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Rettendes Herz und Puppenseele

Zur Psychologie der Fernliebe in Rilkes Briefwechsel mit Magda von Hattingberg
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Part of the Ergebnisse der Frauenforschung book series (ERFRAU)

Zusammenfassung

In Briefen läßt sich psychische Nähe gerade durch Distanz herstellen. Sie suggerieren die Anwesenheit eines Abwesenden ebenso, wie sie durch raumzeitliche Entfernung vor seiner vielleicht als zu unmittelbar empfundenen Anwesenheit schützen. Wer Briefe schreibt, kann ohne Angst vor direkten Einwänden und Angriffen ein Bild von sich und dem Adressaten entwerfen, das zwar intentional an den anderen gerichtet ist, aber vor allem eigene Wünsche und Vorstellungen zur Sprache bringt. In einer Korrespondenz ist es, zumindest vorübergehend, möglich, ein Ideal-Ich ebenso wie ein ideales Bild des andern zu imaginieren, ohne beides (wie im persönlichen Gespräch) sofortiger Korrektur auszusetzen. Briefe können also die eigene Identität schützen und stützen, indem sie eine scheinbar souveräne Beziehung des Schreibenden zu sich selbst und anderen ermöglichen.

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Anmerkungen

  1. 1.
    Rainer Maria Rilke: Briefwechsel mit Benvenuta. Hg. von Magda von Hattingberg. Esslingen 1954, S.104.Google Scholar
  2. 3.
    Rainer Maria Rilke: Briefe. Hg. vom Rilke-Archiv in Weimar in Verbindung mit Ruth SieberRilke besorgt durch Karl Altheim. Bd.l. Frankfurt/M. 1950, S.71.Google Scholar
  3. 6.
    Auch Marcel Kunz beschreibt Rilkes Narzißmus: »(...) das Gegenüber ist unerreichbar (...) Absolute Annäherung bedeutet Authebung und Zerstörung des Gegenübers. Damit Narziß sein Spiegelbild überhaupt erkennen und lieben kann, braucht es einen Abstand, einen Zwischenraum.« —»Fällt diese letzte Distanz dahin, ist die totale Annäherung erreicht, so bedeutet dies zugleich den Tod. « Ders.: Narciss. Untersuchungen zum Werk Rainer Maria Rilkes. Bonn 1970, S.3 u. S.5.Google Scholar
  4. 7.
    Den narzißtischen Charakter von Rilkes Briefen (vor allem an Benvenuta) betonen außer Erich Simenauer u.a. auch Herwig und Storck. Ders.: Rainer Maria Rilke. Legende und Mythos. Frankfurt/M. 1953. Vgl. Herwig: Studien, S.158; vgl. Storck: Rilke, S.66.Google Scholar
  5. 8.
    Erich Simenauer zeigt, daß Rilkes »Hang nach Einsamkeit (...) die Ausmaße einer Süchtigkeit annimmt.« Ders.: Rilke, S.158.Google Scholar
  6. 10.
    Auch Storck stellt fest:.Eine echte Lebensbewältigung ist für ihn ausserhalb der künstlerischen Verwirklichung nicht möglich (...) Hier liegt der Urkonflikt (...) in Rilkes Leben, (...) für den die briefliche Kommunikation oft gleichsam ein Mittel der Entlastung werden soll.« Storck: Rilke, S.24.Google Scholar
  7. 13.
    Rainer Maria Rilke, Lou Andreas-SalomB: Briefwechsel. Wiesbaden 1952, S.248.Google Scholar
  8. 20.
    Daß die Sekundärliteratur den Publikationen Frau von Hattingbergs so wenig Beachtung schenkte, mag daran gelegen haben, daß man ihre (zwar oft überzogen gefühlsbetonte, aber dennoch schonungslose) Offenheit nicht akzeptieren konnte. Simenauer nennt Rilke und Benvenuta »eines der aufschlußreichsten Erinnerungsbücher., das in der »gläubigen Rilkegemeinde vielfach Unglauben und Ablehnung hervorgerufen hat«. Simenauer: Rilke, S.489. Und Timothy Casey behauptet: »Manche Kritiker betonen, Benvenuta habe Rilke nicht verstanden, aber es handelt sich weniger um ein Mißverständnis als um eine Antipathie gewissen Eigenschaften in Rilkes Wesen gegenüber. « Ders.: Rilkes Briefe. Der persönliche Hintergrund und die Entwicklung ihrer Grundthemen. Unveröff. Diss. Bonn 1953, S.113. Wolfgang Herwig wirft Frau von Hattingberg vor, weder mit ihrer Briefausgabe noch mit ihrem Erinnerungsbuch verläßliche Quellen geboten zu haben. Vgl. ders.: Studien, S.46.Google Scholar
  9. 70.
    Narziss. In: Rainer Maria Rilke: Sämtliche Werke. Bd.3: Gedichte. 2. Teil. 1.Abt. Hg. vom Rilke-Archiv in Weimar in Verbindung mit Ruth Sieber-Rilke. Frankfurt/M. 1957, S.56f.Google Scholar

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© Springer-Verlag GmbH Deutschland 1991

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