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Goethes Ikarus-Flug

Zur Forcierung des Klassizismus im Achilleis-Plan
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Zusammenfassung

Die keineswegs selbstverständliche Tatsache, daß der romantische Programmatiker A.W. Schlegel Goethes Hexameterepos Hermann und Dorothea begeistert begrüßt, erklärt sich nicht zuletzt daraus, daß mit diesem weltlichen und bürgerlichen Epos die klassizistische Epos-Theorie mit den Forderungen des Götterapparats und der heroischen, womöglich kriegerischen Handlung gründlich erledigt erschien. Schlegel hat den Ehrgeiz, »eine in sich zusammenhängende Charakteristik der ursprünglichen epischen Gattung zu entwerfen«, und er trägt auch tatsächlich durch Betonung der Vielheit der Begebenheiten, des lockeren Aufbaus und durch Begriffe wie »Besonnenheit und Ruhe«, »ruhige Darstellung des Fortschreitenden«, »Gleichgewicht und Maß der stätigen [!] und unermüdlichen Bewegung« zur Herausbildung eines neuen, eher formalen Eposbegriffes bei; aber zu diesem Zweck mußte die poetologi-sche Tradition radikal beseitigt werden: »Wir müßen hiebei zuvörderst alle gangbaren und in unsern Lehrbüchern immer wiederholten Begriffe von der sogenannten Epopöe gänzlich bei Seite setzen1.« Die alte Abneigung gegen den heidnischen Götterapparat, der schon im englischen Puritanismus (Milton) und in der deutschen Empfindsamkeit (Klopstock) zum Rückgriff auf das christliche Epos geführt, in der Spätaufklärung das religiös neutrale Feenepos (Wielands Oberon), ja sogar das götterlose klassizistische Humanitätsdrama (Goethes Iphigenie) hervorgebracht hatte, verstärkt sich in der Romantik. Darüber hinaus behauptet A.W Schlegel in der erwähnten Rezension, das gesamte öffentliche Leben, ob nun das Heer oder der Staat, sei durch den von uns heute so genannten aufgeklärten Absolutismus zu einer bloßen »Angelegenheit des Verstandes« geworden — sogar »für die lenkenden Personen selbst« -: »dem ist schlechterdings keine poetische Seite abzugewinnen«.

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Notizen

  1. 1.
    Goethe, Hermann und Dorothea, Mit Aufsätzen von A.W. Schlegel, W.v.Humboldt u.a., insel taschenbuch 225, Frankfurt a.M. 1976, S. 127.Google Scholar
  2. 3.
    Vgl. F. Sengle, Biedermeierzeit II, Stuttgart 1972, 626 ff.Google Scholar
  3. 5.
    Emil Staiger, Goethe, II, Zürich 1962, 289 f.Google Scholar
  4. 6.
    Wolfgang Schadewaldt, Goethes Rekonstruktion der Dichtung, in: W.Sch., Goethestudien, Zürich und Stuttgart 1963, S. 301–395. Wichtig ist besonders der synoptische Druck von Goethes Schemata und Schade-waldts Rekonstruktion (S. 305–329), die manchmal eher homerisch als goethisch ist (s.u.).Google Scholar
  5. 10.
    Humphry Trevelyan, Goethe und die Griechen, Hamburg 1949, S. 261.Google Scholar

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© Springer-Verlag GmbH Deutschland 1989

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