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Die Verspätung der wissenschaftsgeschichtlichen Debatte in der deutschen Literaturwissenschaft

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Zusammenfassung

Der Mangel an wissenschaftsgeschichtlichen Studien in der germanistischen Forschung zählt zu den merkwürdigen und bedenklichen Erscheinungen, die der deutschen Literaturwissenschaft bis vor wenigen Jahren anhafteten. Während in Frankreich, England, Italien und den Vereinigten Staaten eine Reihe bedeutender Publikationen auf dem Gebiet der Wissenschaftsgeschichte erschienen und durch ihre profunde theoretische Reflexion zu extensiven methodischen Debatten führten und dabei die literaturwissenschaftlichen Arbeiten beeinflußten1, blieb es auf dem Feld der humanities in Deutschland auf diesem Gebiet lange Zeit ruhig. Die spezifischen Archäologien der Vorgeschichten der verschiedenen naturwissenschaftlichen Disziplinen schienen in ihren Ergebnissen bis zum Ende der siebziger Jahre die Geisteswissenschaften in ihrem Selbstverständnis kaum zu tangieren. Insbesondere die (west-)deutsche Germanistik vermied es weitgehend, sich auf wissenschaftsgeschichtliche Fragestellungen einzulassen, selbst dort, wo dies eine unabdingbare Voraussetzung für die Behandlung ihrer Gegenstände gewesen wäre. Selbstverständlich konnte dies im Banne der Interpretationslehren von Gadamer, Heidegger, Ingarden, Staiger oder Wellek/Warren auch keineswegs als Desiderat erscheinen; und wenn sich in der DDR-Germanistik das Augenmerk auf wissenschaftsgeschichtliche Aspekte richtete, so diente die — gerade durch die editorischen Bemühungen — dankenswerte Beschäftigung mit Forster, Herder oder zahlreichen vergessenen Autoren zumindest auch der ideologischen Ahnenforschung, die die Betroffenen gelegentlich bis zur Unkenntlichkeit adoptierte.2

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Copyright information

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 1996

Authors and Affiliations

  1. 1.BernSchweiz

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