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Die Dramatik weiblicher Selbstverständigung in den Briefromanen Caroline Auguste Fischers

Chapter
Part of the Ergebnisse der Frauenforschung book series (ERFRAU)

Zusammenfassung

Der Einfluß von schreibenden Frauen auf die Entwicklung des deutschsprachigen Briefromans seit dem 18. Jahrhundert wurde von der Literaturgeschichtsschreibung traditionell als ebenso bedeutsam wie fatal eingeschätzt: Frauen galten als entscheidend sowohl für den Aufstieg des Genres als auch für dessen ‘Verfall’ im Rahmen trivialisierter Massenlektüre im 19. Jahrhundert.’ Von Gellert und Richardson als »natürlichere« Briefschreiberinnen betrachtet und nachdrücklich zum Verfassen von Briefen aufgefordert, prägten Frauen im Kontext empfindsamer Kultur das Genre als bürgerliche literarische Ausdrucksform mit und vermochten mit seiner Hilfe selbst literarisches Terrain zu erobern2. Gleichzeitig — so jedenfalls eine in der Forschungsliteratur lange Zeit gängige Auffassung — konnte nach Sophie La Roche, von deren Geschichte des Fräuleins von Sternheim (1771) wichtige Impulse für die Entwicklung des Briefromans in Deutschland ausgingen3, keine spätere Autorin mehr prägend und erneuernd auf das Genre einwirken.4 Dadurch, daß Frauen in ihren literarischen Werken überwiegend an dem festhielten, was den Privatbrief seit der Mitte des 18. Jahrhunderts in Deutschland literaturfähig gemacht hatte:5 an der Konzentration auf familiäre Themen, der Möglichkeit der Gefühlsaussprache und der moralisch begründeten Selbstreflexion, der sprachlich-stilistischen Annäherung an den bürgerlichen Alltag, also an ästhetisch spätestens seit der Klassik nicht mehr hochgeschätzten Komponenten, trugen sie angeblich zur literaturgeschichtlichen Marginalisierung des Genres bei und verursachten damit zugleich die Ausgrenzung der eieenen Werke aus dem literarischen Kanon.

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Anmerkungen

  1. 1.
    Vgl. Dieter Kimpel: Entstehung und Formen des Briefromans in Deutschland. Interpretationen zur Geschichte einer epischen Gattung des 18. Jahrhunderts und zur Entstehung des modernen deutschen Romans. Diss. (masch.-schr.) Wien 1961, S.67f.Google Scholar
  2. 2.
    Vgl. Barbara Becker-Cantarino: Leben als Text. Briefe als Ausdrucks- und Verständigungsmittel in der Briefkultur und Literatur des 18. Jahrhunderts. In: Hiltrud Gnüg, Renate Möhrmann (Hg.): Frauen-Literatur-Geschichte. Schreibende Frauen vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Stuttgart 1985, S.83–103; vgl. außerdem den Aufsatz von Regina Nörtemann in diesem Band.Google Scholar
  3. 3.
    Vgl. das Nachwort von Barbara Becker-Cantarino zu Sophie von La Roche: Geschichte des Fräuleins von Sternheim. Hg. von Barbara Becker-Cantarino. Stuttgart 1983, S.382.Google Scholar
  4. 4.
    Selbst Ilse Weymar, die in ihrer für die Erscheinungszeit bemerkenswert unideologischen und gründlichen Untersuchung zum Briefroman als einzige näher auf den Beitrag von schreibenden Frauen eingeht, kommt zu dem Ergebnis: •Nach dem Vorbild Richardsons und der La Roche entsteht der empfindsame Frauenroman, dessen literarische Bedeutung zwar gering ist, da er an seine Vorbilder nicht heranreicht und die Geisteshaltung, aus der sie erwachsen sind, im Abklingen ist und durch Romane wie Wilhelm Meister und Heinrich von Ofterdingen völlig überwunden wird.« Dies.: Der deutsche Briefroman. Versuch einer Darstellung von Wesen und Typenformen. Diss. (masch:schr.) Hamburg 1942, S.41.Google Scholar
  5. 5.
    Eine ähnliche Entwicklung beschreibt Jurij Tynjanov für die russische Literatur des 18. Jahrhunderts. Vgl. ders.: Das literarische Faktum. In: Texte der russischen Formalisten. Bd.1. Hg. u. mit e. einl. Abhdlg. vers. von Jurij Striedter. München 1969, S.419–423.Google Scholar
  6. 6.
    Vgl. Wulf Koepke: The Epistolary Novel: From Self-Assertation to Alienation. In: Transactions of the Fifth International Congress of the Enlightenment. (Studies on Voltaire and the 18th Century 192) Oxford 1980, S.1275–1284; vgl. außerdem Gert Mattenklott: Briefroman. In: Horst Albert Glaser (Hg): Deutsche Literatur. Eine Sozialgeschichte. Bd.4. Reinbek bei Hamburg 1980, S.185–203.Google Scholar
  7. 7.
    Vgl. Wilhelm Voßkamp: Dialogische Vergegenwärtigung beim Schreiben und Lesen. Zur Poetik des Briefromans im 18. Jahrhundert. In: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 45 (1971), S.80–116. Hier: S.115; Hans-Rudolph Picard: Die Illusion der Wirklichkeit im Briefroman des 18. Jahrhunderts. Heidelberg 1971, S.121.Google Scholar
  8. 8.
    Vgl. Karl Robert Mandelkow: Der deutsche Briefroman. Zum Problem der Polyperspektive im Epischen. In: Neophilologus 44 (1960), S.200–208; Koepke: Novel, S.1281–1284; Mattenklott: Briefroman, S.196–199 u. S.202f.Google Scholar
  9. 11.
    Vgl. Koepke: Novel, S.1276: »There is a clear trend from a general to an outsider’s interest.•Google Scholar
  10. 12.
    Silvia Bovenschen: Die imaginierte Weiblichkeit. Exemplarische Untersuchungen zu kulturgeschichtlichen und literarischen Präsentationsformen des Weiblichen. Frankfurt/M. 1979, S.200.Google Scholar
  11. 13.
    Vgl. Ulrike Prokop: Die Einsamkeit der Imagination. Geschlechterkonflikt und literarische Produktion um 1770. In: Gisela Brinker-Gabler (Hg.): Deutsche Literatur von Frauen. Bd.1. München 1988, S.325–365.Google Scholar
  12. 14.
    Vgl. Christa Bürger (Hg.): Zur Dichotomie von hoher und niederer Literatur. Frankfurt/M. 1982; Helga Geyer-Ryan: Der andere Roman. Versuch über die verdrängte Ästhetik des Populären. Wilhelmshaven 1983.Google Scholar
  13. 15.
    Lydia Schieth: Die Entwicklung des deutschen Frauenromans im ausgehenden 18. Jahrhundert. Ein Beitrag zur Gattungsgeschichte. Frankfurt/M. u.a. 1987, S.21; vgl. auch Toril Moi: Sexus. Text. Herrschaft. Feministische Literaturtheorie. Bremen 1989, S.39.Google Scholar
  14. 16.
    Bovenschen: Die imaginierte Weiblichkeit, S.215. Die briefschreibenden Romantikerinnen nimmt Bovenschen von ihrer Wertung aus. Vgl. Anm.284, S.215f.Google Scholar
  15. 17.
    An einer bibliographischen Erfassung wird derzeit gearbeitet: Die Bibliographie zum deutsche Roman von Frauen (1770–1810), hg. von Helga Gallas, Magdalene Heuser und Anita Runge, erscheint voraussichtl. Anfang 1991. Einige der wichtigsten, zum Teil kaum noch zugänglichen Texte Caroline Auguste Fischers, Therese Hubers, Caroline von Wobesers, Friederike Helene Ungers und Johanna Isabella Eleonore von Wallenrodts werden nachgedruckt in der Reihe: Frühe Frauenliteratur in Deutschland. Hg. von Anita Runge. Hildesheim u.a. 1987ff.Google Scholar
  16. 18.
    Vgl. Schieth: Entwicklung; Helga Meise: Die Unschuld und die Schrift. Deutsche Frauenromane im 18. Jahrhundert. Berlin, Marburg 1983.Google Scholar
  17. 19.
    Vgl. Janet Gurkin Altman: Epistolarity. Approaches to a Form. Columbus 1982, S.185–187.Google Scholar
  18. 20.
    Wie in dero.g. Bibliographie nachgewiesen werden kann, ist der Briefroman auch um 1800 noch das bevorzugte Genre fiir schreibende Frauen. Die Art und Weise, wie die Möglichkeiten des epistolaren Erzählens genutzt werden, hat sich ausdifferenziert. Das Spektrum reicht von eher traditionellen Romanen wie Susanne von Bandemers Klara von Bourg. Eine wahre Geschichte aus dem letzten Zehntheil des abscheidenden Jahrhunderts. Frankfurt/M. 1798 (dazu: Helga Slessarev: Susanne von Bandemers Beitrag zur Entwicklung des Briefromans. In: Goethe Jahrbuch. N.F. 30 (1968), S.132–137), Marianne Ehrmanns Antonie von Warnstein. Hamburg 1798, Friederike Lohmanns Clara von Wallburg. Leipzig 1796 und Claudine lahn oder Bescheidenheit und Schönheit behält den Preis. Leipzig 1802–1803, die — wie die Titel schon andeuten — am Beispiel von weiblichen Normfiguren lebenspraktische Probleme weiblicher Existenz innerhalb eines durch die bürgerliche »Bestimmung des Weibes. festgelegten Rahmens behandeln, bis hin zu Sophie Mereaus Briefroman Arnanda und Eduard. Frankfurt/M. 1803, der durch einen kühnen Umgang mit autobiographischem Material (vor allem mit den zwischen Mereau und ihrem Geliebten Kipp gewechselten Liebesbriefen) und eine kritische Haltung gegenüber Ehe und Familie gekennzeichnet ist, oder Johanna Isabella Eleonore von Wallenrodts Das Leben der Frau von Ii4tllenrodt in Briefen an einen Freund, die bemerkenswerte Autobiographie einer deklassierten Adligen, in der die Briefromanform die Grundlage für eine beinahe modern anmutende autobiographische Bekenntnisliteratur abgibt.Google Scholar

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