence“, der 1952 im Anhang zu Huxleys Roman The Devils of Loudon veröffentlicht wurde.Google Scholar
  10. 10.
    Vgl. „Downward Transcendence“ [48].Google Scholar
  11. 11.
    „Schizophrenia: A New Approach“ wurde zuerst im Journal of Mental Science (Bd. XCVIII, April 1952) veröffentlicht und erschien unter demselben Titel, jedoch gekürzt, im Januar-Heft des Hibben Journal. Huxley las zunächst diese letztere Fassung, zitiert aber in „The Doors of Perception“ den ursprünglichen Text. Der Ko-Autor des Aufsatzes ist Dr. John Smythies.Google Scholar
  12. 12.
    Osmond erinnert sich elf Jahre später: „Ich hatte nichts über die Bestimmung bezüglich der Einführung von Meskalin in die Vereinigten Staaten in Erfahrung bringen können. Als ich sie einige Jahre später entdeckte, erkannte ich, daß ich Grund gehabt hatte, mir Sorgen zu machen.“ („May Morning in Hollywood“ [57])Google Scholar
  13. 13.
    Interessanterweise kommt Huxley hier auch schon auf „die erst kürzlich isolierte Droge Lysergsäure“ zu sprechen, die genauso wirke wie das Meskalin. Beide Drogen, so schließt er voller Enthusiasmus, seien möglicherweise in der Lage, die Schizophrenie, „diese große Pest unserer Zeit“, auf einfache Weise heilbar zu machen.Google Scholar
  14. 14.
    Mann, Thomas: Briefe [Bd. 3:] 1948–1955 und Nachlese, [Frankfurt] 1965; p. 332.Google Scholar
  15. 15.
    Aus einem Brief vom 22. Juli 1956 an Dr. Humphry Osmond. [144]Google Scholar
  16. 16.
    Huxley, Aldous: Island [I], London 1962; p. 175. — In künstlerischer Hinsicht sind die späteren literarischen Schriften Aldous Huxleys den kreativen Erzeugnissen der palanesischen Künstler in Island sicher sehr ähnlich, über die es in einer Art „Encyclopaedia Palanica“ mit dem schlichten Titel „Notes on What’s What“ heißt: „Ein Jahrhundert der Forschung über die Moksha-Medizin hat deutlich erwiesen, daß ganz gewöhnliche Leute durchaus in der Lage sind, visionäre oder sogar völlig befreiende Erfahrungen zu haben. In dieser Hinsicht haben die Männer und Frauen, die eine hohe Kultur betreiben und genießen, gegenüber den Ungebildeten keinen Vorteil. Eine weitgehende Erfahrung ist mit einer niedrigen Abstraktionsfähigkeit ohne weiteres vereinbar. Die Ausdruckssymbole, die von palanesischen Künstlern hervorgebracht wurden, sind nicht besser als die Ausdruckssymbole, die Künstler anderswo hervorbringen. Als Erzeugnisse von Glückseligkeit und einem Gefühl der Erfüllung sind sie wahrscheinlich weniger bewegend, vielleicht in ästhetischer Hinsicht weniger befriedigend als die tragischen oder ersatzschaffenden Symbole, die von Opfern der Frustration und Unwissenheit, der Tyrannei, des Krieges und schulderzeugenden, zu Verbrechen anhaltenden Aberglaubens geschaffen werden. Die palanesische Überlegenheit liegt nicht im symbolischen Ausdruck, sondern in der Kunst, die obwohl höherstehend und weitaus wertvoller als der ganze Rest, doch von jedem ausgeübt werden kann — die Kunst der angemessenen Erfahrung, die Kunst, alle Welten, die wir als Menschen bewohnen, näher kennenzulernen. Die palanesische Kultur ist nicht so zu beurteilen wie wir (mangels besserer Kriterien) andere Kulturen beurteilen. Sie ist nicht anhand ihrer Leistungen von einigen begabten Manipulatoren künstlerischer oder philosophischer Symbole zu beurteilen. Nein, sie ist anhand dessen zu beurteilen, was alle Mitglieder der Gemeinschaft, die gewöhnlichen ebenso wie die außergewöhnlichen, in jeder Eventualität und in jeder folgenden Überschneidung von Zeit und Ewigkeit erfahren und erfahren können.“ [I 172]Google Scholar
  17. 17.
    Das als Tibetisches Totenbuch bekannte Bardo Thödol (d.i. „Befreiung durch Hören im Zwischenzustand“) wurde im 8. Jahrhundert von dem Magier Padmasambhava, einem der Begründer des tibetischen Buddhismus, erstellt. Sterben und Wiedergeburt werden hier in drei Zwischenzustände unterteilt, die verschiedenen Erleuchtungsgraden entsprechen. Das Vorlesen des Textes soll dem Sterbenden die Möglichkeit bieten, seine Todesvisionen zu durchschauen und durch die Erkenntnis des eigenen Geistes den Weg ins Nirvana zu finden.Google Scholar
  18. 18.
    „Wie jedermann sonst haben auch Erzieher einen verkorksten Bewegungssinn, und, wie jedermann, so wissen auch sie nicht, daß ihre Standards von dem, was dem Körper gut tut und was ihm schadet, pervertiert sind. Althergebrachte Gewohnheiten eines unangemessenen Körpergebrauchs lassen sie glauben, daß, was sie als gut und natürlich empfinden, auch wirklich gut und natürlich sei. Tatsächlich ist es natürlich falsch und unnatürlich und wird nur als richtig empfunden, weil sie daran gewöhnt sind. Sie kommen nicht selbst zu der Einsicht, daß etwas in ihrem eigenen psychisch-physischen Apparat oder demjenigen ihrer Schüler von Grund auf verkehrt ist. Die enttäuschenden Ergebnisse der Erziehung werden von ihnen auf verschiedene Kombinationen nebensächlicher und oberflächlicher Ursachen zurückgeführt, niemals auf die entscheidende Ursache aller Ursachen — den unangemessenen Einsatz (des Körpers) und den Verlust des natürlichen Standards psychisch-physischer Gesundheit.“ [EA 21/22]Google Scholar
  19. 19.
    Auch in Island wird dieser Gedanke aufgegriffen. So heißt es im Zusammenhang mit der von Dr. Andrew und dem Radscha von Pala angestrebten interkulturellen Verständigung: „Wenn der König und der Arzt einander nun beibrachten, aus beiden Welten das Beste zu machen — aus der orientalischen und der europäischen, der alten und der modernen —, so geschah dies, um der ganzen Nation dazu zu verhelfen, dasselbe zu tun. Das Beste aus beiden Welten machen — was sage ich? Das Beste aus allen Welten machen — den Welten, die in den verschiedenen Kulturen bereits realisiert wurden und den Welten der noch unrealisierten Möglichkeiten. Es war ein enormes Unterfangen, ein Unterfangen, das unmöglich abgeschlossen werden konnte, aber wenigstens war es so verdienstvoll, sie anzuspornen, sie dort eindringen zu lassen, wo Engel sich einzutreten fürchten — mit Ergebnissen, die manchmal zu jedermanns Erstaunen bewiesen, daß sie nicht solche Dummköpfe waren, wie sie erschienen. Es gelang ihnen natürlich nie, das Beste aus allen Welten zu machen; doch da sie sich nur kühn darum bemühten, machten sie das Beste aus viel mehr Welten als jeder bloß umsichtige oder feinfühlige Mensch sich je zu versöhnen und zu kombinieren hätte träumen lassen können.“ [I 129]Google Scholar
  20. 20.
    Hofmann, Albert: „Preface“, p. 15; in: Moksha, pp. 13–15.Google Scholar
  21. 21.
    Den Begriff der „gratuitous grace“, definiert er in „Visionary Experience“ (1961) folgendermaßen: „Die theologische Definition einer Vision oder gar einer spontanen mystischen Erfahrung ist ‚Gnadengeschenk‘. Diese Dinge sind Gnaden, die uns erwiesen werden; wir erarbeiten sie nicht. Sie kommen zu uns und sind gratis, was bedeutet, daß sie für die Erlösung oder Erleuchtung, wie immer man es nennen mag, weder nötig noch bedeutsam sind. Aber wenn man sie sinnvoll nutzt, wenn man mit ihnen kooperiert, wenn die Erinnerung an sie für wichtig gehalten wird und die Menschen entsprechend den durch die Vision vorgebenen Linien arbeiten, dann können sie für uns von enormem Wert und von großer Wichtigkeit im Hinblick auf die Veränderung unseres Lebens sein. Diese Konzeption des Gnadengeschenks, das eine Wichtigkeit erhält, wenn wir es unterstützen, ist in der ganzen Bandbreite der visionären Erfahrung, der spontanen wie auch der herbeigeführten, sehr bedeutsam.“ [254]Google Scholar
  22. 22.
    Eine Besprechung solcher Methoden enthält etwa der Essay „Visionary Experience“ [238–243].Google Scholar
  23. 23.
    Wenn wir diese Gesellschaft als eine utopische verstehen, so ist doch anzumerken, daß sie nicht per se unmöglich ist, zumal es ähnliche Kulturen zweifellos gegeben hat, bis sie von den fragwürdigen Missionaren des abendländischen Kulturkreises zerstört wurden. Die Gesellschaft von Pala zeigt gewissermaßen eine postkapitalistische Naturgesellschaft: Es ist diese Verbindung, welche die Utopie von Huxleys Weltentwurf begründet, denn es scheint, als ob der Mensch ebensowenig hinter den Kapitalismus zurückgehen kann, wie er imstande ist, aus seinem Stand der Erkenntnis heraus die verlorene Unschuld wiederzuerlangen.Google Scholar
  24. 24.
    Vgl. DP 18.Google Scholar
  25. 25.
    Vgl. DP 17 sowie Seite 716 f. und 249.Google Scholar
  26. 26.
    Kermode, Frank: [Unbetitelte Rezension], Partisan Review, xxix (Summer 1962), pp. 472–473; in: Watt, Donald: Aldous Huxley: The Critical Heritage, London/Boston 1975; p. 454.Google Scholar
  27. 27.
    Allerdings weist Huxley in dem Essay „Chemical Persuasion“ (1958) darauf hin, daß seine Version des Soma keinen der erheblichen Nachteile der indischen Droge aufweise (vgl. 171).Google Scholar
  28. 28.
    Huxley schildert den unerbittlichen Vergnügungszwang, dem die Bewohner des totalitären Staates in Brave New World unterworfen sind und der jede Form der Unlust als mögliche Keimzelle der Kritik oder gar von Widerstand verhindern soll. Vor allem die alten Menschen, die als Pensionäre zuviel Zeit zum Nachdenken haben könnten, werden durch eine pausenlose Folge von Freizeitangeboten in Atem gehalten: „Das ist der Fortschritt — die alten Männer arbeiten, die alten Männer kopulieren, die alten Männer haben keine Zeit, keine Muße zum Vergnügen, nicht einen Moment, um sich hinzusetzen und nachzudenken — oder falls sich durch einen unglücklichen Umstand in der soliden Substanz ihrer Zerstreuungen jemals ein solcher Abgrund der Zeit auftun sollte, so gibt es immer noch Soma, das köstliche Soma, ein halbes Gramm für einen freien Nachmittag, ein Gramm für ein Wochenende, zwei Gramm für einen Ausflug in den herrlichen Osten, drei für eine dunkle Ewigkeit auf dem Mond; und von dort zurückgekehrt, werden sie sich auf der anderen Seite des Abgrunds finden, sicher auf dem festen Boden der täglichen Arbeit und Zerstreuung, von Feelie zu Feelie trippelnd …“ (Brave New World, p.54.)Google Scholar
  29. 29.
    In diesem Sinn schreibt auch Bowering: „Will ist immer noch im ‚Reich der Gegensätze‘ gefangen, so daß er nach seinem anfänglichen Vorgeschmack des Klaren Lichtes in die Schreckenswelt seines eigenen Selbst zurücksinkt.“ (p. 212).Google Scholar
  30. 30.
    „Mahayana-Buddhismus ist, wie Huxley insistiert, eine Art der Lebensbetrachtung, welche die Gegensätze versöhnt: ‚die glückselige Erfahrung des Ungeteilten‘.“ (p. 232.)Google Scholar

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© Springer-Verlag GmbH Deutschland 1996

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