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Ausgrenzung lesbischer Frauen aus dem patriarchalen Literaturbetrieb und die Schaffung von Öffentlichkeit durch die Frauenbewegung (Exkurs)

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Zusammenfassung

Auch in den siebziger Jahren war der deutschsprachige Literaturmarkt klar von Männern beherrscht. In allen entscheidenden Positionen der Verlage sassen Männer, die die Publikation oder Ablehnung von Texten beurteilten2. Die massgeblichen Kulturredaktionen von Zeitungen, Zeitschriften, Rundfunk und Fernsehen waren mit Redaktoren und Chefredaktoren besetzt. Die Gremien zur Verleihung von Literaturpreisen waren fest in Männerhand. Ein Beispiel dafür ist die Zusammensetzung der Jury zur Verleihung des Bremer Literaturpreises, einer der wichtigsten deutschsprachigen Literaturpreise. Von 1953 bis 1975 bestand diese Jury aus acht oder neun Männern. Zwar war bei der Schaffung des Preises vorgeschlagen worden, eine Frau in die Jury aufzunehmen — zur Diskussion standen Gertrud von Le Fort, Oda Schäfer und Luise Rinser -, aber die bereits nominierten Juroren waren sich einig, “dass keine der genannten Frauen in wünschenswerter Weise den Erfordernissen des Preisgerichtes entsprechen dürfte”3. So blieben die Herren unter sich und nahmen jeweils nur eine Frau einmalig als Gast auf, wenn sie Literaturpreisträgerin geworden war. Entgegen den Statuten halbierte diese Männerjury den Preis ausgerechnet dann, als er die ersten beiden Male Frauen zugesprochen wurde, nämlich Ilse Aichinger (1955 zusammen mit Herbert Meier) und Ingeborg Bachmann (1957 zusammen mit Gerd Ölschlägel).

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Notizen

  1. 1.
    Christa Reinig: “Ohne Frauenbewegung hätte ich das sowieso nicht geschafft” — Interview mit Christa Reinig von Madeleine Marti. In: Lesbenfront (Zürich), Nr. 17/1983, S.31Google Scholar
  2. 2.
    Vgl. dazu: — Z.B. die Aussage von Verlegerin Elisabeth Raabe in: Madeleine Marti: Arche-Verlag. In: Frauezitig (Zürich), Nr.26,1988, S.22 — In einem Artikel über die Veränderung des Lektorenberufs von den sechziger zu den achtziger Jahren werden namentlich eine Reihe wichtiger Lektoren und Verlagsleiter erwähnt, allesamt Männer: Lektoren: Klaus Roehler (Luchterhand), Karl Markus Michel, Hans Magnus Enzensberger und Martin Walser (Edition Suhrkamp), Hans Martin Lohmann und Christian Döhring (Suhrkamp), Rainer Weiss (Suhrkamp Theater), Thomas Beckermann (S.Fischer), Hansjörg Graf (List), Michael Krüger (Hanser) Verlagsleiter: Otto F. Walter (Luchterhand), Siegfried Unseld (Suhrkamp), Klaus Wagenbach (Wagenbach) In: Christian Seiler: Eine Zumutung für das wahre Kunstwerk. Neue Marktbedürfnisse verändern den Lektorenjob — wird ein Berufsstand überflüssig? In: Die Weltwoche, 8.2.1990Google Scholar
  3. 3.
    Wolfgang Emmerich (Hg.): Der Bremer Literaturpreis 1954–1987. Eine Dokumentation. edition die horen, Bremerhaven, 1988, S.10Google Scholar
  4. 4.
  5. 5.
    Hans Altenhein: Dichters Preis & Lohn. Ein Plädoyer für Literaturpreise. In: Frankfurter Rundschau, 19.12.1987Google Scholar
  6. 6.
    Vgl. dazu z.B. die Literturkritik zu Ingeborg Bachmann anlässlich der Verleihung von wichtigen Literaturpreisen. In: Constanze Hotz: “Die Bachmann” S. 37f., 110f., 132f.Google Scholar
  7. 7.
    Johanna Moosdorf, Nelly-Sachs-Preisträgerin Dortmund 1963. Mit Beiträgen von Johanna Moosdorf, Kyra Stromberg, Werner Warsinsky und einer Johanna-Moosdorf-Bibliographie von Hedwig Bieber. Stadtbücherei Dortmund 1965 (29 S.)Google Scholar
  8. 8.
    Susanne Kappeler: Pornographie — Die Macht der Darstellung, S.139Google Scholar
  9. 9.
    Pornographische Darstellungen von Lesben wurden jedoch Ende der sechziger, anfangs der siebziger Jahre von Männern durchaus publiziert, wie z.B. viele der Titel aus der langen Liste von Johanna Fürstauer, die auch unter dem Pseudonym Silvie White schrieb, zeigen.Google Scholar
  10. 10.
    Die Bedeutung des Suhrkamp-Verlages für die Publikation von Männerliteratur wurde eindrücklich dokumentiert in einem Buch, das an die Buchhandlungen abgegeben wurde: Suhrkamp Verlagsgeschichte 1950–1987. Suhrkamp Verlag, o.J.Google Scholar
  11. 11.
    Brief von Joachim Campe an Madeleine Marti, 15.11.1988Google Scholar
  12. 12.
  13. 13.
  14. 14.
    Die Herausgeberin Eva Maria Alves formulierte ihre Vorstellungen dazu in einem Brief an mögliche Mitarbeiterinnen am 20.7.1986: “Meine Befürchtung ist, dass Frauen, die lesbisch sind, und Frauen, die mit und über Lesben arbeiten, ausgeschlossen wurden und werden, gelegentlich reaktiv dazu neigen, sich selbst aus der übrigen Gesellschaft auszuschliessen durch Verstummen, Zirkelbildung, Misstrauen. Meine Hoffnung ist, und unsere Gemeinschaftsarbeit sollte es zeigen können, dass die Ausschluss- und Ausschliessungsverfahren nicht “vollkommen” sind, sondern dass Verständigung weiter gesucht, Verständnis auch gefunden werden mag.”Google Scholar
  15. 15.
    Brief von Eva Maria Alves an Madeleine Marti, 18.3.1987Google Scholar
  16. 16.
    Ich bin überzeugt, dass bei einer systematischen Untersuchung einzelner Schriftstellerinnen, die eigenständige Vorstellungen in bezug auf Weiblichkeit artikulierten, weitere Formen von Ausgrenzung, bzw. von Druck zur Anpassung an den Männerliteraturmarkt, ans licht kämen.Google Scholar
  17. 17.
    Vgl. Kapitel 5.2. und 10.1.Google Scholar
  18. 18.
    Regula Venske: Schriftstellerin wider das Vergessen, S.211Google Scholar
  19. 19.
    Originalausgabe in Englisch 1936Google Scholar
  20. 20.
    Alexandra Busch: Ladies of Fashion, S. 105Google Scholar
  21. 21.
    Brief von Johanna Moosdorf an Madeleine Marti, November 1986Google Scholar
  22. 22.
    Auch diese beiden Publikationen werden in der Suhrkamp Verlagsgeschichte (Anmerkung 10) nicht erwähnt.Google Scholar
  23. 23.
    — Marlene Stenten hat in einem Brief an Simone Werder, vom 17.5.82, die Publikationsgeschichte von Puppe Else geschildert. — Vgl. dazu auch: Margret Fehrer, S.88–92 und S.95Google Scholar
  24. 24.
    Brief von Marlene Stenten an Simone Werder, 17.5.82Google Scholar
  25. 25.
    Zitiert nach: Brief von Marlene Stenten an Petra Knust, 17.4.1985Google Scholar
  26. 26.
    Brief von Marlene Stenten an Simone Werder, 17.5.82Google Scholar
  27. 27.
    Brief von Marlene Stenten an Petra Knust, 17.4.1985Google Scholar
  28. 28.
    Reihe Die Frau in der GesellschaftGoogle Scholar
  29. 29.
    Die Verkaufszahlen habe ich auf Tausender gerundet. Angaben aus dem Brief von Barbara Julie Schürgers (Fischer Taschenbuch) an Madeleine Marti, 9.4.1990Google Scholar
  30. 30.
    Im Jahrhundert der Frau. Ein Almanach des Suhrkamp Verlages, 1980, S.7Google Scholar
  31. 31.
    Ebenda, S.8Google Scholar
  32. 32.
    Erschienen in: Hans-Ulrich Müller-Schwefe (Hg.): Neue deutsche ErzählerGoogle Scholar
  33. 33.
    Ursula Krechel: Selbsterfahrung und Fremdbestimmung. Darmstadt/Neuwied 1975, S.113Google Scholar
  34. 34.
    Ob der Frauenbuchvertrieb 1976 oder 1977 gegründet wurde, konnte ich nicht eruieren. Laut Emma-Kalender 1976 waren die ersten selbstverlegten Frauenbücher noch beim Maulwurf-Vertrieb Berlin zu beziehen, während im Emma-Kalender 1977 für dieselben Bücher der Frauenbuchvertrieb Berlin angegeben wird.Google Scholar
  35. 35.
    U.a.: Frauenoffensive-Extrajournal, Emma 3/1978, Courage 5/1978, Frauen und Film 28/1981, Frauezitig Zürich 14/1979Google Scholar
  36. 36.
    In: Einleitung zu Frauenliebe, Texte aus der amerikanischen Lesbierinnenbewegung, S.5Google Scholar
  37. 37.
    Ebenda, S.6Google Scholar
  38. 38.
    Sowie ausnahmsweise in einem linken Verlag: Valerie Solanas im März VerlagGoogle Scholar
  39. 39.
    In den siebziger Jahren veröffentlichte der Amazonen Verlag (Berlin/W.): 1976 — Jill Johnston, Lesben Nation. Die feministische Lösung (Original USA 1973) — Aimée Duc, Sind es Frauen? Roman über das dritte Geschlecht (Neuauflage von 1901) 1977 — Monique Wittig, Aus deinen zehntausend Augen Sappho (französisches Original: le corps lesbien, 1973) — Erinnerungen an Frauen. Eine Biographiensammlung, herausgegeben von Nancy Myron und Charlotte Bunch (Original USA 1974) — Elena Nachmann, Frauen aus dem Fluss (Original USA 1974) 1978 — June Arnold, Sister Gin (Original USA 1975) 1979 — Jane Rule, Bilder und Schatten. Die lesbische Frau in der Literatur (Original USA 1975)Google Scholar
  40. 40.
    Madeleine Marti: Arche Verlag. In: Frauezitig (Zürich), Nr.26/1988, S.22Google Scholar
  41. 41.
    Anke Schäfer: Von der Marktlücke zur Marktschwemme — eine Übersicht über die ökonomische Entwicklung der Frauenliteratur seit Beginn der neuen Frauenbewegung. In: Schreiben Nr.32, Bremen, 1987Google Scholar
  42. 42.
    Ebenda, S.86 und Brief von Anke Schäfer an Madeleine Marti, 6.6.1988Google Scholar
  43. 43.
    Anke Schäfer: Von der Marktlücke, S.89Google Scholar
  44. 44.
    Ebenda, S.89Google Scholar
  45. 45.
    Ebenda, S.90Google Scholar
  46. 46.
    Vorbereitungsgruppe Lesbenwoche (Hg.): “Mit allen Sinnen leben” — Dokumentation der 1.Berliner Lesbenwoche, 26.10.–2.11.85Google Scholar
  47. 47.
    Die ersten Bücher waren: — Ina Kuckuc, Der Kampf gegen Unterdrückung. Materialien aus der deutschen Lesbierinnenbewegung — Françoise d’Eaubonne, Feminismus oder Tod — Elena Gianini Belotti, Was geschieht mit kleinen Mädchen? Ein Beitrag zur rollenspezifischen Sozialisation — Barbara Ehrenreich/Deidre English, Hexen, Hebammen und Krankenschwestern. The witches are back! — Freia Hofmann, Sterilisation — Verena Stefan, Häutungen Nach der Zusammenstellung von Ulrike Bauer (Frauenoffensive Verlag), Juni 1988Google Scholar
  48. 48.
    Zur Gründung des Frauenoffensive Verlages: Ursula Münch, Hat die Alleinherrschaft der Männerverlage jetzt ein Ende? In: Emma (Köln), Nr.1/1977, S.8–12Google Scholar
  49. 49.
    Ulrike Bauer, Liste der verlegten Bücher und Brief an Madeleine Marti, 29.6.1988Google Scholar
  50. 50.
    Vgl.: — Ulrike Bauer, ebenda — Martina Schäfer: Feministische Fiktionen und literarische Traditionen eines autonomen feministischen Verlages. Inhaltsbezogene Strukturanalyse an ausgewählten Texten des FrauenverlagesFrauenoffensiveMünchen. (Dissertation) München 1986, S.42Google Scholar
  51. 51.
    Chudi Bürgi: Wider denTunnelblick”. Der Orlanda Frauenverlag. In: Frauezitig (Zürich), Nr.23, 1987, S.38Google Scholar
  52. 52.
    Alle vorhergehenden Angaben zum Orlanda Frauenverlag stützen sich auf den Artikel von Chudi Bürgi, a.a.O.Google Scholar
  53. 53.
    Daneben auch je ein Buch im Vietkau-Verlag (Berlin/W.) und im S.Fischer Verlag. Zudem erschienen Taschenbuchausgaben von bereits in der Eremitenpresse veröffentlichten Texten bei dtv, Fischer und in der Sammlung Luchterhand.Google Scholar
  54. 54.
    Auf meine Fragen an die Redaktion, ob meine Beobachtung und die daraus gezogenen Schlussfolgerung richtig sei, erhielt ich keine Antwort. Auf telefonische Nachfrage hiess es, der Verlag spiele bei der Auswahl zur Rezension keine Rolle. Frauenoffensive werde nicht absichtlich übergangen. Allerdings war das Verlagsprogramm von Frauenoffensive gar nicht bekannt.Google Scholar
  55. 55.
    Auf meinen Brief an die Redaktion der Zeit, in dem ich darauf aufmerksam gemacht hatte, erhielt ich keine Antwort.Google Scholar

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© Springer-Verlag GmbH Deutschland 1992

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