Advertisement

Johann Christoph Vogels »Démophon« und die Krise der tragedie lyrique

Chapter
  • 39 Downloads

Zusammenfassung

Mit Glucks »Iphigénie en Tauride« schien die französische Oper auf eine kaum noch zu steigernde Ausdruckshöhe gelangt. Nach der Premiere am 18. Mai 1779 waren die meisten Kritiker verstummt. Glucks mißmutiger Rückzug aus Paris nach dem Mißerfolg seiner letzten Oper: »Echo et Narcisse« und das achtbare Abschneiden seines unfreiwilligen Kontrahenten Niccolò Piccinni mit seiner »Iphigénie en Tauride« (am 23. Januar 1781) ließ nur äußerlich und für kurze Zeit die Entscheidung offen. Ein herrlicher, an dramatischer Ausdruckskraft und Reichtum der Kan-tilene kaum zu übertreffender dritter Akt hatte das Werk beim Publikum gerettet, nachdem die kühle Rezeption der beiden ersten Akte noch auf ein Fiasko hingedeutet hatten. 16 Vorstellungen lang konnten sich die Anhänger Piccinnis um das Eingeständnis der Niederlage drücken. Erst dann trat Glucks »Iphigénie« in ihre Rechte und verdrängte, alle Schönheiten der Partitur ungeachtet, die tragédie lyrique des Konkurrenten auf Dauer. Wichtiger als diese spektakuläre Entscheidung auf der Bühne war aber die innere Wandlung des Komponisten Niccolò Piccinni. In der Wahl seines Librettisten mit Marmontel glücklicher als sein Rivale, hatte sich der berühmte Meister der neapolitanischen Schule von allem Anfang an darauf eingestellt, den Geltungsbereich der opera seria so zu erweitern, daß er auch die französischen Erwartungen an das musikalische Drama erfüllen konnte. Im Grunde strebte er, in seiner Bewegungsfreiheit viel stärker als Gluck eingezwängt zwischen den erstarrten Bühnenvorstellungen der Lully-Tradition und dem eher schwärmerischen als bedachten Kult der vollkommenen Melodie seiner Parteigänger, nach einem zukunftsoffenen Ausgleich zwischen dem empfindsamen Belcanto, das er selbst in die italienische Opernwelt eingeführt hatte, der beweglicheren Bühnenvielfalt, für die das musikalische Lustspiel bei den jüngeren Neapolitanern viel bewunderte Muster bereit gestellt hatte, und der zeremoniellen Strenge in der Repräsentation des dramatischen Geschehens, an der jeder französische Opernbesucher festhalten wollte.

Preview

Unable to display preview. Download preview PDF.

Unable to display preview. Download preview PDF.

Anmerkungen

  1. 1.
    Neben den älteren, in ihrer Quellenauswertung bis heute auch für diesen Aspekt der Epoche nicht übertroffenen Untersuchungen von Gustave Le Brisoys Desnoiresterres: »La musique français au XVIIIe siècle: Gluck et Piccinni 1774–1800« (Paris 1872, 1875, hier zitiert, Nachdruck Genf 1971)Google Scholar
  2. und E.H. Parent de Curzon: »Les dernières années de Piccinni à Paris« (Paris 1890)Google Scholar
  3. sind von den neueren Studien zur Rolle Piccinnis in Paris vor allem heranzuziehen A. Gastoué: »Niccolò Piccinni et ses opéras à Paris«, in: Note d’archivio per la storia musicale, Bd. 13 (1936), S. 250 ff.Google Scholar
  4. und J.G. Rushton: »The Theory and Practice of Piccinnisme« in: Proceedings of the Royal Musical Association, Bd. 98 (1971 f.), S. 31 ff.CrossRefGoogle Scholar
  5. 2.
    vgl. besonders Rudolf Angermüllers Monographie: »Antonio Salieri. Sein Leben und seine weltlichen Werke unter besonderer Berücksichtigung seiner großen Opern«, II. 1 (München 1974)Google Scholar
  6. und ders.: »Reformideen von Du Roullet und Beaumarchais als Opernlibrettisten« in: Acta Musicologica 48 (1976), S. 227 ff.CrossRefGoogle Scholar
  7. Vgl. auch die anschauliche Schilderung der Situation bei Volker Braunbehrens: »Salieri. Ein Musiker im Schatten Mozarts.« (München/Zürich 1989), S. 106 ff.Google Scholar
  8. 5.
    Vgl. Ernst Ludwig Berger: »Historisch-biographisches Lexikon der Tonkünstler« (2 Bde., Berlin 1791 f.), Bd. II, S.741 f.Google Scholar
  9. 41.
    Vgl. Remo Giazottos Monographie: »Giovan Battista Viotti« (Milano 1956).Google Scholar
  10. 48.
    Zit. nach Johann Friedrich Reichardt: »Vertraute Briefe aus Paris 1802/1803«, herausgegegeben und eingeleitet von Rolf Weber (Berlin 1981), S. 46 f.Google Scholar

Copyright information

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 1999

Authors and Affiliations

There are no affiliations available

Personalised recommendations