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Der Antagonismus des Naiven und Sentimentalischen bei Schiller

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Zusammenfassung

An die Leitdifferenz, die Schiller in seiner Schriftenreihe Ueber naive und sentimentalische Dicbtung[5] sogleich im Titel thematisiert, haben sich in der Forschung die unterschiedlichsten Deutungen geheftet, denen nicht zuletzt terminologische Schwankungen und Widersprüche aufgrund der stückweisen und auch zusammengestückten Entstehungsweise der Abhandlung Vorschub geleistet haben. Schiller verfertigte seine Gedanken ohne vorausgehendes Konzept erst allmählich beim Schreiben. [6] Er unternimmt dabei den Versuch, die Eigenart seiner Dichtungsweise zu rechtfertigen, die er im Vergleich zu derjenigen Goethes einerseits als defizient erlebt, andererseits aufgrund seiner theoretischen Prämissen jedoch als avancierter erachtet. In einem Brief an Wilhelm von Humboldt (26. Okt. 1795) aus der Entstehungszeit des ersten Teils der Abhandlung stellt er deren Thematik als Antwort auf die »ästhetische Gewissensfrage« dar, inwieweit er bei seiner Entfernung vom Geist griechischer Literatur, deren Studium er zugunsten jahrelanger philosophischer »Speculation« fast »völlig verabsäumt« habe, gleichwohl noch Dichter, und zwar: »besserer Dichter« sein könne. Durch die Querelle-Thematik, d.h. den Streitfall, ob der antiken oder modernen Poesie der Vorzug gegeben werden müsse, war der Ausgangsfrage Schillers ein agonaler Charakter in abstrakter Weise vorgegeben. Die Brisanz der Kontroverse hatte sich freilich seit der Schlichtung der Querelle, spätestens aber seit Herders Shakespear-Aufsatz (1773) mit dem Nachweis, daß »Shakespear Sophokles Bruder« sei, theoretisch erledigt. Die Frage nach dem Eigenrecht moderner Dichtung hatte für Schiller jedoch eine konkrete Dimension gewonnen, weil, wie er an Humboldt schreibt, »Göthe eine größere oder kleinere Portion Griechischen Geistes« mit der modernen Dichtart zu verbinden schien, so daß die alte Problematik unter dem Gesichtspunkt eines persönlichen Agons eine neue Aktualität gewann, und die Frage: »Sollten, mit einem Wort, neuere Dichter nicht besser thun, das Ideal als die Wirklichkeit zu bearbeiten?« um so dringlicher nach einer entlastenden Antwort verlangte.

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Notizen

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