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Die ›Xenien‹ Goethes und Schillers als Dokument eines Generationskampfes

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Zusammenfassung

Für die Sozialge schichte des klassischen Weimar, mit der ich mich zur Zeit im Rahmen einer Münchner Forschergruppe beschäftige, sind die bisher wenig erforschten Xenien ein wichtiges Dokument. Es empfiehlt sich dabei allerdings von dem herrschenden Klischee des bürgerlichen Klassenkampfes möglichst weit abzurücken; denn die Tendenz des Geheimrats Goethe und des Hofrats Schiller ist in diesem gemeinsamen satirischen Feldzuge gegen den Leipziger Buchmarkt, gegen die bürgerliche Intelligenz und gegen die meisten tonangebenden Zeitschriften eher antibürgerlich. Ich nähere mich vorläufig diesem höchst komplizierten historischen Gegenstand von einer Seite, die in der traditionellen Soziologie zu wenig beachtet wird, obwohl ihr schon in meiner Studienzeit, d.h. in der Weimarer Republik, große Aufmerksamkeit geschenkt wurde1 und obwohl sie heute in unsern Zeitungen viel diskutiert wird — nicht zuletzt unter sozialen Gesichtspunkten. Die Generationsunterschiede sind unbestreitbar zunächst eine biologische Tatsache, werden aber beim Menschen, infolge der geistigen Reaktion auf sie, zugleich eine soziale und sozialgeschichtliche Erscheinung. Sie erinnern auch daran, daß sich der geschichtliche Prozeß keineswegs in einer geraden Linie bewegt, wie es die beliebten Formeln von der ›Überwindung der Aufklärung‹, von der ›Überwindung des Sturm und Drang‹, von der ›Überwindung der Romantik‹ glauben machen, sondern in der ständigen Auseinandersetzung zwischen Traditionen und neuen Tendenzen.

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Notizen

  1. 1.
    Z.B. Wilhelm Pinder, Das Problem der Generation, Berlin 1926;Google Scholar
  2. Julius Petersen, Die literarische Generation. In: Emil Ermatinger (Hrsg.), Philosophie der Literaturwissenschaft. Berlin 1930;Google Scholar
  3. Eduard Wechssler, Die Generation als Jugendreihe und ihr Kampf um die Denkform, Leipzig 1930. Heute erscheint mir ein französisches Buch besonders wichtig:Google Scholar
  4. Gérard Mendel, La crise de générations, Paris 1969;Google Scholar
  5. 5.
    Die Suche nach Klopstockkritik mag sich aus Klopstocks (schlechtem) Epigramm gegen Goethe und Schiller ergeben haben, zitiert bei Albert Bettex, Der Kampf um das klassische Weimar. Zürich und Leipzig 1935, 41.Google Scholar
  6. 6.
    Ernst Julius Saupe, Die Schiller-Goetheschen Xenien, Leipzig 1852, 186. Ebenso Eduard Boas (s. Anm. 24) 1. Teil, 186.Google Scholar
  7. 7.
    Gustav Sichelschmidt, Friedrich Nicolai. Geschichte seines Lebens, Herford 1971, 133.Google Scholar
  8. 18.
    Gustav Rümelin, Reden und Aufsätze. Neue Folge. Freiburg [1881], 416, 415.Google Scholar
  9. 19.
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  10. 23.
    Wolfgang Pross, Jean Pauls geschichtliche Stellung. Tübingen 1975, 170 ff.Google Scholar
  11. 24.
    Richard Samuel, Derkulturelle Hintergrund des Xenienkampfes, 1937. In: R.S., Selected Writings. Hrsg. von D.R. Coverlid u.a. The University of Melbourne Press 1965, 16. Der Aufsatz ist überhaupt entschieden hervorzuheben. Samuel erkennt z.B., ohne das Wort zu gebrauchen, bereits die symbolische Methode der Xenien-Dichter: »Sie rennen gegen einen Einzelnen an, wenden sich aber damit gegen eine ganze Kulturströmung, die um der Deutlichkeit willen in diesem Einzelnen gekennzeichnet wird« (S. 18). Die Frage: Wer ist gemeint? ist, historisch gesehen, ebenso zweitrangig wie die von den Klassikern selbst abgelehnte Frage: Wer ist der Verfasser? Mit dieser Feststellung soll die überwiegend mikrophilologische Einstellung der früheren Xenien-Forschung keineswegs als nutzlos abgetan werden. Besonders Eduard Boas’ grundlegendes Werk Schiller und Goethe im Xenienkampf, Stuttgart und Tübingen 1851, bleibt nach wie vor unentbehrlich.Google Scholar
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  13. 29.
    Friedrich Schlegel, Kritische Schriften. Hrsg. von Wolfdietrich Rasch. München 21964, 122 f.Google Scholar

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© Springer-Verlag GmbH Deutschland 1989

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