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Goethe, ›Wilhelm Meisters Lehrjahre‹ (1795/96): Ein symbolischer Bildungsroman

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Zusammenfassung

Die ›Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten‹ erschienen — in sechs Fortsetzungen — zwischen Januar und Oktober 1795 in den ›Horen‹ (etwa gleichzeitig mit den ›Ästhetischen Briefen‹), sind also Goethes erster Beitrag zum Duumvirat der Klassiker. Allein von der Entstehungs- und Veröffentlichungsgeschichte des Textes2 her ist demnach die Grundthese fast aller neueren Interpreten plausibel, daß die ›Unterhaltungen‹ eine direkte Replik auf Schillers neue ästhetische Maximen beinhalten und daß Goethe hier seinerseits — nach dem zeitgeschichtlich epochalen Ereignis der Französischen Revolution und nach dem lebensgeschichtlich epochalen Einschnitt der Italienreise — im epischen Medium den Versuch einer neuen Standortbestimmung unternimmt. Im Gegensatz zum sich abzeichnenden Forschungskonsens scheint mir der Text allerdings bereits von dem die gesamte Zusammenarbeit von Schiller und Goethe prägenden Bemühen um größtmögliche Verständigung bei gleichzeitiger Wahrung der Eigentümlichkeit bestimmt: Goethe, der sich bekanntlich nach seiner Rückkehr in Weimar nicht nur persönlich, sondern auch durch seine neuen weltanschaulichen wie kunsttheoretischen Einsichten isoliert fühlte, findet mit Hilfe von Schillers kritizistisch fundierter Autonomieästhetik zu einer Neubestimmung von Form und Funktion in Kunst wie Literatur. Die ›Unterhaltungen‹ sind — so meine These — der Versuch Goethes, auf seine Weise das von Schiller für die ›Horen‹ formulierte Programm praktisch einzulösen3:

je mehr das beschränkte Interesse der Gegenwart die Gemüter in Spannung setzt, einengt und unterjocht, desto dringender wird das Bedürfnis, durch ein allgemeines und höheres Interesse an dem, was rein menschlich und über allen Einfluß der Zeiten erhaben ist, sie wieder in Freiheit zu setzen und die politisch geteilte Welt unter der Fahne der Wahrheit und Schönheit wieder zu vereinigen (*562 V, 870).

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© Springer-Verlag GmbH Deutschland 1993

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